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Albert Speer: Der Architekt von "Germania"

Als Albert Speer Adolf Hitler kennen lernte, war er hingerissen. Der "Führer" erkannte in ihm einen Helfer für sein "Germania"-Projekt - die Chance zum Aufstieg. Nach der Kapitulation stellte der Reichsminister sich als Verführter dar.

Als Architekt gab er Hitlers Fantasie einer Welthauptstadt "Germania" Gestalt, als Rüstungsminister hielt er bis zuletzt die NS-Mordmaschine am Laufen: Albert Speer verkörpert wie kaum ein anderer aus der Führungsriege des "Dritten Reichs" den totalitären Herrschaftsanspruch der Nationalsozialisten. Dabei hat sich Speer, der am 19. März vor 100 Jahren geboren wurde, bis zu seinem Tod 1981 als "verführter und unpolitischer Bürger" dargestellt, sich gleichzeitig aber als einer der wenigen vor dem Nürnberger Militärtribunal zu seiner Schuld bekannt.

Der Weg an die Spitze des NS-Staates verlief für den 1905 in Mannheim geborenen Sohn aus großbürgerlichem Elternhaus nicht geradlinig. Wie Millionen seiner Zeitgenossen erlebte er die Weimarer Republik als brüchige Zeit, lehnte Politik als "unauthentisch" ab. Doch als Speer in Berlin Hitler kennen lernte, war er hingerissen. Er habe das Gefühl gehabt, "dass mich etwas vom Boden hob und mich von allen Verwurzelungen löste", schreibt Speer in seinen "Erinnerungen".

Chance zum beruflichen Aufstieg

Der Reichskanzler, der in seiner Jugend Architekt werden wollte, erkannte in Speer einen Helfer für sein "Germania"-Projekt. Für Speer war es die Chance zum beruflichen Aufstieg. "Hitler legte mir eine Welt zu Füßen", sagte er später. Seine Vorschläge zur Inszenierung der NS-Kundgebungen mit den in den Himmel steigenden "Lichtdomen" und den martialischen Massenauftritten begeisterten Hitler. Er beauftragte Speer mit der Gestaltung des Parteitagsgeländes in Nürnberg und 1938 mit dem Bau der Reichskanzlei.

In der Berliner Innenstadt wollte Speer ganze Stadtviertel für gigantische Bauten und Paradestraßen abreißen. Tausende von Juden sollten dabei aus ihren Wohnungen vertrieben werden. Das Material für die Monumentalbauten sollte Heinrich Himmlers SS beschaffen. So wurden viele Konzentrationslager an Steinbrüchen oder Tonvorkommen für Ziegeleien errichtet und Häftlinge für das Projekt ausgebeutet. Doch "Germania" blieb, bis auf wenige Ausnahmen, nur in Entwürfen auf dem Papier existent.

Konkurrenz um Hitlers Gunst

Rüstungsminister wurde Speer im Februar 1942 als Nachfolger von Fritz Todt, der unter mysteriösen Umständen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war. Die "Organisation Todt" war bis dahin für Bewaffnung und Munition zuständig. Speer baute das Ministerium mit Hilfe der Industrie zu einer gigantischen Behörde aus, die immer mehr Teile der Wirtschaft unter ihre Kontrolle brachte. Dabei kam es zum Streit mit anderen NS-Führern, die Speer kapitalistische Managementmethoden vorwarfen. Vor allem Himmler sah in Speer einen Konkurrenten um Hitlers Gunst. Auch Speers enges Verhältnis zu Hitler bekam Risse, nachdem der Minister auf die angespannte militärische Lage hingewiesen hatte. "Sie sind Hitlers unglückliche Liebe", sagte einmal Speers Büroleiter Karl Maria Hettlage zu seinem Chef.

Trotz der heftiger werdenden Luftangriffe hielt Speer bis zum Ende die Rüstungswirtschaft aufrecht. Er entriss Hermann Göring die Kontrolle über die Rüstung der Luftwaffe und übernahm die Federführung bei der Entwicklung der V-Waffen. Dazu gehörten Lager wie das thüringische Mittelbau-Dora mit Tausenden von Zwangsarbeitern.

Zwar wusste Speer bald, dass der Krieg aus "produktionstechnischen Gründen" nicht zu gewinnen war. Doch mit dem Anrücken der Front wurde er "zur treibenden Kraft einer rücksichtslosen Mobilisierung", wie der Freiburger Historiker Heinrich Schwendemann bemerkte. 1944 erreichte die Produktion ihren Höhepunkt. Speer, der ohne sein Mitwissen von den Verschwörern des 20. Juli auf eine Kabinettsliste gesetzt wurde, hoffte auf ein politisches Abkommen mit den Alliierten. Als Hitler mit seinem "Nero-Befehl" die Zerstörung der gesamten Infrastruktur anordnete, hintertrieb Speer diese Politik der "verbrannten Erde". Zwei Mal flog er in das umzingelte Berlin ein, besuchte Hitler vor seinem Selbstmord im Bunker der Reichskanzlei.

20 Jahre Haft im Spandauer Gefängnis

Nach der Kapitulation wurde Speer von Alliierten festgenommen und in Nürnberg vor Gericht gestellt. Dabei leugnete er immer wieder, etwas vom Holocaust gewusst zu haben und stellte sich als Hitlers Verführter dar. Er wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt, die er im Spandauer Gefängnis absaß. Er habe sich als unpolitischer Fachmann dargestellt, der nur das tat, was er seine Aufgabe nannte, schreibt Speer-Biograf Joachim Fest. Der Psychologe Alexander Mitscherlich sah Speer als "feinsinnigen Schuldigen-Unschuldigen". Für diese Haltung erhielt Speer nach seiner Entlassung 1966 großen Zuspruch in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Seine "Erinnerungen" und die "Spandauer Tagebücher" wurden international beachtete Bestseller.

Esteban Engel/DPA / DPA