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Wolfgang Tiefensee: Der Verkehrt-Minister

Er ist nett. Er kann auch was. Cello spielen zum Beispiel. Oder vorlesen. Doch was der Politiker Wolfgang Tiefensee anpackt, misslingt - von der Bahnreform bis zum Aufbau Ost. Wer ist der Mann, den sie "Pfütze" nennen? Die Geschichte eines gescheiterten Hoffnungsträgers.

Von Jan Rosenkranz

Das ist doch mal ein schöner, harmloser Termin. Ein dunkler Konferenzsaal im Berliner Hotel Maritim, gut gekühlte Getränke und ein paar Hundert seriös gekleidete Immobilienunternehmer. Kein Bahnstreik, keine Bahnreform. Wolfgang Tiefensee strahlt. Doch das heißt nichts. Tiefensee strahlt immer. Strahlt und breitet seine Schwingen aus, als wollte er die Welt umarmen. Als wäre er mit sich und den Menschen im Reinen. Dabei wird derzeit kein deutscher Politiker so geprügelt wie er. Eigentlich müsste Wolfgang Tiefensee Regen im Gesicht tragen.

Der Minister für Verkehr und Bauen spricht in seinem Grußwort viel von "gemeinsam erreicht" und "zusammen geschafft", und am Ende bedankt sich der Gastgeber artig und sagt: "Sie sollen wissen, wir stehen hinter Ihnen - und zwar nicht mit gefährlichen Waffen."

Es soll beruhigend klingen. Und Tiefensee strahlt. Er hat nicht mehr viele Freunde. Es gibt zu viele, die ihn seltsam finden, die ihn nicht verstehen. Zu viele, die ihn für unfähig halten. Seine halbe Partei, mindestens, die SPD-Fraktion, die Bürger sowieso. Spätestens seit er sein Prestigeprojekt Bahnprivatisierung so grandios vergeigt hat, gilt der Strahlemann als das nette Nichts des Kabinetts. Spottnamen machen die Runde: Flachwasser, Pfütze. Es sind gemeine Namen. Namen, die er schon aus Leipzig kennt, wo er sieben Jahre Oberbürgermeister war. Und Titel, die hinzugekommen sind, weil ihm einfach nichts gelingt. Er ist der "entgleiste Minister", der "Bundesverkehrsbürgermeister". Nur Artenschutz bewahrt ihn vor dem Rauswurf - der 52-Jährige ist der "Quoten-Ossi" der Genossen. Einen besseren haben sie nicht.

Kritik? Fehler? Da versteht er nur Bahnhof

Es läuft also entsetzlich. Aber so würde der Minister das nie ausdrücken. Er widerspricht sogar ausdrücklich. Sagt: "Ich bin Gegenwind gewohnt." Sagt auch: "Gegenwind macht mich nur stärker." Man muss ihm das nicht glauben. Denn so gesehen wäre er der Supermann der Koalition. Sicher, selbst Parlamentshaudegen können sich nicht erinnern, wer dem "Schwarzbrot- Ministerium" (Tiefensee) je Glanz verleihen konnte. Unter Kanzler Schröder durften sich in sieben Jahren vier Männer daran versuchen - unter ihnen für wenige Monate Franz Müntefering. Aber Tiefensee schafft es, seine Vorgänger spielend zu unterbieten. Erst war er nur blass, nun ist er auch noch ungeschickt. Macht zu wenig aus seinem Riesenetat. Der Börsengang der Bahn ist gescheitert. Die Privatisierung der Deutschen Flugsicherung gestoppt.

Beim Versuch, den Streit zwischen Russland und der Lufthansa um Überflugrechte zu schlichten, sorgte Tiefensee erst für schwere diplomatische Störungen und brachte am Ende beide Parteien gegen sich auf. Und obwohl seine Pressestelle täglich diverse Mitteilungen über diverse gerade eingeweihte Ortsumgehungen zwischen Delitzsch und Schkeuditz verschickt - zum Aufbau Ost fällt dem zuständigen Minister wenig ein. Sein Planungsstab bastelt nun am vierten Konzept zum leidigen Thema.

"Man kann die Scheinwerfer auch anders drehen", sagt Wolfgang Tiefensee an einem trüben Novembervormittag in seinem Büro. Zur Begrüßung hat er, wie immer, gestrahlt. Er kann nicht anders. Und er will das Genörgel nicht länger auf sich sitzen lassen. Das Gemoser. Das Gestichel. Dann zählt er auf, was alles prächtig läuft: die Einführung des "Wohn-Riester", die Klimaschutzsanierung der Gebäude und dass die Fehmarnbelt-Brücke nun ohne deutsche Bürgschaft errichtet werden kann. "Darüber redet nur kein Mensch." Dann macht er eine kurze Pause und sagt: "Das Einzige, was momentan nicht hundertprozentig läuft, ist die Teilprivatisierung."

Nicht hundertprozentig. Man könnte auch sagen: Das Projekt steht vor dem Prellbock, aufs Abstellgleis geschoben von seinen eigenen Genossen. Doch Tiefensee kennt keine Zweifel: "Wir sind immer noch im Zeitplan. Wir wollten im letzten Quartal 2008 die Aktien platzieren. Ich kämpfe darum, dass das gelingt." Man fragt ihn: Fühlen Sie sich nicht im Stich gelassen von ihren Parteifreunden? Und er sagt: Nein - mit vielen Worten. Man fragt: Hätten Sie nicht mehr für Ihr Modell werben müssen? Und er sagt: Nein - "Ich hatte angeboten, das Projekt auf Landesparteitagen mit mir zu diskutieren, aber die Landesvorstände wollten das Thema nicht groß auf die Tagesordnung setzen." Und man fragt: Fühlen Sie sich ungerecht behandelt? Und er sagt: "Für mich ist 'ungerecht behandelt' keine Kategorie. Wie sagt man so schön: Der Erfolg hat viele Väter, der Misserfolg ist ein Waisenkind."

Vor zwei Jahren hat sich Wolfgang Tiefensee aus Leipzig auf den Weg nach Berlin gemacht. Angekommen ist er im Nirgendwo. "Er macht Politik noch so, als wäre er Oberbürgermeister", sagt einer aus der SPD-Spitze. "Knappes Ausreichend, maximal", heißt es in der Fraktion. Die Opposition spricht vom "Totalausfall". Und ein Regierungsmann, der sonst selten um Worte ringt, wird beim Stichwort Tiefensee auffallend nachdenklich: "Wie soll man sagen …" Pause. "Es klingt fast albern ..." Pause. "Er hat ein entwaffnend ehrliches, idealistisches Wesen. Er vertraut darauf, dass sich das bessere Argument durchsetzt." Pause. "Das ist in der Politik, vorsichtig formuliert, nicht zwingend so." Vorsichtig formuliert. Man könnte auch sagen: Darum geht es nie. Es geht um Mehrheiten - und die hat der Minister derzeit alle gegen sich.

Er hat ein Talent dafür, sich Gegner zu erhalten - und neue zu schaffen. Vorige Woche wollte er endlich mal wieder mit einer schönen Nachricht punkten. Er lud zur Pressekonferenz, um den Startschuss für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses zu geben. Er breitete seine Schwingen aus, strahlte und schwärmte, man sei nun dem "wunderbaren Vorhaben" einen Schritt näher gekommen. Leider hatte Tiefensee nur vergessen, diverse intensiv Beteiligte einzubinden. Vielleicht war es ihm egal. Vielleicht wollte er das Rampenlicht für sich allein. Der Kulturstaatsminister war nicht dabei. Berlins Bürgermeister fehlte. Und der Stiftungspräsident, dessen Museen dereinst im Schloss residieren sollen, erfuhr en passant von dem Termin und eilte mit wehendem Mantel herbei.

Alle beleidigt. Alle genervt. Ein klassischer Tiefensee. Was ist bloß geworden aus dem Popstar von der Pleiße, der BMW nach Leipzig holte und Porsche und die Post-Tochter DHL? Wo ist der Mann geblieben, der mit seinem wunderbaren Cellospiel für Olympia in Leipzig warb. Elegant, galant, gewandt - dem Kapellmeistersohn traute man alles zu. Was der vierfache Vater tat, wirkte locker und leicht. Was er berührte, wurde zu Gold. Schröder hätte ihn 2002 gern in sein Kabinett geholt. Doch Tiefensee sprang in letzter Sekunde ab ("Mein Platz ist in Leipzig"), was ihn in der Heldenstadt noch populärer machte und den Kanzler richtig sauer. Sein Urteil: Dem fehlt die Härte.

Nur privat hat er sein Glück gefunden

Vielleicht ist es ja wirklich so, wie wohlmeinendere Genossen vermuten: Wenn einer aus der Landespolitik in die Bundesliga aufsteigt, hat er es immer schwer - und Tiefensee kommt nicht mal aus der Landesliga. Er war Kreisklasse. Er war der kleine König von Leipzig, wo er nur samstags übern Markt spazieren musste, um die Stimmung seiner Untertanen zu erspüren. Wo er es gewohnt war, dass alle machen, was er will; dass ihm keiner reinredet. Aber Berlin ist nicht Leipzig. Berlin tickt anders. Schneller. Härter. Machtorientierter. Vielleicht ist Tiefensee wirklich nicht hart genug für diese Liga. Vielleicht ist diese Stadt einfach zu groß für ihn.

