HOME

Koalition in der Krise: Schäuble steht als Reservekanzler bereit

In der Flüchtlingskrise und angesichts schlechter Umfragen für die Union wird Wolfgang Schäuble schon mal als möglicher Nachfolger im Kanzleramt gehandelt. Aber will der mächtigste Minister das überhaupt?

Wolfgang Schäuble

Er geht mit der Kanzlerin auch mal ins Kino: Finanzminister Wolfgang Schäuble

Es war wohl als Witz gedacht. Als Wolfgang Schäuble kürzlich gefragt wurde, ob er sich das Kanzleramt zutraue, verwies er schmunzelnd auf Konrad Adenauer. Der sei schließlich mit 73 Jahren zum ersten Mal Bundeskanzler geworden. Das ist genau das Alter, das Schäuble gerade hat.

Es war einer dieser typischen Schäuble-Sätze - eine ironische Bemerkung mit vieldeutiger Ansage. Mal sind es verwirrende, mit historischen Vergleichen und allerlei Anekdoten verpackte und hingenuschelte Endlossätze. Mal aber auch scharf formulierte Worte. Auch deshalb wird der Machtmensch, der seit mehr als vier Jahrzehnten im Bundestag sitzt, häufig als Sphinx beschrieben.

Viele fragen sich dieser Tage: Steht der amtierende, sonst stets loyale Finanzminister noch an der Seite der mit einem rasanten Autoritätsverlust kämpfenden Kanzlerin? Oder bereitet er sich still und leise darauf vor, Angela Merkel im Fall der Fälle abzulösen?

Schäuble erlebt Höhepunkt seiner Karriere

Unter Verschwörungstheoretikern gilt Schäuble als zentraler Akteur. Erst die Differenzen in der Griechenland-Krise, nun der Widerspruch in der Flüchtlingskrise.

Der wichtigste Minister im schwarz-roten Kabinett vertritt andere Positionen und versucht nicht einmal, Differenzen zu kaschieren. In einer für die Bundesrepublik äußerst schwierigen politischen Lage scheint Schäuble - der ewige Zweite - noch einmal einen Höhepunkt seiner Karriere zu erleben.

Die Lage für die Union ist ernst - "dramatisch" geradezu, wie Schäuble es selbst formuliert. Der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab und damit auch der Absturz der Unionsparteien in Umfragen. Noch vor drei Monaten galt Merkel als unangefochten, die Union kam sogar in die Nähe einer absoluten Mehrheit. Jetzt scheint ein Sturz Merkels nicht mehr ausgeschlossen. Das Unionslager ist verstört.

Schäuble hat mehr Gespür als Merkel

Schäuble scheint die Stimmung besser einzufangen als seine Chefin. In der Flüchtlingskrise hat er lange geschwiegen, in der Fraktion hielt er sich zurück. Am Sonntag dann stellte er sich hinter Innenminister Thomas de Maizière (CDU), der einen niedrigeren Flüchtlingsstatus für Syrer will. Das musste in dem Fernsehinterview aus Schäuble - der selbst einmal das Innenressort leitete - nicht herausgekitzelt werden. Er wollte es unbedingt loswerden.

Nun ist häufig von Putsch die Rede. So aber tickt Schäuble nicht, auch wenn der einstige Beinahe-Kanzler und Fast-Bundespräsident mit Merkel noch die eine oder andere offene Rechnung hat. Schäuble will einen anderen Kurs, aber Merkel nicht stürzen, so heißt es in seinem Umfeld. Sehr wohl aber stünde er notfalls bereit. Schäuble hält sich für alle Ämter gerüstet und fähig, jederzeit im Kanzleramt einzuspringen - wenn gewünscht.

Der Mann aus dem Badischen gibt sich stets als disziplinierter Staatsdiener. Der Jurist, der nach einem Attentat seit 25 Jahren im Rollstuhl sitzt, baut sich nicht laut polternd als Gegenpol zur Kanzlerin auf wie CSU-Chef Horst Seehofer. Er wird jedenfalls nicht der Königsmörder sein. Aber natürlich nimmt Schäuble zur Kenntnis, dass er von vielen in der CDU als möglicher Nachfolger Merkels gehandelt wird, der in der Flüchtlingskrise harte Kante und die Bundesregierung wieder auf Kurs bringen könnte.

Krise legt Merkels Versäumnisse offen

In der Krise werden auch andere Versäumnisse der Merkel-Jahre sichtbar - etwa fehlende Investitionen in den Wohnungsbau, ins Bildungswesen, in die Infrastruktur oder den digitalen Ausbau. Die wirtschaftlich guten Zeiten wurden nicht genutzt für durchgreifende Reformen. Schäuble lässt immer mal durchblicken, dass er sich mehr gewünscht hätte, aber nun mal nicht die Richtlinienkompetenz habe.

Wie schon in der Euro- und Griechenlandkrise gilt Schäuble als konservativer als Merkel. In der CDU wird er bewundert für seine Schachzüge und seine Härte. Als erster Finanzminister seit mehr als vier Jahrzehnten schaffte er einen Haushalt ohne neue Schulden. Mit seinen Gedankenspielen über einen Euro-Austritt Griechenlands - den "Grexit auf Zeit" - und seiner unnachgiebigen Haltung gegenüber der Athener Regierung war der Finanzminister sogar beliebter als die langjährige Umfragekönigin Merkel.

Für Schäuble dürfte das eine späte Genugtuung gewesen sein nach vielen Enttäuschungen. Er wurde nicht Kanzler, weil Helmut Kohl ihn wieder fallen ließ. In der Spendenaffäre brachte Merkel ihn um den Parteivorsitz. Dann machte sie nicht ihn zum Bundespräsidenten, sondern den damals völlig unbekannten Horst Köhler. Schäuble war als Spitzenkandidat der Berliner CDU im Gespräch, auch als EU-Kommissar sowie als Chef der Eurogruppe.

Neun Jahre führte er die Unionsfraktion im Bundestag, eine Zeit lang auch die CDU. Zu Angela Merkel hat er ein besonderes Verhältnis. Er war mal ihr Chef, jetzt ist sie seine Chefin. Das aufeinander angewiesene Duo schätzt und respektiert sich. Beide gehen auch mal zusammen ins Kino. Duzfreunde sind sie aber immer noch nicht.

In der Griechenlandkrise konnte Schäuble sogar mit seinem Rücktritt kokettieren. Denn er weiß, dass Merkel - die Nummer eins - ihn - die offizielle Nummer zwei - nicht gehen lassen oder rauswerfen kann. Schäuble weiß um seine Macht, kann dies aber stets gut verbergen. Putsch-Gerüchte wird er auf seine Art als Unsinn abtun, als Quatsch. Er genießt aber den Respekt und die parteiübergreifende Akzeptanz, die er hat - wie ein Bundespräsident.

André Stahl / DPA