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Zwischenruf: Volle Fahrt auf den Eisberg

Seit einem Jahr war die Katastrophe auf den Finanzmärkten absehbar, doch erst jetzt handelt die Politik - und der Steuerzahler haftet. Die neoliberale Ära ist zu Ende, der Staat kehrt zurück. Auch in Deutschland muss er nun eingreifen.

Von Hans-Ulrich Jörges

Drei Billionen Dollar seien von Vernichtung bedroht, schätzte der amerikanische Notenbankpräsident Ben Bernanke. Nicht etwa erst in diesen Tagen. Exakt ein Jahr ist es her, seit er die unfassbare Summe - drei Millionen Millionen - bei einem Berlinbesuch im Kanzleramt offenbarte. "Die globale Finanzkrise ist weitaus dramatischer, als bislang öffentlich zugegeben wird", schrieb ich damals unter der Überschrift: "Die Billionen-Dollar-Frage" - und: "Ein gigantischer Eisberg, unsichtbar unter der Wasserlinie, auf den die Weltwirtschaft zusteuert." Doch Bernanke wagte es nicht, Hand anzulegen an die heilige Titanic der Märkte. Die Maschinen stoppen und einen neuen Kurs eingeben mochte niemand. Es wurde weiter getanzt im Casino. Noch auf dem G-8-Gipfel im Juli verbreitete man Optimismus.

Die Weltfinanzmärkte hätten sich "zu einem Monster entwickelt", die Banker verstünden ihre eigenen Produkte nicht mehr, sagte im Mai Bundespräsident Horst Köhler, ehedem Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF). Doch die Expertenkaste fiel über ihn her, entrüstet. "Nur ein kleiner Teil des Finanzsystems hat den Markttest nicht bestanden", widersprach Deutsch-Banker Josef Ackermann, selbst die Grünen warnten vor "Dämonisierung". Noch vier Tage vor der Kollision mit dem Eisberg sah Ackermann "den Beginn des Endes der Krise".

Lafontaine hat recht behalten

Geradezu prophetisch liest sich heute, was ein ehemaliger Finanzminister schon 1999, nach ersten halsbrecherischen Operationen renditegieriger Hedgefonds zu Papier brachte: "Die unverantwortliche Spekulation und die fahrlässige Kreditvergabe der Banken wurden mit Steuergeldern risikofrei gestellt" - und: "Nicht Deregulierung ist das Gebot der Stunde, sondern Regulierung." Er wurde von dem englischen Massenblatt "Sun" als "gefährlichster Mann Europas" geschmäht. Der Mann heißt Oskar Lafontaine. Er hat recht behalten.

Nun ist die Titanic mit dem Eisberg kollidiert. Nun rotiert in den USA die Notenpresse, um das gewaltige Leck mit frischen Dollars zu stopfen. Nun müssen die Steuerzahler, auch in Deutschland, herhalten, um die Verluste zu sozialisieren. Nun wird verstaatlicht und in den Markt eingegriffen, als wäre der Siegeszug des Kapitalismus in einen des Kommunismus übergegangen. Und die Horrorzahl Bernankes scheint sich zu bestätigen: Auf "mehr als zwei Billionen Dollar" schätzt der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz den Schaden der Finanzkrise. Mit den bitteren Folgen für Wachstum und Beschäftigung, die ich schon im vergangenen November beschrieben habe: "Abschwung für alle."

Alle Akteure haben versagt

Das ist ein Epochenbruch: das Scheitern der neoliberalen Verheißung, das Ende des Glaubens an den selbstregulierenden, klugen, lernfähigen, Wohlstand schaffenden Markt, der Untergang des Investmentbanking als Renditemaschine. Und die Rückkehr das Staates als Hüter des Gemeinwohls, als politischer Regisseur auf die Bühne der Globalisierung. Denn im alten Spiel der Märkte haben alle Akteure versagt, niemand verstand noch, was sich abspielte: der IWF, die Notenbanker, die Finanzaufsicht, die Bankvorstände.

Auf über 500 Billionen Dollar wuchs der Eisberg riskanter Finanzderivate an - Wettscheine, die der Großinvestor Warren Buffett mit Massenvernichtungswaffen vergleicht. Die Investmentbanker, heimatlose Zocker, verdienten damit mehr als ein Ackermann und ließen für eine Sause mal eben die Rolling Stones einfliegen, für vier Millionen Euro. Die Derivate haben sich nicht nur abgelöst von Aktien, Währungen, Rohstoffen - sie haben sich gegen sie gewandt. Und die Banken vergifteten sich damit selbst. Am Ende war die Börse unkalkulierbar, das Vertrauen zertrümmert. Nicht mal zehn Millionen Deutsche besitzen noch Aktien, ein Viertel weniger als 2001.

Mit dem Ruf nach Transparenz der Märkte ist es nicht mehr getan. Auch in Deutschland muss der Staat eingreifen, um den Menschen Vertrauen in die Sicherheit von Erspartem und Lebensversicherungen zurückzugeben. Der Rückzug des Staates aus dem Bankgeschäft, die Fusion der Landesbanken und die Verschärfung der Finanzaufsicht reichen nicht. Alle Finanzprodukte müssen einer Genehmigung unterworfen, Hedgefonds kontrolliert, Zockerpapiere und Kredithandel verboten werden. Dass Banken dann nicht mehr 25 Prozent Rendite machen, sondern nur noch zehn oder 15, wäre nur beruhigend. Es sagt ja alles, wenn der Ex- Banker Hilmar Kopper stolz verkündet, er habe kein einziges Derivat im Depot. Beim späten Triumph Norbert Blüms darf es jedenfalls nicht bleiben. Dieser Tage rief er mich an und lud zu einem Glas Champagner: "Erfolge soll man feiern." Da hatte "Bild" die Rente als sicherste Geldanlage ausgemacht. So weit ist es gekommen.

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