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Ein Bild und seine Geschichte "Dann drückte er einfach ab"


Erster Februar 1968. Die Tet-Offensive trägt den Krieg in die Städte Vietnams: In Saigons Straßen toben Kämpfe zwischen ARVN-Truppen, US-Armee und dem Vietcong. Häuser brennen, Schüsse fallen, Menschen sterben. Der AP-Fotograf Eddie Adams bannt den Wahnsinn in einem einzigen Bild.
Von Philipp Gülland

"Südvietnamesische Truppen hatten vor einem Hauseingang einen Gefangenen gepackt und schleppten ihn in dieselbe Richtung, in die wir gingen. An einer Ecke blieben sie stehen und plötzlich tauchte dieser Polizeikommandant auf. Ich stand nur eineinhalb Meter von dem Gefangenen entfernt, als der Mann zu seinem Revolver griff". Der Tod eines Menschen, die Geburt einer Ikone: traurig, brutal, auf den Punkt. "Dieser Polizeikommandant", das ist General Nguyen Ngoc Loan: ein joviales "Monster mit guten Seiten", wie Horst Faas - damals Leiter des AP-Büros in Saigon - später sagt.

Fotograf Adams erinnert sich: "Ich hatte keine Ahnung, dass er schießen würde. Gefangene mit der Pistole am Kopf einzuschüchtern und zu verhören, war normal. Auf dieses Bild war ich gefasst - die Bedrohung, das Verhör. Aber das passierte nicht. Der Mann zog einfach seine Waffe und drückte ab, im gleichen Augenblick machte ich das Bild."

Ungleicher Kampf in der Fremde

Es ist ein ungleicher Kampf, aus dessen Mitte Eddie Adams und seine Kollegen berichten: Auf der einen Seite Amerikas GI's an der Seite der von den USA finanzierten und ausgebildeten südvietnamesischen Armee, auf der anderen Seite das kommunistische Nordvietnam und die Vietcong-Guerilla. Hubschrauber, Napalm und Agent Orange gegen Kalaschnikows, Entschlossenheit und Heimvorteil. Seit Anfang der Sechziger wütet der Konflikt in Vietnam, es ist ein klassischer Stellvertreterkrieg im Kampf der Systeme. US-Präsident Lyndon B. Johnson will das kleine Land nicht an den Kommunismus verlieren, es geht um das Prinzip. Es ist ein Krieg, den niemand recht versteht - in einem Land, das den Amerikanern fremder nicht hätte sein können.

"Wir führten nicht 14 Jahre lang Krieg - sondern 14 Mal ein Jahr lang", kommentiert der amerikanische Journalist und Historiker Don Oberdorfer "und blieben Fremde unter Fremden". Der Konflikt, in den die Weltmacht sich langsam und schrittweise eingemischt hat, wächst ihr über den Kopf. Mit der Tet-Offensive - den Überraschungsschlägen der Nordvietnamesen am Neujahrsfest Tet - wird klar: der Krieg steckt in einer Sackgasse, der sicher geglaubte Sieg wackelt. Fünfhunderttausend US-Soldaten kämpfen in Vietnam, fünfhundert werden jede Woche zurückgeflogen - in Leichensäcken. Noch während der Angriffe fordert US-Generalstabschef Earle Wheeler 260.000 zusätzliche GI's an. Erfolglos.

Zum dritten Mal ist Eddie Adams in Vietnam. In der New Yorker Zentrale ist man mit seinen Bildern zufrieden. Aber nur saubere Arbeit abzuliefern, reicht dem Fotografen nicht. Seit drei Jahren jagt er das perfekte Bild - das eine, das alles auf den Punkt bringt: Frust, Mut, Leid. Die Tet-Offensive beschert ihm schließlich dieses Bild, "Ich habe bekommen, weswegen ich hier bin.“ lässt Adams nachmittags einen Kollegen im Büro wissen. Seine Bilder der Hinrichtung, insbesondere das jenes entscheidenden Augenblicks lassen keinen Zweifel: das ist nicht der saubere, gerechte Krieg, den die Strategen des Pentagon der amerikanischen Öffentlichkeit verkaufen wollen - das hier ist schmutzig, brutal und barbarisch. Wie so viele zuvor, folgt auch dieser Krieg seiner eigenen Logik der Vergeltung: "Die haben viele von meinen Leuten getötet, von Euren auch.“ sagt Polizeikommandant Nguyen Ngoc Loan zu Adams, bevor er sich von der Leiche abwendet und geht.

"Ich sah das Foto und spürte diesen kleinen Stich"

"Eddies Foto war auf einer Rolle, wie ich sie damals Dutzende, ja Hunderte durchzusehen hatte. Aber als ich jenes Bild zum ersten Mal sah, da spürte ich eben diesen kleinen Stich, nahm die Lupe um das Negativ genau zu betrachten und wusste: das ist es", erinnert sich AP-Büroleiter Horst Faas Anfang der Neunziger an jenen ersten Februar 1968, als er Adams Filme begutachtete.

Tatsächlich wird die Aufnahme eine der meistgedruckten des Vietnamkrieges, sie wird 1968 mit dem World Press Award ausgezeichnet und erhält ein Jahr später den begehrten Pulitzer-Preis. Es ist eines von vielen Bildern und zahllosen Geschichten, die eine Lawine des Protestes lostreten. In den USA demonstrieren Studenten und Bürgerrechtler schon seit 1965, aber nun stellt sich auch der Rest der Nation gegen den Einsatz und fordert den Abzug der US-Truppen. Die Weltöffentlichkeit zeigt sich zusehends schockiert vom Vorgehen der US-Armee, Flächenbombardements gegen Bauern und Vorfälle wie der von Eddie Adams dokumentierte, sind keine Ausnahmen, sondern eher die Regel - Bilder des Grauens werden Ikonen einer Epoche und treibende Kraft der Protestbewegung. Auch in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland wird demonstriert, seit Jahren schon schwelt der Konflikt zwischen Establishment und Studentenbewegung. Ein Kampf um grundlegende gesellschaftliche Veränderungen, der in diesen Tagen seinen Höhepunkt erreicht.


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