Zwischenruf Drei Tote im Dom


Erst jetzt ist die Ära von Edmund Stoiber in der CSU vorüber - und das Ende erinnert an ein Shakespeare-Drama. Weil er unbedingt Kanzler werden wollte, hat er seine Partei ins Unglück gerissen. Wie vor ihm Helmut Kohl die CDU.
Von Hans-Ulrich Jörges

"Wer hoch steht, den kann mancher Windstoß treffen, und wenn er fällt, so wird er ganz zerschmettert."
(William Shakespeare, Richard III .)

Zorn ist die Begierde, den Schmerz zu vergelten, sagt Kirchenrat Dieter Breit. Die Zornigen, an die das geistliche Wort gerichtet ist zu Beginn des CSU-Parteitags, sitzen in der ersten Reihe wie auf den Tod verfeindete Recken in einem Shakespeare'schen Königsdrama im Dom zu Canterbury. Edmund Stoiber stumm neben denen, die ihm seine Ämter genommen hatten und denen er nun ihre Ämter genommen hat: versteinert Erwin Huber, mit tränengeschwollenen Lidern Günther Beckstein. Politisch betrachtet hat jeder jeden umgebracht. Dazwischen, fast amüsiert, derjenige, der an den Ämtern schon gescheitert war und sie nun doch noch gewonnen hat: Horst Seehofer. Als Stoiber begrüßt wird, bricht ein Sturm los, unerhört, nie erlebt: Pfiffe und Buhrufe. Er sinkt zusammen auf seinem Stuhl, das Haupt gesenkt, kaut auf den gepressten Lippen, die Kiefer mahlen.

"Die Hölle ist leer, und alle Teufel sind hier!"
(William Shakespeare, Der Sturm)

Edmund Stoiber ähnelt Helmut Kohl in dieser bitteren Stunde. Der musste, nach 16 Jahren Kanzlerschaft und einer hartnäckig verdunkelten Spendenaffäre, den Ehrenvorsitz der CDU aufgeben. Stoiber verlor, nach 14 Jahren Regentschaft, unter Pfeifen und Buhen den Ehrenvorsitz der CSU, de facto. Kohl und Stoiber, die Könige, endeten als Verderber der Union. Jeder von ihnen holte das zweitbeste Wahlergebnis in der Geschichte seiner Partei - und riss sie dann doch in den Abgrund: machtblind, egozentrisch, unbelehrbar. Am Ende der Kohl-Ära hatte die Union fast ein Drittel ihrer Wähler verloren. Die Stoiber-Ära kostete die CSU zum Schluss 17 Prozentpunkte. Kohl riss die Union unter 40, Stoiber die CSU unter 50 Prozent - im Wolfratshauser Heimatwahlkreis gar von 72 auf 45,6 Prozent. Nichts spricht dafür, dass CDU und CSU im Bund demnächst wieder über 40 kommen.

"Es fallen eure Gründ auf euch zurück wie Hunde, die den eignen Herrn zerfleischen."
(William Shakespeare, Heinrich V.)

Kohl brach am Ende mit seinem treuesten Paladin, dem er das Erbe verweigerte: Wolfgang Schäuble. Stoiber brach mit seinen Herzögen, die ihm das Erbe entwanden und dann zu Opfern seiner Rache wurden: Huber und Beckstein. Brennender Ehrgeiz hat Stoiber vernichtet. Machtkrank wurde er dadurch, krank an ungestillten Ambitionen, an den Widersprüchen zwischen Können, Wollen und Dürfen. Kanzler wollte er werden, bis zum Schluss, als der Bogen längst überspannt war. Nur 6000 Stimmen fehlten der Union, um stärkste Partei zu werden, als er es zum ersten Mal versuchte, als Kanzlerkandidat 2002 - und 570.000 Stimmen für eine schwarz-gelbe Koalition. Das ließ ihn nicht mehr los. Bundespräsident hätte er werden können 2004, anstelle von Horst Köhler. Er wäre das erste Staatsoberhaupt der CSU gewesen, glanzvoller als Franz Josef Strauß. Alles wäre anders gekommen für ihn und die CSU. Aber er wollte höher hinaus, ins Kanzleramt: "Ich brenne noch." Gerhard Schröder, der wusste, was das hieß, bot ihm die Präsidentschaft der EU-Kommission an, aber auch die schlug er aus.

"Die Größe, die du suchst, wird dich erdrücken!"
(William Shakespeare, Heinrich IV.)

Als die Wahl 2005 fast ein Patt brachte zwischen Angela Merkel und Gerhard Schröder, sah Stoiber seine Stunde gekommen. Er sei bereit, Verantwortung in Berlin zu übernehmen, verkündete er, hoffte darauf, dass Merkel von der SPD als Kanzlerin abgelehnt würde. Als sich das zerschlug, lehnte er das Finanz- und danach auch das Wirtschaftsressort ab, floh in Panik aus Berlin. Gebrochen der Stolz der Bayern und der Mythos CSU. Alles kehrte sich nun gegen ihn. Auch die Politik, die er in Bayern durchgedrückt hatte, brachial, als ehrgeizigster aller Reformer. Der schuldenfrei gesparte Haushalt, die brutale Verwaltungsreform, das Transrapid-Abenteuer, das verheerende Anti- Raucher-Gesetz, das Fraktionschef Georg Schmid angelastet wurde, nach dessen Erinnerung aber von Stoiber ersonnen wurde, schließlich das Desaster der Landesbank. Auf die mochte der Ambitionierte natürlich nicht verzichten, als sein Wirtschaftsminister Otto Wiesheu zum Verkauf riet, schon 2005. Wir müssen den Leuten den Stolz wiedergeben, sagt Seehofer, der Sieger. Als Missionar muss er nun übers Land fahren, um den von Stoiber gesäten Hass aus der Partei zu predigen. Und als Schaukämpfer nach Berlin, um die CSU ins Machtgefüge zurückzupressen. Der Spätbeglückte zieht in Stoibers Ruinen. Doch nirgendwo würde er lieber wohnen.

"Ein tiefer Fall führt oft zu höherm Glück."
(William Shakespeare, Cymbeline)

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