HOME

Ditfurth über Meinhof: "Sie war die große Schwester der 68er"

Ein neues Buch über Ulrike Meinhof? Man weiß doch alles über die Terroristin! Von wegen. Jahrelang hat Jutta Ditfurth diese Reizfigur der Deutschen erforscht - und dabei eine unbekannte Frau und ein verstörendes Foto aus Stammheim entdeckt.

Von Arno Luik

Sagen Sie mal, Frau Ditfurth, warum beschäftigen Sie sich sechs Jahre lang mit einer Frau, die so tot ist wie ihre Politik?

Was ist denn das für 'ne Frage? Sie sagen im Grunde ja, ich habe meine Zeit verschwendet, ich hab 'nen Sockenschuss.

Ja.

Ich gebe zu, dass ich mich eher zufällig Ulrike Meinhof angenähert habe. Aber je mehr ich mich auf diese Frau einließ, desto vielfältiger und vielschichtiger erschien sie. In Ulrike Meinhof verdichten sich einige Jahrzehnte deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Wirklich? Sie war eine Frau, die sich irgendwann das Recht herausnahm, andere zu töten. Die genau wusste, wer die Guten sind, wer die Bösen, die Richterin spielen wollte über Leben und Tod, Bomben legte und …

Das ist nun wirklich klischeehaft. Aber es stimmt wohl schon: Keine öffentliche Figur in diesem Land ist dermaßen unter Legenden, Mythen, Fälschungen begraben wie Meinhof. Was ist aber auch zu erwarten von einem Land, in dem 1976 nur ein einziger Friedhof bereit war, diese Frau zu beerdigen? Und dann auch noch so, dass in einem Umkreis von fünf Metern kein anderes Grab sein durfte? Dass ihre Schwester nicht einmal den Spruch auf den Grabstein meißeln lassen durfte, dass "die Freiheit nur im Kampf um Befreiung möglich ist"? Das ist doch eine Hysterie, eine Verteufelung, die …

… sich vielleicht so erklärt: Vielleicht ist Ulrike Meinhof, vielleicht ist die RAF für die Bundesrepublik so etwas Erschütterndes wie der 11. September 2001 für die USA. Es war das erste Mal, dass ein bewaffneter Angriff auf die Bundesrepublik stattfand - und das aus der Mitte der Gesellschaft.

Ein, wie ich finde, schräger Vergleich. Vielleicht liegt die allgemeine Verunsicherung in Sachen Meinhof auch darin, dass für einen ganz kurzen Augenblick das Gewaltmonopol des Staates infrage gestellt wurde.

Ja, klar. Sie war eine gute Bürgerin mit Bausparvertrag, mit Villa in Blankenese, Partys auf Sylt und in Hamburg mit Augstein und Bucerius. Und: Sie war eine der angesehensten Kolumnistinnen der 60er Jahre.

Einerseits stimmt das, was Sie hier sagen, ja, sie tanzte gern, für kurze zwei Jahre in ihrem Leben, von 1965 bis 1967, tanzte sie in der Hamburger Medienschickeria herum - na und? Andererseits sind Sie mit dieser verkürzten Sicht Opfer einer Meinhof- Darstellung, die sich in den letzten 30 Jahren verfestigt hat. "Die gefährlichsten Unwahrheiten", sagt Georg Christoph Lichtenberg, "sind Wahrheiten, mäßig entstellt." Und dieser Aphorismus von Lichtenberg trifft auf Meinhof zu.

Sie sprechen nun in Rätseln.

Nein. Ihr Leben und ihr Denken werden systematisch verfälscht. Ich habe das auch erst bei meiner Recherche bemerkt. Das geht damit los, dass ein Autor seit gut 20 Jahren die inhaltliche Hoheit, nein, viel mehr noch, das Monopol auf Meinhof und die RAF hat.

Wie bitte? Es gibt über hundert Bücher zu Meinhof und zur Geschichte der RAF.

Die meisten Autoren arbeiten oberflächlich, sie schreiben - und das ist richtig grauslig - die Legenden, die Geschichten, die Mythen aus einem sogenannten RAFKlassiker ab.

Ich nehme an, Sie meinen Stefan Austs "Der Baader Meinhof Komplex"?

Ja. Meine Arbeit hat auch deswegen so lange gedauert, weil ich versucht habe, alle Quellen, vor allem die Primärquellen, zu überprüfen. Ich habe niemandem geglaubt. Ich bin in die Archive. Und da war ich schon sehr verblüfft: So gut wie niemand hat sich vor mir diese Mühen gemacht, hat sich durch diesen gigantischen Wust von Dokumenten gearbeitet.

