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Zwischenruf: Priester des Atoms

Die Stromkonzerne selbst haben es in der Hand, einen neuen Konsens über die Nutzung der Kernkraft zu erreichen. Sie müssen nur Laufzeiten alter auf neuere Meiler übertragen - und Abschied nehmen von einem unhaltbaren Dogma.

Von Hans-Ulrich Jörges

Die Atomindustrie gründet auf den gleichen Prinzipien wie die katholische Kirche. Sie fordert Glauben, reklamiert Unfehlbarkeit, droht mit der Hölle und verkündet Dogmen. Die Hölle, um mit dem Schlimmsten zu beginnen, ist der Blackout, der Stromausfall, mit dem atomarer Atheismus bestraft wird. Wulf Bernotat etwa, Chef des Stromkonzerns Eon, malt den Teufel an die Wand, "wenn im Sommer Windenergie fehlt und Kraftwerke wegen Kühlungsproblemen zurückgefahren werden müssen". Die Dogmen, denen sich Gläubige zu unterwerfen haben, lauten: Alle Kraftwerke sind sicher. Die alten sind so sicher wie die neuen, oder mit den Worten Bernotats: "Es gibt unter Sicherheitsaspekten einfach keinen Unterschied zwischen alt und neu." Da alle (gleich) sicher sind und bei Abschaltung die Hölle droht, können und müssen auch alle Meiler in Betrieb bleiben.

Für eine Kirche mögen Dogmen taugen. Eine Hochtechnologie-Branche indes scheitert als Fortschrittsreligion. Sie ist Hort der Vernunft - oder sie ist nicht. Schon der einfache, gesunde Verstand sagt jedem Menschen, dass alte Technik nicht so gut ist wie neue. Sonst gäbe es gar keine neue, keinen technischen Fortschritt. Jeder Autofahrer weiß, dass ein neues Modell besser ist als ein altes. Das belegt auch die Erfahrung mit Kernkraftwerken. Die letzten spektakulären Störfälle trafen 2007 die Meiler in Brunsbüttel und Krümmel - der eine ging 1976 in Betrieb, der andere 1983.

Das Dogma von der gleichen Sicherheit alter und neuer Atomanlagen hat fatale Fehlschlüsse zur Folge: So versuchte die Branche, Restlaufzeiten neuer Meiler auf alte zu übertragen. Und sie will den ältesten - Biblis A, seit 34 Jahren in Betrieb - vorübergehend stilllegen, einer politisch-taktischen Revision wegen, um ihn nicht schon nächstes Jahres abschalten zu müssen, sondern über die Bundestagswahl im September hinwegzuretten. Auf dass eine herbeigebetete schwarz-gelbe Koalition den Ausstieg aus dem Ausstieg für alle 17 Atommeiler im Lande beschließe - was den vier großen Stromkonzernen jährlich Gewinne in Milliardenhöhe bescheren würde. Trickreich. Aber fatal.

Denn eine dogmatische Kernspaltungskirche kann nicht Partner der Politik sein. Nicht so. Gewiss, für längere Laufzeiten von Kernkraftwerken ist die Stimmung so günstig wie nie seit der Katastrophe von Tschernobyl. Nach dem GAU verlangten zwei Drittel der Deutschen den Ausstieg. Heute halten sich Gegner und Befürworter etwa die Waage. Die Klimakatastrophe, der Widerstand gegen neue Kohlekraftwerke, die Ölpreisexplosion, die Abhängigkeit von Russen-Gas und die langen Jahre, die erneuerbare Energien noch bis zum vollwertigen, kostengünstigen Einsatz brauchen, haben den Widerstand erodieren lassen. Doch verlässlich ist das nicht. Und tief gespalten ist die Gesellschaft noch immer.

Will die Atombranche erfolgreich sein, muss sie der Gesellschaft ein Angebot machen. Das kann nur heißen: Restlaufzeiten von alten Meilern auf neuere übertragen, alte - etwa 7 der 17 - vorzeitig vom Netz nehmen und ausdrücklich anerkennen, dass die neuen sicherer sind. Dafür wird nicht einmal die Politik gebraucht, der alte Atomkonsens erlaubt es. Das würde Erstaunen auslösen, könnte Glaubwürdigkeit und Vertrauen schaffen.

Die Politik käme darüber hinaus erst ins Spiel, wenn die verbleibenden Kraftwerke mit zusätzlichen Laufzeiten ausgestattet werden sollen, fünf bis zehn Jahre vielleicht - bis 2030. Die Atomkraft wäre stabile, kostengünstige Übergangsenergie. Vielleicht aber auch mehr, nämlich verlässliche Restgröße in einem Mix mit sanften, erneuerbaren Energien, umweltfreundlich verstromter Kohle und Gas. Die Zukunft wäre folgenden Generationen nicht verbaut, sondern offen. Sie könnten nach Bedarf, Kosten und Sicherheit entscheiden. Die Abkehr vom Dogma der gleichen Sicherheit alter und neuer Technik ist Bedingung dafür, dass später sogar über den Bau noch sichererer Reaktortypen diskutiert werden kann - sofern die Endlagerung des Abfalls gelöst ist.

Für eine solche Strategie der Vernunft wären neben Union und FDP auch maßgebliche Kräfte in SPD und Linkspartei, vielleicht sogar Teile der Grünen, zu gewinnen. Sie böte die Plattform für einen neuen gesellschaftlichen Konsens.

Für die Interessen der Atomkirche in den Wahlkampf zu ziehen birgt für CDU und CSU hingegen ein enormes Risiko. Angst vor Störfällen und Wut über die Strompreis-Abzocker lassen sich zu einer brisanten Gegenkampagne verbacken. Das abzuwenden, haben die verfeindeten Konzerne selbst in der Hand: Sie brauchen nur ihre Weihrauchkessel wegzuwerfen, ihre Soutanen abzulegen und ihre Klöster zu verlassen. Es wäre das Ende der atomaren Priesterschaft.

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