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Zwischenruf: Steinmeiers Stunde

Kurt Becks Glaubwürdigkeit ist ramponiert, Fraktionschef Peter Struck regt öffentlich an, auch der Außenminister könnte Kanzlerkandidat der SPD werden. Das wäre der SPD auch ohne die aktuellen Turbulenzen zu empfehlen - der Parteichef selbst sollte Steinmeier benennen.

Von Hans-Ulrich Jörges

Zweimal hat Kurt Beck einen Strategiewechsel im Interesse seiner Partei vollzogen - beide Male hat er dafür persönlich teuer bezahlt. Im vergangenen Jahr setzte er die Verlängerung des Arbeitslosengeldes I durch, die er zuvor vehement abgelehnt hatte. Nun die Öffnung der SPD gegenüber der Linken im Westen, was er einst mit einer Art Beck-Doktrin für undenkbar erklärt hatte. Das erste Wendemanöver war in der Sache falsch, aber für die SPD richtig. Das falsche Signal für den Arbeitsmarkt, die richtige Entscheidung, um den Sozialdemokraten wieder Selbstvertrauen einzuflößen. Das zweite Manöver war in der Sache richtig, aber im Stil falsch. Die richtige Entscheidung, um das unhaltbare Tabu zu schleifen und eine Bündnisoption zu öffnen, aber falsch kommuniziert, nicht aufrichtig begründet.

Strategisch betrachtet, im langfristigen Interesse der SPD, waren beide Kurskorrekturen richtig. Aber falsch für die persönlichen Interessen Kurt Becks. Denn er hat seine Glaubwürdigkeit schwer beschädigt. Vermutlich auf lange, sehr lange Sicht. Beck hat sich selbst verbrannt, um seiner Partei wieder Feuer zu geben, sie unter Dampf zu setzen.

Das Urteil des Volkes ist eindeutig: Nur noch 14 Prozent der Deutschen würden Beck heute direkt zum Kanzler wählen - so wenig wie nie -, 56 Prozent dagegen Angela Merkel. Selbst von den eigenen Anhängern, den SPD-Wählern des Jahres 2005, will ihn bloß noch ein Viertel im Kanzleramt sehen, 40 Prozent dagegen die CDU-Vorsitzende. Das ist verheerend. Das ist weniger, als selbst Rudolf Scharping vor seinem Sturz als SPD-Chef auf dem Mannheimer Parteitag auf die Waage bringen konnte - ein historisches Tief.

Der Außenminister wäre immer vorzuziehen

Und das ist vernichtend für Becks Chancen als Kanzlerkandidat. Es ist die Stunde des Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier. Aber für ihn spricht längst nicht nur die Beschädigung Becks. Der Außenminister wäre selbst dann als Kanzlerkandidat vorzuziehen, wenn es die aktuellen Turbulenzen um den Parteivorsitzenden gar nicht gäbe. Wenn Berliner Genossen nicht auf dem am Boden Liegenden herumtrampeln würden. Wenn sich der Hamburger Spitzenkandidat Michael Naumann nicht an ihm die Schuhe abgeputzt hätte, um die eigene Niederlage, den Blackout beim Fernsehduell mit Ole von Beust, wegzuwischen. Wenn Naumanns böses Wort vom Geisterfahrer, Wahlverderber an der Elbe, nicht als hanseatische Dolchstoßlegende an Beck haftete.

Denn Merkels absehbare Wahlkampagne verlangt eine adäquate Antwort, einen Herausforderer auf Augenhöhe. Der heißt Steinmeier, nicht Beck. Merkel plant einen Persönlichkeitswahlkampf, abgestellt auf Ruhe und Verlässlichkeit in unruhiger Zeit, auf ihre internationale Reputation. Die sonnendurchfluteten Bilder von Miss World in Heiligendamm liefern dafür die filmreife Kulisse. Der Außenminister und frühere Chef des Kanzleramts kann dem Paroli bieten, auch er verkörpert Ruhe, Kontinuität, Verlässlichkeit und nationale wie internationale Erfahrung. Auch er - silberhaarig, gelassen, vertrauenerweckend - liefert filmreife Bilder.

Beck hätte Merkel nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Für ihn sprachen anfangs die Kraft der Provinz, die Nähe zu den Menschen, die Glaubwürdigkeit und Authentizität eines uneitlen, ehrlichen Mannes. All das aber wäre eine Antwort auf ganz anderer Ebene gewesen. Nun ist es zudem noch entwertet, ins Gegenteil umgeschlagen: Aus der Kraft der Provinz wurde in der Wahrnehmung des Publikums die Unbeholfenheit eines Provinzlers.

Steinmeier hat viel gelernt

Steinmeier hat hart an seinen Defiziten gearbeitet. Er wurde beraten, geschult und korrigiert. Er hat reden gelernt, besser als Beck - zugespitzt, emotionalisierend. Er hat, wie Unionsfraktionschef Volker Kauder scherzt, "den kleinen Partei-Tiger gemacht". Nun stünde er als Autor der Agenda 2010 auch noch für einen reformorientierten, zur Mitte offenen, integrierenden Kurs, während Becks Attraktivität für die FDP, seine Regierungserfahrung mit den Liberalen verblasst sind. Der Mainzer Mann der Mitte gilt fortan als Stratege des Linksrucks - eigentlich ein Witz der Geschichte.

Brächte die SPD noch die Kraft auf, den quirligen Sigmar Gabriel vor 2009 anstelle von Peter Struck zum Fraktionschef zu machen, könnte sie zudem in Formation gegen die ziemlich einsam agierende Kanzlerin antreten. Beck oder Steinmeier, das kann die Wahl sein zwischen 30 oder 35 Prozent. Becks Erzrivale Franz Müntefering hat ein privates Strategiepapier verfasst, das Steinmeier empfiehlt. Als Putsch aber kann das Projekt nicht gelingen, Beck selbst muss die Wahl treffen, ganz allein, wenn die Zeit gekommen ist. Der Parteichef könnte darin Halt und Genugtuung finden - als Mann, der dreimal richtig entschieden hat. Und Größe beweist.

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