Ich bin beeindruckt.

Keinen Spott, bitte. Was ich gemacht habe, ist Grundlagenforschung. Ich habe gelernt, den so beliebten Zeitzeugen zu misstrauen. Es gibt wunderbare Zeitzeugen. Aber oft haben Zeitzeugen keine besondere Glaubwürdigkeit. Hans Magnus Enzensberger zum Beispiel. 1968 rief er zornig zur Revolte auf. Heute sagt er: Nein, ich war bloß "teilnehmender Beobachter", ich war eine Art Ethnologe. Das ist doch ein Witz!

Das mag sein. Aber was heißt das konkret in Sachen Meinhof?

Nehmen Sie mal Renate Riemeck, Ulrike Meinhofs Pflegemutter. Ihre eigene Nazi- Vergangenheit hat sie geleugnet, allen Biografen hat sie stets erzählt, die Meinhofs seien christliche Widerstandskämpfer gewesen, Ulrikes Vater habe sich den Faschisten verweigert. Falsch. Werner Meinhof war eifriges Mitglied der NSDAP, als Museumsdirektor in Jena hat er 1937 über 270 Kunstwerke für die Ausstellung "Entartete Kunst" ausgeliefert, darunter fast das gesamte grafische Werk Ernst Ludwig Kirchners. Zeitzeugen müssen oft ihr eigenes Handeln besser darstellen, sich für die Nachwelt selbst rechtfertigen.

Was stört Sie an Stefan Aust?

Ein kleines Beispiel. Er beschreibt, wie er die zwei Meinhof-Töchter in Süditalien vor ihrer Entführung in ein Palästinenser- Lager rettet. Aust, der Held.

So war es doch.

Ulrike Meinhof wollte ihre Kinder nicht zu Palästinensern bringen. Palästinenser? Die Andeutung ist doch klar: Diese böse Mutter will ihre Kinder zu Terroristen ausbilden lassen. Ein Monster. Sie wollte, dass sie bei ihrer Schwester leben.

Das sagen Sie. Das sind doch Scharmützel unter eitlen Autoren.

Von wegen. Es geht um ein wichtiges Stück Geschichte. Es geht um Dämonisierung von Widerstand. Letztendlich geht es um die Frage, wie die Rebellion der 68er zu sehen ist: Waren es durchgeknallte Jugendliche und Studenten, waren es Verrückte und Spinner, frustrierte Mittelschichtkids, die auf die Straßen gingen? Das ist ja eine Sicht, die sehr en vogue ist. Oder waren es aufgeweckte, hochpolitisierte Leute, die an den deutschen Verhältnissen beinahe verzweifelten und glaubten, sie ändern zu müssen und zu können?

Jan Philipp Reemtsma, der Mäzen des Hamburger Instituts für Sozialforschung, sieht das so: Nicht aus politischen Motiven hätten Meinhof und Co. gehandelt, sie seien von Größenwahn, Machtgier und Lust an Gewalttaten beseelt gewesen.

Reemtsma … tja, meine Großtante Helmtrudis war mal seine Gouvernante. Er kommt aus einer Familie, die vom Faschismus profitierte - und wo es, sicherlich auch für ihn, noch viel aufzuarbeiten gibt. Er selbst war Mitglied einer revolutionären Gruppe, die eine fundamentale Veränderung der Machtverhältnisse wollte. Später war er Opfer einer Entführung. Was er nun sagt, passt in den herrschenden Zeitgeist, nach dem radikale Opposition zum System, der Kampf um eine gerechtere Welt schlichtweg verrückt ist. Er psychiatrisiert Widerstand. Opposition als Krankenakte.

Ihr Buch über Meinhof nennen Sie - nicht unbescheiden - "die Biografie". Das klingt wie: Leute, jetzt kommt die Wahrheit.

Ich denke schon, dass mein Buch für die nächsten Jahre Bestand haben wird. Wie ich sagte, in Meinhof spiegelt sich deutsche Geschichte - die Zeit des Faschismus, die Adenauer-Ära, die jugendliche Subkultur der 50er und 60er Jahre.

Sie selbst, was haben Sie beim Schreiben gelernt?

