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Epilog: Verdrängung, Vertuschung und Vergebung

Vielen Unverbesserlichen dient Heydrich heute noch als "großes Vorbild". Zu solcher Verehrung hat beigetragen, dass die Justiz die Untaten des 1942 ermordeten SS-Obergruppenführers nie voll aufgearbeitet hat.

Für viele Unverbesserliche bleibt Reinhard Heydrich, der nie verurteilte Massenmörder, der Größte. Mehr als Hitlers zu den Briten geflüchteter Stellvertreter Rudolf Hess gilt er Neonazis als "idealer Nationalsozialist" – oder, wie der US-Rassist es formulierte, "the Naziest Nazi of them all". Auf einer Webseite predigt ein H.H. Norden, was die Braunen von heute aus Heydrichs "beispielhaftem Leben" von gestern lernen sollen: alles tun "für den Sieg der arischen Rasse", Gegner "mit aller Härte bekämpfen" bis zur "restlosen Vernichtung der Demokratien". Der 1995 wegen Bildung eines bewaffneten Haufens verurteilte Berliner Neonazi Arnulf Priem, laut Anklage ein "geistiger Brandstifter", nannte Heydrich sein großes Vorbild.

Zu solcher Verehrung hat beigetragen, dass die Justiz die Untaten des 1942 ermordeten SS-Obergruppenführers nie voll aufgearbeitet hat. Zwar verurteilte das Nürnberger Kriegsverbrechertribunal 1946 Heydrichs Nachfolger Ernst Kaltenbrunner zum Tode, doch im nachfolgenden Einsatzgruppen-Prozess setzte schon eine "kalte Amnestie" ein: Nur vier der 14 mit der Höchststrafe belegten Leiter von Heydrichs Mordkommandos im Osten wurden 1951 in Landsberg hingerichtet. Keiner der Begnadigten saß über 13 Jahre ab.

"Endlösung endete mit dem Verschwinden der Vollstrecker"

Einsatzgruppenleiter Bruno Streckenbach, verantwortlich für Massaker in Polen und Russland, wurde seltsamerweise 1955 aus sowjetischer Gefangenschaft nach Hause entlassen und in Hamburg zwar angeklagt, "den Tod von mindestens einer Million Menschen verursacht zu haben", aber bis zu seinem Tod 1977 nie vor Gericht gestellt. Ebenso kam 1972 Heydrichs Stellvertreter Werner Best als verhandlungsunfähig davon; er lebte unbehelligt noch elf Jahre. Nicht ein Leiter des Polen-Referats IV D2 im RSHA stand je vor einem Richter. In der Bonner Republik hieß "Vergangenheitsbewältigung" zu oft nur Verdrängung, Vertuschung und Vergebung. Rechtshistoriker Jörg Friedrich: "Die Endlösung endete mit dem Verschwinden der Vollstrecker."

Und Lina Heydrich, die laut SD-Agent Wilhelm Höttl ihren Mann im Nazi-Geist antrieb wie eines "jener bösen, ehrgeizgepeitschten Weiber in den Erzählungen der Edda"?

Die Witwe floh 1945 aus ihrem Schloss Jungfern-Breschan (Panenske Brzezany) bei Prag, wo bis zu 120 jüdische KZ-Häftlinge für sie fronen mussten. Bald tauchte sie mit ihren Kindern Heider, Silke und Marte wieder auf ihrer Heimatinsel Fehmarn auf. Obwohl ein tschechoslowakisches Gericht sie 1948 zu lebenslanger Haft verurteilte, lieferte die britische Zonenverwaltung sie nicht aus. Bei der "Entnazifizierung" zuerst 1949 als "Mitläuferin" enteignet, wurde Lina Heydrich zwei Jahre später voll rehabilitiert. Zudem gewährte ihr das Landessozialgericht Schleswig nach jahrelangem Rechtsstreit eine Witwenrente, da ihr Mann "Kriegsopfer" sei. So betrieb die Witwe in dem 1935 gekauften Strandhaus in Burgtiefe das Hotel "imbria parva", bis das Gebäude im Winter 1969 bei Schweißarbeiten unterm Reetdach abbrannte.

"Keiner weiß doch genau, was der Opa getan hat"

Lina Manninen, wie sie nach der Heirat mit einem finnischen Theaterdirektor hieß, tat alles, um ihren ersten Mann reinzuwaschen: "Er war nicht gegen Juden und hatte mit der Vernichtungskampagne nichts zu tun." Bis sie am 14. August 1985 starb, sprach Lina für die Familie, seither ihr Ältester, Heider, ein pensionierter Ingenieur im bayrischen Wörthsee. Er hält sich indes zu Fragen über den Vater für "nicht ausreichend kompetent". Heydrichs Tochter Marte Beyer, Inhaberin eines Modeladens in Burg auf Fehmarn, zum STERN: "Sie ahnen ja nicht, was es bedeutet, so einen Vater zu haben. Er verfolgte mich bis in den Schlaf. Aber ich weiß nichts." Ihr Sohn, Reinhard getauft, ergänzt: "Keiner weiß doch genau, was der Opa getan hat."

Peter Thomas Heydrich, Sohn von Heydrichs Bruder Heinz, der 1944 als Widerständler Selbstmord beging, schämte sich über solches Verhalten: "Seine Kinder haben nichts gefühlt und fühlen nichts." Nie haben sie auch nur eine Geste gegenüber den Opfern gemacht, weder zu Juden noch zu Kindern aus Lidice – vielleicht aus Angst. Doch Juden haben, wie der israelische Historiker Tuwiah Friedman betont, "keine Rache an Heydrichs Kindern oder an seiner Gattin genommen, die ihm das vierte Kind zu einer Zeit schenkte, als tagtäglich jüdische Kinder mit ihren Müttern in die Gaskammern gejagt wurden".

Mario R. Dederichs / print