Vielleicht denkt er das manchmal sogar selbst. Neulich zum Beispiel beim Besuch der Berliner Sankt-Paulus-Grundschule. Er hat die Krawatte in seinem wasserstoffbetriebenen Dienstwagen gelassen, die Lesebrille aufgesetzt und seine knapp zwei Meter lässig auf den Lehrertisch drapiert. Er strahlt die Kinder an, sie strahlen zurück. Er ist gekommen, um ihnen aus "Pony Pedro" von Erwin Strittmatter vorzulesen. "Der Autor beschreibt, dass es ihm in der Stadt nicht mehr gefällt, wie es ihm zu eng in seiner Wohnung wird und er einfach zurück aufs Land will", erklärt Tiefensee den Schülern. Und dann beginnt er mit sonorer Stimme: "Auf dem Dorfe kennt jeder jeden. Die Lebenswege der Menschen liegen vor dir ausgebreitet." Die Kinder lauschen gebannt, aber man fragt sich, wer da spricht: Strittmatter oder Tiefensee?

Wolfgang Tiefensee scheint seltsam entwurzelt, ohne Halt. Auch die Partei ist für ihn keine Heimat. Er hat lange gebraucht, um einzutreten. Der Ingenieur, den es in der Wendezeit an den runden Tisch verschlagen hatte, wollte sich politisch nicht binden. Erst 1995 war er so weit. Doch er hielt sich weiter fern von der Sachsen-SPD mit ihrem Verlierernimbus, die bei der vorigen Wahl gerade mal 9,8 Prozent holte. Er hätte Spitzenkandidat werden können oder Landeschef, aber er wollte nicht „der Genosse“ sein. Er war "der Tiefensee", seine eigene Marke. Das ist er bis heute. Doch seine Marke ist nichts mehr wert.

Tiefensee fehlt die Gabe, Mehrheiten zu organisieren

Auf Stehempfängen bekommt er das zu spüren. Die sind Machtbarometer. Wer spricht mit wem - oder eben nicht. Es gibt Steher (wichtig) und Geher (unwichtig). Steher empfangen Gesprächspartner, wechseln selten den Ort. Geher ziehen Kreise. Beim Empfang vor dem SPD-Parteitag ist Wolfgang Tiefensee ein Geher. Ziellos streift er ums Büfett im Hamburger Ratskeller, lächelt unsicher mal hier und mal dort, sein Blick schwirrt unablässig unruhig durch den Raum, als suchte er nach einem Anker, einem bekannten Gesicht, einem aufmunternden Blick. Er geht früh. Tiefensee hat noch immer keinen Draht in die Partei, kein Netzwerk, keine Freunde - und ihm fehlt die Gabe, Mehrheiten zu organisieren. In Hamburg bekam er das heftig zu spüren. Am ersten Tag watschten ihn die Delegierten bei der Wahl zum Parteivorstand ab. Am zweiten demontierten sie den Bahnreformer mit einem Beschluss, der ihm die Hände bindet. Tiefpunkt Tiefensee.

Mit dem Tiefpunkt wachsen die Zweifel - nicht bei ihm, bei den Genossen. Selbst seine Heldentaten als OB wirken nun wie Leipziger Allerlei. Plötzlich heißt es, der hatte den Laden nie im Griff. Der hat doch nur repräsentiert. Und Cello gespielt. So reden sie jetzt. Und dass sie besser seinen Staatssekretär Achim Großmann zum Minister gemacht hätten, "aber es musste ja unbedingt ein Ossi sein". Hoffnungsträger buckeln eine schwere Last. Exhoffnungsträger werden leicht von ihr erschlagen.

Er ist jetzt ganz unten. Er will sich nicht geschlagen geben. Er will wieder in die Offensive kommen. Auch mal wieder gute Presse haben. Wie auf dem Bundespresseball - Fernsehkameras überall, Fotografen, Mikrofone und mittendrin Tiefensee, der 2005 eine "Auszeit" von seiner Frau genommen hatte, und seine neue Freundin Annette Bender. Sie busselten und tanzten eng, so unschuldig und auffällig. Er war der umschwirrteste Prominente des Abends - dabei half, dass sonst kaum Prominente kamen. Er nutzte seine Chance und strahlte und breitete die Schwingen aus. Und dieses Mal, da passte es sogar. An diesem Abend war er der Steher. Vielleicht steht Wolfgang Tiefensee auch beruflich wieder auf. Nicht alle haben ihn abgeschrieben. Neulich hat Altkanzler Helmut Schmidt die Fraktion besucht. Ausführlich lobte er die SPD-Minister, die alle gute Arbeit leisteten, der Franz, der Peer - "und auch der Tiefental da".

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