D-Day Sturm auf die "Festung Europa"


Monatelang hatten Amerikaner, Briten und Kanadier das riskante Unternehmen "Overlord" vorbereitet. Im Morgengrauen des 6. Juni 1944 steuert eine alliierte Armada die Normandie an - der Beginn der "kompliziertesten Schlacht des Weltkriegs".

Im Morgengrauen des 6. Juni 1944 steuert eine Armada von 1.200 Kriegsschiffen und 4.200 Landungsbooten die Normandie an. Mit der Landung von Fallschirmjägern in Saint-Mere-Eglise und östlich von Caen beginnt "die größte und komplizierteste Schlacht des Zweiten Weltkriegs", wie der Historiker Rolf-Dieter Müller sagt. Am Abend des D-Days halten knapp 150.000 Soldaten die fünf Landungsstrände, 8.400 Alliierte sind tot. Mehr noch als Stalingrad sei die "Operation Overlord" der eigentliche Wendepunkt des Krieges, betont der Professor vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam.

Riskante Operation

Monatelang hatten Amerikaner, Briten und Kanadier das riskante Unternehmen vorbereitet. Mit "fantastischen Täuschungsmanövern" wie einer Geisterarmee aus Panzerattrappen und Zeltstädten gaukelten die Briten den Deutschen eine Truppenkonzentration in Südostengland vor, um eine Landung bei Calais glauben zu machen. Mit Erfolg: Die Wehrmacht war von der Landung vollkommen überrascht und Hitler glaubte noch tagelang, dass die wahre Invasion noch bevorstehe. "Die Unwissenheit der Deutschen war eine der größten Blamagen der Militärgeschichte", urteilt Müller.

Wegen schlechten Wetters müssen die Alliierten den Sturm auf die "Festung Europa" unter dem Oberbefehl von US-General Dwight D. Eisenhower um einen Tag verschieben, am 6. Juni ist es dann soweit. Bomber und Schiffsartillerie versuchen mit stundenlangem Feuer zunächst, die deutschen Stellungen und die Nachschubwege zu zerstören.

Gegen 06.30 Uhr stürmen die Landungstruppen aus den Booten an die Strände, die noch heute die Namen Utah, Omaha, Gold, Juno und Sword tragen. Bei Omaha Beach können die Deutschen, obgleich personell und materiell hoffnungslos unterlegen, aus ihren weitgehend intakten Bunkern die deckungslosen Angreifer auf dem Strand unter Feuer nehmen und ein Blutbad anrichten. 2.500 GIs sterben oder werden verwundet.

"Größere Verluste als in Stalingrad"

An den anderen Stränden ist der Widerstand geringer, und so können sich die Verbündeten nach stundenlangen Gefechten in der Normandie festsetzen. Am 12. Juni gelingt es den dann schon 330.000 alliierten Soldaten mit 54.000 Fahrzeugen, die fünf Landungsköpfe zu einer zusammenhängenden Front von 100 Kilometern Länge und 30 Kilometern Tiefe zu verbinden. Doch das Schwierigste steht ihnen noch bevor. Hitler wartete nur darauf, Amerikaner und Briten in einem blutigen Landkrieg verheerende Niederlagen zuzufügen.

Schon bald läuft nicht mehr alles nach Plan: Eine deutsche Panzerdivision vereitelt die rasche Einnahme von Caen, das heckenreiche Gelände begünstigt die Verteidiger. Ein Sturm vernichtet den künstlichen Hafen, den die Alliierten für den dringend benötigten Nachschub in Arromanches gebaut haben. Dennoch gelingt es ihnen, bis Ende August mehr als zwei Millionen Soldaten nach Frankreich zu bringen. Am 26. Juni wird Cherbourg befreit, Mitte Juli das zu drei Vierteln zerstörte Caen.

Nach erbitterten Gefechten kesseln die Verbündeten schließlich 100.000 deutsche Soldaten bei Falaise ein. Am 21. August geraten 40.000 von ihnen in Gefangenschaft. Die Schlacht um die Normandie ist entschieden, doch der Preis ist hoch. 57.000 Amerikaner, Briten und Polen sind getötet oder vermisst, 158.000 verwundet. Knapp 20.000 Zivilisten sterben im Bombenhagel und bei den Kämpfen. Hitler verliert 410.000 Mann: 60.000 Gefallene, 140.000 Verletzte; 210.000 Soldaten werden gefangen genommen. "Die Wehrmacht erlitt in der Normandie größere Verluste als in Stalingrad", bilanziert Müller vom MGFA.

Bedeutung des 6. Juni bislang unterschätzt

Der Weg nach Paris ist nun frei, am 25. August befreit die französische Division Leclerc die französische Hauptstadt. Nicht nur militärisch, sondern auch politisch sei die Bedeutung des 6. Juni kaum zu überschätzen, sagt Müller. "Die Landung war der Erfolg einer internationalen Koalition demokratischer Staaten und der Beginn des amerikanischen Engagements in Europa, das bis heute andauert."

Man müsse sich von der Vorstellung verabschieden, dass der Weltkrieg im Osten entschieden worden sei. Diese Interpretation sei nach 1945 im von der Sowjetunion dominierten östlichen Europa favorisiert worden, auch im Westen habe die Erinnerung an die schweren Kämpfe zwischen den nun mehr verbündeten Staaten nicht mehr so recht in die politische Großwetterlage gepasst.

"Bislang galten Moskau und Stalingrad als Wendepunkte des Zweiten Weltkriegs", sagt Müller: "Ich hoffe, dass mit den Gedenkfeiern des 6. Juni nach 60 Jahren klar wird, was dieses Datum für die Befreiung Deutschlands und Europas wirklich bedeutet hat."

Uwe Gepp/AP AP DPA

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