Ich dachte immer, ich wüsste sehr viel über jene Zeit. Aber ich hab Staunen gelernt. Es gibt eine völlig enteignete, unterdrückte Geschichte in diesem Land. Es heißt immer, die Adenauer-Jahre seien dumpf gewesen, so eine Art Biedermeierzeit. Unsinn. Es war eine höchst lebendige Zeit, voller Kämpfe - es gab massenhafte Demos gegen die Einführung der Bundeswehr, gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr, wie Strauß sie forderte. Hunderttausende demonstrierten gegen den "Atomtod", es gab Millionen Unterschriften dagegen. Es gab Demos gegen die Nato-Mitgliedschaft der Bundeswehr. 1952 eröffnete die Polizei bei einer Demonstration in Essen das Feuer auf Jugendliche, sie erschossen den Arbeiter Philipp Müller mit einer Kugel in den Rücken. Das hat die junge Meinhof politisiert, sie war mittendrin in diesen Auseinandersetzungen, die der lange Vorlauf zu 68 sind. Im Januar 1959, auf einem Atomkongress, lieferte sie, gerade 24 Jahre alt, sich mit dem 40-jährigen Helmut Schmidt eine Redeschlacht, sodass der fluchend und frustriert davonlief.

Aber in der Mensa faltete sie brav die Hände und betete laut.

Quatsch. Das ist auch so ein Mythos, der letztendlich sagen soll: Sie war naiv, ist nicht ganz ernst zu nehmen. Nein, sie hat sich früh von der Religion losgesagt, statt der Bibel Marx gelesen.

Moment mal, an der Universität hatte sie Seminare über christliche Pädagogik und das "Problem der moralischen Erziehung" belegt. In einem ihrer ersten Flugblätter gegen die atomare Bewaffnung schreibt sie voll christlichem Pathos: "Wir wollen uns nicht noch einmal wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gott und den Menschen schuldig bekennen müssen."

Ja. Sie schreibt damals auch noch kreuzbrave Berichte an die Studienstiftung des deutschen Volkes, die sie als Hochbegabte förderte. Aber sie politisiert sich ungemein rasch, lässt das Christliche hinter sich. Sie trifft sich mit alten Kommunisten, KZ-Opfern, die bis 1945 verfolgt wurden und jetzt wieder Repressalien ausgesetzt sind. Das prägt sie. Sie sieht sich im Widerstand zu Adenauer, bald auch im Widerstand zur SPD, von der sie abgrundtief enttäuscht ist, als die ihren Frieden mit der Bundeswehr macht. Sie ist die erste Frau im münsterschen SDS; sie agitiert, hält Reden, vom Rektor wird sie "als große Schande der Universität" geschmäht. 1958 tritt sie der verbotenen KPD bei und beginnt nun ein Leben am Rande der Illegalität, häufig konspirativ. Weil die Partei es will, bricht sie ihr Studium ab, geht nach Hamburg und fängt an, für "konkret" zu schreiben.

Und ohne Meinhof - folge ich Ihrem Buch - hätte es die Rebellion von 68 nicht gegeben. Für Sie ist Meinhof so etwas wie die Mutter der 68er.

Sie übertreiben, so sage ich das nicht. Sie ist nicht die Mutter, sie ist eher so etwas wie 'ne große Schwester der APO, der 68er. Meinhof hatte mit ihren Kolumnen, vor allem mit ihren Hörfunkfeatures etwa über Industriearbeit und Heimkinder, einen enormen Einfluss auf das Denken vieler Leute. Viel mehr, als sie selbst glaubte. Sie griff Themen auf, die erst Jahre später explodierten. Zum Beispiel die Frauenfrage. Dass sich die Frauen im SDS gegen die Machos wehrten - das taten sie mit Worten und Sätzen wie aus Meinhofs Artikeln. Sie konnte einfach prägnant formulieren.

Doch dann, im Untergrund, sagte und schrieb sie so rohe und primitive und schreckliche Sätze wie: "Die Bullen sind Schweine … und natürlich kann geschossen werden … Der Typ in Uniform ist ein Schwein."

Ja. Das sind Zitate aus einem nicht autorisierten Gespräch. Sie hat sich später davon distanziert. Sie sah sich aber im bewaffneten Kampf. Sie war nun bereit, bis zum Tod zu kämpfen.

Glaube ich Aust und vielen anderen Biografen, war dieser Kampf eher ein Zufallsprodukt. Er begann, als sie am 14. Mai 1970 bei der Befreiung Baaders mitmachte.

Anders als geplant fiel dabei ein Schuss, und anders als geplant sprang Meinhof hinter Baader aus dem Fenster aus der Bibliothek. Aber letztendlich war dieser Sprung kein Zufall. Sie ist nicht tollpatschig reingerutscht, wie Aust das unterstellt. Sie wollte in den Untergrund, sie wollte kämpfen. Schon lange diskutierten sie und viele andere über Gewalt und Gegengewalt, über Sabotageakte.

Das ist doch verrückt.

So scheint es von heute aus gesehen. Aber der Anschlag auf Dutschke, der Mord an Ohnesorg, die täglichen Bombenteppiche auf Vietnam, der Militärputsch in Griechenland, die erschossenen Studenten in Kent, Ohio - da war das Gefühl, Worte und Demos bringen nichts, sie ändern nichts. Man muss mehr machen. Angreifen wie die Befreiungsbewegungen in Lateinamerika. Auch in den USA gab es bewaffnete Gruppen im Untergrund. Sie war dazu bereit. Schon im Frühjahr 1969, kaum jemand weiß bisher davon, besorgte sie das Geld für Sprengstoff, um im Hamburger Hafen, wo Blohm und Voss Kriegsschiffe für Portugal baute, das einen Kolonialkrieg in Afrika führte, ein Schiff in die Luft zu jagen. Am 13. Oktober explodierte die Bombe, sie war in einer Schaluppe neben dem Schiff versteckt. 150 Meter hoch flogen Eisenplanken. Die Auslieferung des Schiffes, seine Elektronik war zerstört, verzögerte sich um Monate.

Ein paar Stunden nach Baaders Befreiung war die 35-jährige Starjournalistin Ulrike Meinhof Staatsfeind Nummer eins.

Überall hingen Fahndungsplakate mit ihrem Namen. Sie hatte mit dieser Reaktion nicht gerechnet. Sie hatte noch keinen Menschen verletzt, nun war sie Objekt der größten Polizeiaktion seit 1945. Böll schrieb damals: "Baldur von Schirach hat nicht so lange gesessen, wie Ulrike Meinhof sitzen müsste."

Und in vielen Wohngemeinschaften war das nun die bange Frage: Würdest du Ulrike Meinhof die Tür öffnen, wenn sie klingelt?

War es eine bange Frage? In vielen WGs hing das Fahndungsplakat. Sie war für viele eine Ikone. Allensbach machte 1971 eine Umfrage. Jeder Vierte unter 30 hatte "gewisse Sympathien" für die RAF.

Doch es war ein linker Lehrer, der der Polizei den Tipp zur Festnahme von Meinhof gab.

Zwei Jahre hatte man kaum was von Meinhof gehört, im Mai 1972 gab es dann plötzlich innerhalb von 14 Tagen fünf Anschläge unter anderem auf US-Militäreinrichtungen mit vier Toten und 24 Verletzten, einen Anschlag auf das Springer-Hochhaus mit 17 Verletzten. Keine Woche später, verblüffend schnell, war Meinhof geschnappt. Sie hatte bei dem Lehrer Rodewald in Hannover übernachten wollen. Der hatte zugesagt, wusste aber dann nicht, wie er sich verhalten sollte. Er ging zu seinem Freund Oskar Negt, ließ sich von ihm beraten.

Sie meinen Professor Negt - Freund und später Berater von Kanzler Gerhard Schröder?

Ja. Negt sagte, es gebe keine "Zwangssolidarität", und so ging der Lehrer zur Polizei.

Jahrelang war es eine Glaubensfrage, eine Frage, ob man ein Staatsfeind ist oder nicht, ob Meinhof in Stammheim Selbstmord verübt hat oder ob sie ermordet wurde.

Ich weiß es nicht. Zu ihrer Schwester sagte Ulrike Meinhof im März 1976: "Wenn du hörst, ich hätte mich umgebracht, dann kannst du sicher sein, es war Mord." Auf den letzten Besucher, einen italienischen Rechtsanwalt, der sie lebend sah, wirkte sie "wie eine Frau, die leben wollte".

Ein paar Stunden später war sie tot.

In vielen Berichten hieß es damals: Sie stieg auf den Schemel, knotete das Ende des Stricks um das Fenstergitter und sprang. Und manchmal sah man das Bild, wie sie am Fensterkreuz hing. Man sah sie bis zur Brust, manchmal bis zu den Oberschenkeln. In einem Archiv habe ich die Originalfotos der erhängten Ulrike Meinhof entdeckt. Da sieht man die ganze Ulrike Meinhof. Sie hängt am Fensterkreuz, sehr dünn, sehr mager, sehr blass. Und ihr linker Fuß steht auf einem Stuhl.

Todesursache: Selbstmord. Das ergab die offizielle Obduktion.

Ja. Das ergab diese Obduktion.

print