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Zwischenruf: Gedächtnis der Nation

20 Jahre Fall der Mauer, 60 Jahre Bundesrepublik: 2009 wird ein Jubiläumsjahr für deutsche Geschichte. Das historische Wissen der Deutschen ist erschreckend gering - ein besonderes Projekt soll Erinnerungen von Zeitzeugen für die Nachwelt bewahren.

Von Hans-Ulrich Jörges

Dass der Zweite Weltkrieg 1939 begann, wissen immerhin noch 61 Prozent der Deutschen.
60 Prozent erinnern sich, dass Joschka Fischer in Turnschuhen vereidigt wurde.
Und 57 Prozent können die Dauer des Ersten Weltkriegs korrekt benennen: 1914 bis 1918.
Das war's dann aber auch schon mit den Mehrheiten des historischen Wissens, der Rest ist Minderheitensache.
Nur noch 40 Prozent wissen, dass der deutsche Angriff auf die Sowjetunion in Stalingrad scheiterte,
ebenso viele, 40 Prozent, dass mit dem "Eisernen Kanzler" Otto von Bismarck gemeint ist.
Noch weniger, nämlich 35 Prozent, nicht mehr als ein gutes Drittel also, können sagen, dass die Bundesrepublik Deutschland und die DDR im Jahre 1949 gegründet wurden.
Dass die Berliner Mauer 1961 gebaut wurde, wissen gerade 34 Prozent der Deutschen,
dass sie am 9. November 1989 fiel, können 33 Prozent sagen - kaum mehr als die Zahl jener, die das Jahrhundert des 30-jährigen Krieges kennen: 32 Prozent wissen, dass er Europa im 17. Jahrhundert verwüstete.

Fortan sind's weniger als ein Drittel:
Jeweils 30 Prozent der Deutschen wissen, dass Konrad Adenauer besondere Verdienste um die Aussöhnung mit Frankreich hatte und dass Helmut Schmidt in jungen Jahren den Beinamen "Schnauze" trug.
Theodor Heuss als ersten Bundespräsidenten können 29 Prozent nennen,
Wilhelm Pieck als erstes Staatsoberhaupt der DDR gerade noch 18 Prozent.
Dass im Spiegelsaal von Versailles das deutsche Kaiserreich gegründet wurde, wissen 28 Prozent, dass es sich bei dem Mann, der in einer Strickjacke Geschichte machte, um Helmut Kohl handelt, 24 Prozent.

Und nun wird's ganz eng: Als Dachdecker unter den Spitzenpolitikern identifizieren 17 Prozent Erich Honecker,
16 Prozent Kurt Georg Kiesinger als Kanzler der ersten Großen Koalition in der Bonner Republik.
Nicht mehr als zwölf Prozent wissen, dass Preußen nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten verboten wurde,
acht Prozent, dass Otto I. der erste deutsche Kaiser war,
je sieben Prozent, dass Robert Blum der prominenteste Anführer der demokratischen Revolution von 1848 war und Angela Merkel aus der Uckermark stammt.

Die Daten, vergangene Woche vom Forsa-Institut für den stern erhoben, offenbaren Erschreckendes: Sieben Prozent konnten keine der 21 Fragen richtig beantworten, nur fünf der 1001 Befragten - 0,5 Prozent - alle. Dabei ist das Geschichtswissen der Ostdeutschen wesentlich besser als das der Westdeutschen: Die Ossis antworteten im Schnitt neunmal korrekt und kamen bei neun Fragen auf Quoten von über 50 Prozent. Die Wessis konnten nur 6,7 Fragen richtig beantworten, Mehrheiten brachten sie nur dreimal zustande. Die 14- bis 29-Jährigen antworteten im Schnitt 4,8-mal richtig.

So bescheiden das Wissen, so groß das Interesse - und so lebendig die persönliche Erinnerung. Durchschnittlich 5,1 Millionen Menschen sahen in den vergangenen Wochen die zehnteilige Geschichtsreihe "Die Deutschen" im ZDF - populär und doch mit großer Sorgfalt präsentiert von Guido Knopp, dem Geschichtslehrer der Nation, und interpretiert von 30 erstrangigen Historikern, Heinrich August Winkler zum Beispiel, dem Doyen der Gilde. Es war öffentlich- rechtliches Fernsehen vom Besten, beispielhafte Einlösung seines Bildungsauftrags. Die dünkelhafte Kritik in einigen Feuilletons verblasst vor dem Erfolg: Die Linke scheut den Begriff "deutsch" - wie ein Riegel blockiert die NSZeit den Blick zurück auf "zauselige Halbbarbaren" in "germanischen Urwäldern". Der Rechten war's nicht elitär genug - "ridikül", lächerlich. Der Rest waren Neidreflexe gegenüber Knopp. Ridikül, einfach lächerlich.

Die Deutschen sehen das anders. Zeitgeschichtliche Literatur ist gefragt. Viele Ältere bringen Erlebtes zu Papier. Diese Erinnerung wollen Guido Knopp und ich lebendig halten, in einem "Gedächtnis der Nation" - nach dem Modell der "Shoah Foundation" Steven Spielbergs, der die Erinnerungen von Überlebenden des Holocaust in Video-Interviews für die Nachwelt festhielt. Das "Gedächtnis der Nation" soll Erinnerungen von Zeitzeugen an die Stationen deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert auf die gleiche Weise sammeln, historisch überprüft und eingeordnet für Schulen, Universitäten und Geschichtsinteressierte im Internet kostenlos abrufbar machen. Finanzieren wollen das gemeinnützige Projekt, in Medienpartnerschaft unterstützt durch ZDF und stern, die Robert Bosch Stiftung, Volkswagen und Daimler. Es wird niemandem gehören, sondern allen: den Deutschen.

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