Zwischenruf Null Toleranz für Intoleranz


Auch die neue Debatte über deutsche Leitkultur bleibt fruchtlos. Was das Land wirklich braucht, ist ein Aufstand gegen den Missbrauch von Freizügigkeit . Aus stern Nr. 44/2005

Leitkultur? Patriotismus? Werte? Nationalhymne? Es ist der ewig gleiche Reigen der ewig gleichen Begriffe, der die ewig gleichen Reflexe von ewig gleicher Öde provoziert. Die deutsche Leitkultur, vor fünf Jahren schon einmal von Friedrich Merz ausgeschenkt, hat nun Norbert Lammert, der neue Bundestagspräsident, wieder entkorkt. Und jenen, denen sie damals nicht geschmeckt hat, mundet sie natürlich auch heute nicht.

"Ein großer Schmarrn" ist alles, was Grünen dazu einfällt, und Kritiker, die das Land trunken von "ein paar Flaschen Patriotismus" über die "Wurzel der deutschen Eiche" stolpern sehen, raten zu strenger Abstinenz - wie üblich mit der Poesie multikultureller Toleranz. In einer Wahrnehmung sind sich beide Lager vermutlich einig, sonst käme das Thema nicht wieder und wieder auf: Da ist eine taube Stelle, die unbeholfen betastet wird. Ein diffus empfundener Mangel an Verbindlichkeit, ein drängendes Bedürfnis nach Orientierung, eine allseits gespürte Ausdörrung gesellschaft-licher Solidarität. Mit dem Leben der Menschen, mit deutscher Wirklichkeit hat die formelhafte Schlacht freilich wenig zu tun.

Toleranz ist der entscheidende Begriff. Es ist Zeit, ihm seine schützende, seine prägende, seine verbindende Kraft in einem Land falsch verstandener, missbrauchter Toleranz zurückzugeben. Zeit für eine Korrektur, eine Rückbesinnung auf die Pflichten der Toleranz. Zeit für eine breite gesellschaftliche Bewegung: null Toleranz für Intoleranz. Woran haben wir uns gewöhnt, was tolerieren wir, schweigend und glotzend, weil wir das für tolerant halten - und Widerspruch, Intervention für intolerant? Die Wirklichkeit erteilt uns Lektionen, tagtäglich. Da wird in einem Internetportal, verbrämt als Gebet, ein islamkritischer Orientalist bedroht - aber das Portal besteht fort, das "Gebet" auch, und der Name wird nur durch ein "XXX" ersetzt. Der Urheber ist weiter an der Uni Bremen beschäftigt.

Da stehen in Berlin drei junge Kurden, Brüder, vor Gericht, weil sie sich verschworen haben sollen, ihre Schwester zu ermorden, die selbst bestimmen wollte, wen sie liebt und wie sie lebt. Einer schoss ihr an einer Bushaltestelle dreimal ins Gesicht. Die drei sind des Mordes angeklagt. Nur wegen Totschlags dagegen in einem anderen Berliner Prozess ein 42-jähriger Türke, der seine Frau auf offener Straße mit 36 Messerstichen niedermetzelte, weil sie sich scheiden ließ. Der Staatsanwalt vermag keine niederen Beweggründe zu erkennen.

Fast 50 solcher "Ehrenmorde" an türkischen Frauen soll es in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren gegeben haben, niemand zählt sie amtlich, aber viele wurden, weil eben "Ehre" im Spiel ist, nur als Totschlag angeklagt. Jede zweite Türkin in Deutschland gab bei einer Untersuchung des Familienministeriums an, ihre Eltern hätten den Ehemann für sie ausgesucht, jede vierte kannte ihn vor der Hochzeit nicht. Wir lesen von türkischen Jugendlichen, die auf dem Schulhof "Ehrenmorde" bejubeln. Und wir schauen in Zeitungen in die Gesichter junger Frauen, die sich aus Angst um ihr Leben versteckt halten. Die Polizei liest das auch, aber sie handelt erst, wenn der Hass zur Tat wurde. Die rachsüchtigen Ehemänner, Väter und Brüder leben unter uns. Niemand verweist sie des Landes. Niemand fühlt sich verantwortlich. Ehrenmord ist Parallelkultur.

Da gesteht ein 16-jähriger Deutscher, er habe aus "persönlichem Frust" einen Siebenjährigen zur Tode gemartert. Obgleich in der Intensivtäter-Kartei geführt, hatte ihn ein Richter vom Haftbefehl wegen gefährlicher Körperverletzung verschont. Da steht eine Jugendbande, Araber und Türken, wegen mehr als 30 Taten vor Gericht - sie hatten unter anderem einen 82-Jährigen so zusammengeschlagen, dass er später starb, und einem Blinden in der U-Bahn ins Gesicht gespuckt -, doch Haftverschonung in Serie wirkte wie ein Abonnement auf Freispruch. Da verdoppeln sich in Berlin binnen zehn Jahren die Misshandlungen und Verwahrlosungen von Kindern. Vergebens rufen Sachkundige nach Meldepflicht und Kontrollen. Wir sind ja tolerant.

"Null Toleranz" hieß vor elf Jahren das Motto jener Wende, mit der New York auch gegen kleine Regelbrüche zu Felde zog und die Kriminalität dramatisch drosselte. Bei uns hat in diesem Frühjahr nach heftigem Kampf ein Umdenken zur Strafbarkeit von Graffiti begonnen, nach New Yorker Vorbild. Dabei kann es nicht bleiben: Gewalt und Erniedrigung, Amoralität und Extremismus, soziale Verwahrlosung, zynische Regelbrüche und gesetzlose Zonen verlangen nach einer breiten Gegenbewegung - und nach Erziehung zu Pflicht und Verantwortung an den Schulen. Eine große Koalition hat die Chance, diese Bewegung von parteipolitischer Ausbeutung und historischem Missverständnis freizuhalten. "Du bist Deutschland", lautet das Motto einer aktuellen Medienkampagne. "Null Toleranz für Intoleranz" wäre eine konkrete Ableitung.

Hans-Ulrich Jörges print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker