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Die 68er: Aufstand der Jugend

Es war nicht mehr als eine Floskel, wenn im Nachkriegsdeutschland von der Bewältigung der NS-Vergangenheit geredet wurde. In Wahrheit herrschte Schweigen. Die Väter, die Täter oder Mitläufer gewesen waren, gingen zur Tagesordnung über. Das Wirtschaftswunder blühte. Nur die Jugend erkannte die Lebenslüge der jungen Republik. Aus Fragen wurde Protest, aus Rebellion Revolte.

Pro Jahr rollten in Wolfsburg mehr als eine Million VW-Käfer vom Band, Heintje sang "Mama", Lou van Burg moderierte den "Goldenen Schuss", Werner Höfer erklärte die Welt, Oswalt Kolle die Lust, erklärte "Wohlstand für alle" zum Ziel, Ralf Dahrendorf erklärte "persönliches Erfolgsstreben, Freizeitorientierung und Konsumorientierung" zu den wichtigsten Werten der Bundesbürger: ein Bild Westdeutschlands Mitte der 60er Jahre. Endlich wieder aufgebaut, endlich wieder satt, endlich wieder zufrieden mit sich selbst. Man war wieder wer.

Und dann das! Eine Jugend, die sich nicht für die Leistungen der Väter interessierte. Schlimmer: Die sie geringschätzte. Die "dagegen" war. Die sich nicht anpassen wollte. Die alles anders sah. Die Väter waren über 50, specknackig, kurzhaarig, glattrasiert und verständnislos. Die Väter fürchteten "den Russen", verachteten "den Ami", verehrten die Reinlichkeit sowie rechtwinklige, knapp geschorene Rasenflächen und Hausordnungen. Ihr Gottesdienst am Sonntag war das Autowaschen. Sie sagten zu ihren Frauen "Mutti" und zu ihren Kindern Sätze wie "Euch geht es viel zu gut". Und die Mütter drohten bei Konflikten mit Sätzen wie "Wartet nur, bis Vati heimkommt". Die Väter waren stolz auf den Familienurlaub an der Adria und hielten es für ein erfülltes Leben, wenn der Aufstieg vom Opel "Kadett" über den "Rekord" zum "Kapitän" führte. Sie stimmten innerlich immer noch Konrad Adenauers Wahl-Spruch "Keine Experimente!" zu und fanden, dass endlich Schluss sein müsse mit dem Gerede über "die Vergangenheit" und ihre "Bewältigung".

Alle hatten "von nichts gewusst"

Zumal keiner von ihnen dabei gewesen war bei dieser "Vergangenheit". Alle hatten sie "nicht mitgemacht", alle hatten sie "nichts getan", alle hatten sie "von nichts gewusst", alle fragten sie: "Was hätten wir denn tun sollen?" Auf seltsame Art muss das Land leer gewesen sein in diesen zwölf Jahren, die als "Drittes Reich" in die Geschichte eingingen. "Als du als Zehnjähriger deinen Vater einmal auf seine Zeit im Krieg ansprachst, sagte er, er habe niemanden getötet, habe, wenn es drauf ankam, 'immer extra vorbeigeschossen'." Der Autor Thomas Laux notierte das 1998 und wunderte sich: "Das sagten auch die deiner Freunde von sich: notorische Vorbeischießer gewesen zu sein. Eine ganze Generation schoss bewusst daneben. Du grübelst: Irgendwo müssen irgendwelche Leute haufenweise blöd rumgestanden haben, anders kannst du dir die vielen Toten nicht erklären."

Die Gesellschaft war vaterlos. Die eine Hälfte der Väter war im Krieg geblieben und tot. Die andere war wie ein schwarzes Loch im All. Der Psychoanalytiker erzählt von einer Patientin, die in der Nähe ihres Vaters - einem Nazi der ersten Stunde - die Fantasie eines schwarzen Strudels hatte, der alle Energie aufsaugt und vernichtet. "Sie erinnerte sich an keine Gespräche über die Partei- und Kriegserinnerungen des Vaters, sondern nur an sein Verstummen und später an heftige Auseinandersetzungen, als sie während des Studiums in Kontakt mit der Studentenbewegung kam und ihn mit seinen reaktionären politischen Haltungen konfrontierte."

Das Verstummen, die Verweigerung der Erinnerung, wurde für die Väter-Generation zu einem fundamentalen Reflex. Alles, was mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen zu tun hatte, hatte sie von sich selbst abgespalten. Mit ihr hatte das nichts zu tun. Dabei half ein trickreicher Mechanismus der Verarbeitung, den Schmidbauer so beschreibt: "Das deutsche 'Erinnern' teilte die Nation in Bösewichte und Opfer. Dividierte man dann die Bosheit der eigenen Bösewichte durch die Bosheiten der Sieger (Dresden bombardiert, Millionen vertrieben, Vergewaltigungen im Osten), so wogen sich die Leiden auf. Sie ließen sich kürzen wie in der Bruchrechnung. Was übrig blieb, war ein Volk von Opfern."

Die Schrecken verschwanden wie durch Zauberei

Es kam zum Phänomen des "vergessenden Erinnerns". Das regelmäßige Gedenken an die "Schrecken der Nazi-Zeit" blieb deklamatorisches Ritual, tatsächlich verschwanden diese Schrecken aus dem öffentlichen Bewusstsein wie durch Zauberei. Tatsächlich herrschte Restauration. Tatsächlich konnte nicht nur, wie der heimgekehrte Emigrant Theodor W. Adorno bemerkte, "der Nachbar in der Trambahn ein Henker gewesen sein", sondern sogar ein Mann wie Hans Globke, Kommentator der Nürnberger "Rassengesetze", Leiter des Bundeskanzleramtes werden. Auch Theodor Oberländer, NSDAP-Mitglied der ersten Stunde, SA-Mann und hoch belastet durch seine Beteiligung an Pogromen in Osteuropa, wurde Vertriebenenminister im Adenauer- Kabinett. Der erste Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hermann Höpker-Aschoff, hatte noch ein paar Jahre vor Amtsantritt für die "Arisierung" polnischer und jüdischer Vermögenswerte gesorgt. Und die NPD war 1968 in sieben Landesparlamenten vertreten.

Wie im Großen, so im Kleinen: Überall, in der Justiz, an den Universitäten, an den Schulen waren die Mitläufer und Täter aus dem Dritten Reich wieder präsent. "Unsere Lehrer? Alles alte Nazis", erinnert sich der Chef des Berliner Aufbau-Verlags Bernd Lunkewitz, Jahrgang 1947, an seine Oberschule in Kassel. Und wer kein Nazi war, war zumindest ein ausgemachter Vertreter des Obrigkeitsstaates, schlug die Hacken zusammen und erwartete das Gleiche von seinen Schülern. "Die enttäuschten, auf materiellen Erfolg und äußere Sicherheit ausgerichteten Väter waren um jedes Stück Ordnung, Bildung, Tradition dankbar, das sie aus den Trümmern des NS-Regimes retten und notdürftig aufpolieren konnten", schreibt Wolfgang Schmidbauer.

Nicht nur unter den Talaren der Professoren steckte der Muff, er staute sich auch unter den Richterroben, in den Nadelstreifenanzügen der Wirtschaftsführer, den Kitteln der Meister, den Cordjacken der Lehrer. Das Land der Väter war ein Reich von gespenstischer Hässlichkeit, geschmacklos und ohne irgendeinen moralischen oder theoretischen Anspruch. Erklärungsmodelle der Welt waren nicht gefragt. Ernst Bloch, Max Horkheimer, Theodor Adorno, Walter Benjamin waren nahezu unbekannt; Marx, Engels, Lenin galten als abgründige Dogmatiker aus dem östlichen Dunkeldeutschland.

Man machte sich keine Kopf

Dem Westen genügte als Philosophie die Doktrin des Mannes mit der dicken Zigarre, der das Wirtschaftswunder erfunden hatte: Ludwig Erhard, erst Wirtschaftsminister, dann Bundeskanzler. Man lebte von der Hand in den Wanst und machte sich keinen Kopf. Schon gar nicht über Ungerechtigkeiten in der Welt. In diesem Land war 30 Jahre nicht gelüftet worden.

Doch die Väter hatten ihre Rechnung, in deren Ergebnis die NS-Vergangenheit einfach wegdividiert war, ohne ihre Kinder gemacht. Die machten ihre eigenen Erfahrungen. Trampten in den Sommerferien durch und kamen auf dem Peloponnes nichts ahnend in das Dorf Kalavrita - am 13. Dezember 1943 von der Wehrmacht als Vergeltung für die Aktionen griechischer Partisanen niedergebrannt; alle Männer des Ortes, knapp 700, waren zusammengetrieben und mit Maschinengewehren erschossen worden. Die Verantwortlichen wurden auch nach dem Krieg nie belangt, die deutschen Gerichte erkannten auf "völkerrechtliche Notwehr". Die Kinder besuchten einen Sprachkurs in London und trafen dort auf einen jungen Israeli, der ihnen - auf Englisch - erklärte, dass er viel besser deutsch spreche, diese Sprache aber nie wieder in seinem Leben gebrauchen werde. Er war der einzige Überlebende seiner Familie.

Die Kinder verfolgten 1961/62 den Eichmann-Prozess in Jerusalem, 1963/65 den Auschwitz-Prozess in , und immer wieder stießen sie darauf, wie vieles in diesem "Dritten Reich" öffentlich gewesen und vor aller Augen geschehen war: die Verabschiedung und die Umsetzung der Rassengesetze, die Demütigung durch den Judenstern, die Enteignung und Vertreibung der Juden, schließlich ihr Abtransport in die KZs.

Die Kinder gingen ins Kino und sahen Bernhard Wickis Film "Die Brücke": Das Schicksal einer Handvoll 16-Jähriger, die in den letzten Kriegsmonaten einberufen und bewaffnet mit Panzerfäusten - beinahe so groß wie sie selbst - zur Verteidigung einer Brücke abkommandiert werden. Nur einer überlebt. Mütter, Lehrer, Dorfpolizist lassen die Halbwüchsigen mit schlechten Vorahnungen, aber ohne Widerspruch in ihren Untergang ziehen, und Bernd Lunkewitz schoss es, als er aufgewühlt aus dem Kino kam, durch den Kopf: Uns hätten sie genauso verheizt. Immer wieder, wenn sie aus Griechenland, aus London, aus dem Kino nach Hause kamen, versuchten die Kinder, ihre Väter und Mütter zur Rede zu stellen: Wo wart ihr? Was habt ihr gesehen? Warum habt ihr nicht reagiert? Jedes Mal stießen sie auf Schweigen. Auf Abwehr. Auf die "Unfähigkeit zu trauern".

Untauglichkeit zu Empathie

Das gleichnamige Buch der Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich, das 1967 erschien, hielt den Deutschen dieser Väter-Generation ihre Teilnahmslosigkeit gegenüber moralischen Fragen vor und erklärte, welchen Schaden sie selbst durch ihre Abwehr von Schuld und Scham nahmen: Die Panzerung gegenüber dem historischen Leid führt auch zu einer Unterdrückung und Verkümmerung der eigenen Gefühle. Ohne Zugang zu den eigenen Empfindungen aber kann es auch keinen zu denen anderer Menschen geben. Die Unfähigkeit zu trauern ist auch eine Untauglichkeit zu Empathie.

Einerseits waren die Väter dieser Generation lächerliche Figuren: Mitläufer, Weggucker, Kopfnicker, Leisetreter und Vorbeischießer. Ohne Größe. Oft ohne menschliche Kompetenz. Andererseits verstanden sie es immer noch vorzüglich, autoritär zu sein und Furcht zu verbreiten. Denn sie vergaben die Zensuren in der Schule, die Scheine an der Universität, sie entschieden über Chancen und Schicksale, sie hatten die Macht.

Die Angehörigen der ersten Nachkriegsgeneration hatten ihr Spiel ergeben mitgespielt. Hatten darum gekämpft, Klassenbeste zu werden, hatten sich an die alten Umgangsformen gehalten und sich als Studenten - "Guten Morgen, Herr Kommilitone" - artig gesiezt, hatten geduldig gelernt, was vorgeschrieben war, ohne nach Sinn und Zweck zu fragen.

Professoren verteidigten ihre Privilegien

Doch Reformen, die lange überfällig waren, wurden verschleppt oder verhindert. 1964 stellte das berühmt gewordene Buch des Pädagogen Georg Picht "Die Bildungskatastrophe" dem antiquierten Schulsystem Deutschlands die Bescheinigung des kompletten Versagens aus. Und an den Universitäten verteidigten bornierte Professoren entschlossen ihre Forschungs- und Ferien-Privilegien, ohne sich um die Notwendigkeiten einer modernen Massenuniversität zu scheren.

Und kaum einer von denen, die junge Menschen auf die Zukunft vorbereiten sollten, hatte begriffen, dass diese Zukunft nicht mehr Untertanen benötigt, sondern Menschen, die selbstständig, kritisch, entscheidungsstark und teamfähig sind. So fand im Protest gegen die Väter vieles zueinander: der Widerstand gegen ihr Schweigen, ihre Verdrängung, ihre emotionale Verweigerung; die Wiederentdeckung und Wiedereinsetzung der politischen Moral; das Ringen um Mitsprache und bessere Ausbildung - eigentlich: um die überfällige Modernisierung der Gesellschaft; und der Kampf für die Befreiung von der Angst vor der Macht, der zugleich ein Kampf um die Wiederentdeckung der Lust am Leben war.

"In der Rückerinnerung kommt mir das Leben vorher sehr dunkel vor", erzählt Christoph Köhler, Jahrgang 1950, heute Professor für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Jena, damals Schüler in Bremen. "Aufstehen um sechs, Schulweg im Dunkeln, Angst vor Klassenarbeiten, Heimweg, Hausaufgaben, schlafen gehen, wenn der Abend am schönsten ist. Plötzlich ging die Post ab im Kopf, wir suchten alles ab nach Zeichen von Freiheit und Rebellion."

Die Angst verschwand

Schrittmacher waren die Studenten der Freien Universität in Berlin. Sigrid Fronius, 1968 Vorsitzende des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA), erinnert sich: "Ich habe 1962 angefangen zu studieren, und bis 64/65 gab es eigentlich nichts außer Seminaren, wo man drin saß und mitgeschrieben hat; man hat sie über sich ergehen lassen, weil man halt die Scheine gebraucht hat. Dann begannen wir zu fordern, dass die eigenen Probleme und Interessen auch in der wissenschaftlichen Arbeit zum Ausdruck kommen. Es kam zu Aktionen, bei denen wir lernten, anders miteinander umzugehen. Wir haben uns umarmt, wir waren zärtlich zueinander, wir haben getanzt. Die Steifheit in den Seminaren, die persönliche Isolierung, die Angst, all das verschwand. Überall entstanden Gruppen, in denen man mitarbeiten konnte, ständig war was los."

Die Revolte spross aus zarten Keimen. Schüler ließen sich die Haare lang wachsen, forderten Raucherzimmer und schrieben freche Artikel in ihren Schülerzeitungen; Bernd Lunkewitz bereitete sich mit ein paar Mitschülern auf den Unterricht verhasster Lehrer so gut vor, dass sie mehr wussten als der Lehrer und seine Autorität vor den Mitschülern lächerlich machen konnten; in Bremen gingen Jugendliche gegen Fahrpreiserhöhungen auf die Straße; in Hamburg forderten Studentenvertreter, im Akademischen Senat wenigstens angehört zu werden; in Berlin beanspruchten sie das Recht, in Räumen der Universität auch solche Redner anzuhören, die dem Rektor nicht genehm waren. Lauter läppische Konflikte. Aber schon die überforderten oft die Toleranzfähigkeit der Gegenseite.

Denn die besaß ein waches Gespür dafür, dass es hier gerade nicht um Kleinigkeiten ging. Die langen Haare, die Pille, der Sex, die Musik, die neuen Frechheiten gegen Autoritäten - "das alles zusammengenommen war wie Dynamit", erinnert sich Christoph Köhler. Und die Väter reagierten darauf so, wie sie es gewohnt waren: sprachlos, hilflos, aggressiv. Mit Disziplinarmaßnahmen, Hausordnungen, Polizei. Die Mutter von Bernd Lunkewitz versteckte die "linken" Bücher, die ihm den Kopf verdrehten; der Vater eines Freundes warf die seines Sohnes aus dem Fenster. Väter brüllten, Lehrer pochten auf das Hausrecht, der Rektor der Freien Universität bedrohte den aufsässigen SDS (Sozialistischer Deutschen Studentenbund) mit der Aberkennung der Förderungswürdigkeit. Und die Öffentlichkeit, allen voran die Springer-Zeitungen, nahmen Zuflucht bei den Erklärungsmustern der NS-Vergangenheit: Rudi Dutschke und die Führungs- Clique des SDS waren die "Rädelsführer" und "Drahtzieher", alle anderen eine manipulierte Mitläufermasse.

Protest schuf ein Wir-Gefühl

Genau diese Reaktion bestätigte das Bild, das die Protestler von ihren Gegnern hatten. Und sie trug dazu bei, diese Protestbewegung zu verbreitern und bis in das letzte Provinz-Gymnasium zu tragen. "Wir reichten die Rebellion von Klassenstufe zu Klassenstufe", schreibt Cordt Schnibben, heute Ressortleiter beim "Spiegel", damals Oberschüler in Bremen und bekennender Steineschmeißer. "Es entwickelte sich ein wirkliches Wir-Gefühl", erinnert sich Verleger Lunkewitz. "Wir - das waren die 18-, 19-, 20-Jährigen. Die über 30 waren verloren." In dieser Generation der Jungen gab es so etwas wie eine Grundsolidarität, ein - "trau keinem über 30" - gemeinschaftliches Grundmisstrauen und eine gemeinsame Überzeugung: "Wir bauen die Welt neu!"

Für Lunkewitz, wie für viele andere, begann der Bau der neuen Welt mit der Gründung einer WG. "Eine Dachwohnung im Kasseler Philosophenweg, Matratzen auf dem Boden; essen, wann man wollte; schlafen, wann man wollte; Sex, mit wem man wollte - das war der Rausch. Die Ordentlichkeit, die man immer von uns verlangt hatte, haben wir vollkommen aufgekündigt."

"Wer waren damals ‚wir‘?", fragt der Historiker Gerd Koenen. "Ein jugendlich-intellektuelles Gegenlager, das sich immer deutlicher gegenüber einer vermeintlich hermetischen und erstarrten 'Adenauer-Republik' herausbildete und abgrenzte. Noch repräsentierte es nur eine Minderheit, aber es war bereits zum Kern und Katalysator einer neuen Zeitstimmung geworden."

Die neue Zeitstimmung folgte dem Leitsatz eines Propheten der Bewegung, Theodor W. Adorno: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Nur die umfassende Veränderung aller Lebensverhältnisse konnte ein "richtiges Leben" ermöglichen. Und die soziologischen, psychologischen, marxistischen und maoistischen Wegweiser in dieses Leben wurden jetzt verschlungen wie Krimis. Ein jahrelang angestauter Hunger nach Theorie, nach Welterklärung und Handlungsanweisung brach sich Bahn. Überall "Teach-ins", Podiumsdiskussionen, Büchertische, auf denen sich die Raubdrucke stapelten.

Spätkapitalismus ist "autoritärer Wohlfahrtsstaat"

Herbert Marcuse, ein in die USA emigrierter deutscher Jude, der in Kalifornien als Professor lehrte, wurde ein anderer Prophet der Bewegung, sein Buch über "Repressive Toleranz" eine Bibel der 68er. Beide, Marcuse wie Adorno, beschrieben den herrschenden Spätkapitalismus als "autoritären Wohlfahrtsstaat", der die Befriedigung "falscher Bedürfnisse" ermögliche, den Unterdrückten damit sogar noch das Bewusstsein ihres Unglücks nehme und so für die andauernde Reproduktion autoritärer Persönlichkeiten sorge. Dagegen, so Marcuse, stehe der Minderheit derer, die das System durchschauen, ein "Naturrecht auf Widerstand" zu.

Zwei Ereignisse waren es, die den Widerstand radikalisierten und ihm eine neue Richtung gaben: der tödliche Schuss des Kriminalobermeisters Karl-Heinz Kurras auf den 26-jährigen Germanistikstudenten Benno Ohnesorg während des Schah-Besuchs am 2. Juni 1967 in Berlin. Und die Schüsse des Anstreichers Josef Bachmann auf Rudi Dutschke am Gründonnerstag 1968. Denn die Opfer waren nach Ansicht der Öffentlichkeit und nach Lesart der Springer-Presse die eigentlichen Täter. Ohnesorg, so "Bild" am 3. Juni 1967, "wurde Opfer von Krawallen, die politische Halbstarke inszenierten. (…) Ihnen genügt der Krawall nicht mehr. Sie müssen Blut sehen." Und Rudi Dutschke wurde in Karikaturen mit SS-Runen und in Hitlerpose dargestellt, sodass er schon lange vor den Bachmann-Schüssen zur öffentlichen Schießscheibe präpariert war.

Die Stimmung des Volkes entsprach der Medien- Meinung. "Was soll man mit Studenten tun, wenn diese auf den Straßen demonstrieren?", fragte das Ifas-Institut 1967 in Berlin. 21 Prozent antworteten: den Studenten das Studium verbieten. 14 Prozent: die Demonstrationen verbieten. 12 Prozent: die Studenten aus Berlin ausweisen. 5 Prozent: die Studenten verprügeln. 3 Prozent: die Studenten verhaften. Leserbriefe waren noch deutlicher: "Nur ein Student erschossen, das ist viel zu wenig. Durch den Ofen jagen, das ganze Pack!" Da war sie wieder, die Tonlage der Väter, der alte Rassismus, die Feldwebel-Sprache. Gehörte der NS-Geist wirklich der Vergangenheit an? Oder fand gerade seine Wiederauferstehung statt? Und schuf der Staat mit den Notstandsgesetzen nicht gerade die passende Form für diesen Geist? Musste man dagegen nicht mit allen Mitteln kämpfen? Den Widerstand nachholen, den die Väter nicht geleistet hatten? "Wenn man jetzt nichts macht, hat man eine historische Schuld auf sich geladen", dachte damals zum Beispiel Frank Wolff, Student in Frankfurt und Mitglied im Bundesvorstand des SDS.

Als in der Nacht nach den Schüssen auf Rudi Dutschke 5000 Demonstranten zur Berliner Kochstraße zogen, um vor dem Axel-Springer- Hochhaus die Auslieferung der "Bild"-Zeitung zu verhindern, war auch Bommi Baumann unter ihnen. "Bei dieser Demonstration ist bei mir mein ganzes Leben abgelaufen. Alle Schläge, die ich gekriegt habe, was du als Ungerechtigkeit empfindest … An dem Abend ist irrsinnig viel passiert."

Feuer legen als Zeichen gegen den Vietnamkrieg

Baumann gehörte zu denen, die wie Andreas Baader, Gudrun Ensslin und andere jetzt endgültig an der Gesellschaft der Väter verzweifelten. Baumanns Weg führte in die "Stadtguerilla", zur "Bewegung 2. Juni", zum "bewaffneten Kampf ". Und Baader und Ensslin legten noch 1968 in einem Frankfurter Kaufhaus Feuer, um ein Zeichen zu setzen gegen den Vietnamkrieg und die Gleichgültigkeit der Konsumgesellschaft.

Vietnam - ein Wendepunkt. Amerika, einst bewundertes Vorbild, das Demokratie, Jeans, Jazz, Kaugummi und Coca-Cola nach Deutschland gebracht hatte, dessen Helden cool waren wie Marlon Brando und lässig wie James Dean, führte jetzt einen hochtechnisierten Vernichtungskrieg gegen kleine Männer in Plastiksandalen und schwarzen Pyjamas und bombardierte deren Frauen und Kinder mit Napalm. Aber da das gleiche Amerika auch die Sicherheit der Bundesrepublik und die Freiheit West-Berlins garantierte, schauten die Väter wieder weg. Heinrich Albertz, während des Schah-Besuches 1967 Regierender Bürgermeister von Berlin und voll auf Konfrontationskurs gegen die demonstrierenden Studenten, erklärte später nach seinem Rücktritt, dass ein "offenes Wort in Sachen Vietnam" für ihn "fast politischer Selbstmord" gewesen wäre. Die Heuchelei war so groß, "der Widerspruch zwischen Behauptetem und Tatsächlichem war so breit, dass in diese Lücke die jungen Leute einfach nur so reinzuströmen brauchten und dort nichts als Unglaubwürdigkeit vorfanden".

Am Anfang der Proteste gegen den Vietnamkrieg stand bei vielen 68ern moralische Sensibilität. Das Stillschweigen und das Phlegma der Gesellschaft machten daraus politische Radikalität. Aus Erbitterung wurde Verbitterung. Der Schriftsteller Peter Schneider, selbst Angehöriger der Protestgeneration, hat diesen Prozess beschrieben: "Wir haben in aller Sachlichkeit über den Krieg in Vietnam informiert, obwohl wir erlebt haben, dass wir die unvorstellbarsten Einzelheiten über die amerikanische Politik in Vietnam zitieren können, ohne dass die Fantasie unseres Nachbarn in Gang gekommen wäre, aber dass wir nur einen Rasen zu betreten brauchen, dessen Betreten verboten ist, um ehrliches, allgemeines und nachhaltiges Grauen zu erregen. Da sind wir auf den Gedanken gekommen, dass wir erst den Rasen zerstören müssen, bevor wir die Lügen über Vietnam zerstören können, dass wir erst die Marschrichtung ändern müssen, bevor wir etwas an den Notstandsgesetzen ändern können, dass wir erst die Hausordnung brechen müssen, bevor wir die Universitätsordnung brechen können."

Frische Luft hereinlassen

Die "kriminelle Gleichgültigkeit" (Schneider) der Masse war es, die die Revolte heraufbeschwor, immer wieder neu entfachte, intensivierte und eskalierte. Und auslaufen ließ, als in der Bundesrepublik endlich die Fenster aufgestoßen, frische Luft hereingelassen und mehr Demokratie gewagt wurde. Rückblickend kommt der Soziologe Heinz Bude zu dem Schluss, der fällige soziale Wandel sei damals auf der Suche nach einem Träger gewesen.

Die 68er sind heute selbst Väter-Generation. Alle satt, viele arriviert, manche angekommen an den Spitzen der Institutionen. Aber auch gleichgültig wie die eigenen Väter? Stumpf gegen Unrecht und Ausbeutung? Alles eine Frage des Alters? Der Reife? Das Kernpotenzial derer, die 1968 aktiv waren, lässt sich auf 20.000 schätzen, und vielleicht gibt es heute 20.000 Antworten auf diese Fragen.

Eine Antwort gibt Bernd Lunkewitz, den viele für einen Verräter an den alten Idealen halten, weil er nach seiner Zeit als Maoist mit Immobilien gehandelt und Millionen gemacht hat, bevor er aus der Erbmasse der untergegangenen DDR den Aufbau-Verlag kaufte. "Ich denke immer noch genauso wie damals", sagt er, "der Sozialismus mag als Name diskreditiert sein, aber nicht als Idee." Der Verleger, Jahrgang 1947, schlank, lebhaft, mit wachen Augen, sitzt vor der Bücherwand mit den Werken seines Hauses am Hackeschen Markt in Berlin, stößt Rauchwolken aus dicken Zigarren aus und legt los. "Nichts bleibt, wie es ist. Es wird zu einer Vergesellschaftung des Reichtums kommen. Aber nicht, indem wir mit der Knarre in der Hand Paläste stürmen. Die Revolution wird über Einsicht erfolgen, friedlich wie die deutsche Wiedervereinigung. Irgendwann werden die Menschen von Peking über Moskau bis Frankfurt in den Ruf einstimmen: 'Wir sind das Volk', aber vielleicht tun sie es per Internet. Und vielleicht werden sie dann die Deutsche Bank per Maus-Klick enteignen."

Von Peter Sandmeyer/print