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KREUZZÜGE: Der Kampf um Jerusalem

Clermont, Frankreich, im November 1095: Papst Urban II. ruft die Christenheit zur Befreiung des Heiligen Landes auf. Zehntausende machen sich auf. Ein erster, schlecht bewaffneter Zug einfacher Leute wird von den Türken in Kleinasien aufgerieben. 1099 steht dann ein christliches Ritterheer vor Jerusalem. Von Durst und Seuchen geplagt, nehmen die Kreuzfahrer die Stadt ein und metzeln alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Ein Bericht.

Clermont, Frankreich, im November 1095: Papst Urban II. ruft die Christenheit zur Befreiung des Heiligen Landes auf. Zehntausende machen sich auf. Ein erster, schlecht bewaffneter Zug einfacher Leute wird von den Türken in Kleinasien aufgerieben. 1099 steht dann ein christliches Ritterheer vor Jerusalem. Von Durst und Seuchen geplagt, nehmen die Kreuzfahrer die Stadt ein und metzeln alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Ein Bericht.

Das Schlimmste ist der Durst. Die Zunge klebt am Gaumen, die Lippen sind aufgesprungen. Sprechen wird zur Qual, aus der vertrockneten Kehle kommt nur heiseres Krächzen. Unbarmherzig brennt die Julisonne. Über die kargen Höhen weht ein glühender Wüstenwind. Wer vorne zu tun hat, wo das Geröll zum Auffüllen der Gräben bereitgestellt wird, muß wegen des ständigen Pfeilhagels Helm und Kettenpanzer tragen. Zwar haben die Männer inzwischen gemerkt, daß die Sonne ihre Kettenpanzer aufheizt, und tragen über der Rüstung einen Umhang aus hellem Stoff, der die Hitze abweist, aber die Eisenhemden haben ein fürchterliches Gewicht, das macht jede Bewegung schwer und mühevoll, dazu klebt der dicke Filz darunter widerlich am Körper. Und wenn man dann von vorne zurückkommt, gibt es vielleicht einen Schluck trübe, grüne Brühe zu trinken, die man kaum Wasser nennen kann, und manchmal gibt es nicht einmal das.

Die drinnen in der Stadt, die Ungläubigen und die Juden, die haben alles. Randvolle Magazine, Wasser in wohlgefüllten Zisternen. Das haben die Christen berichtet, die der muslimische Befehlshaber aus der Stadt geworfen hat, als das Heer anrückte. Aber hier draußen im dürren, steinigen Land ist nichts. Hier im Christenlager brüllt das Vieh vor Durst in den Gattern. Täglich krepieren einige der Lasttiere. Und noch viel mehr Menschen. Seuchen gehen um. Seit das Heer vor drei Jahren losgezogen ist, schrumpfte es ständig. Man lebt auf dem Marsch und in den Zelten so eng beieinander, Krankheiten, die der eine hat, bekommt der andere auch, der Herr mag wissen, warum. Und dann das Essen. Zu wenig, natürlich, wenn man sich in einem ausgebluteten Landstrich versorgen muß. Den Gestank, der wie ein Wolke über dem Lager steht, nimmt niemand wahr. Auch zu Hause kacken alle dorthin, wo sie gerade gehen und stehen.

Am Rand des Lagers erhebt sich ein riesiges Holzgerüst, die Hoffnung des christlichen Heeres. Das Bauwerk steht auf Rädern, mannshohen Holzscheiben, auf der Rückseite hat es Leitern, obenauf eine Plattform, auf der ein Dutzend Männer Platz finden können, darüber eine Art Ladebaum, in den eine mit Brettern belegte Brücke eingehängt ist. Das Gerüst ist ein Belagerungsturm, bestimmt dazu, Mauern zu überwinden. Die Mauern der heiligen Stadt Jerusalem. Hinter diesen Mauern liegen die heiligen Stätten von Jesu Wirken und Leiden, von seiner Kreuzigung und Auferstehung. Wer Jerusalem aus der Hand der Muslime befreit, die es seit Jahrhunderten besetzt halten, dem werden seine Sünden vergeben. So hat es der Papst bei der Synode von Clermont vor fast vier Jahren versprochen.

Den Kreuzfahrern, die damals dabei waren, läuft es noch heute kalt über den Rücken. Aber auch die anderen, denen Wanderprediger die Papst-Botschaft in ihre Heimatkirchen brachten, steckte die Begeisterung an. Im November 1095 war es, die Kirche von Clermont hat den Andrang der Menschen nicht fassen können, also wurde die Versammlung ins Freie verlegt, und der Papst sprach, wie man noch nie einen Menschen hatte sprechen hören. »Nicht er hat geredet, Gott hat aus ihm gesprochen«, sagten viele.

Urban II. schilderte Not und Verfolgung der Christen in den Ländern des Ostens, er wiederholte die dringenden Hilferufe des Kaisers in Konstantinopel, der sich der Angriffe der muslimischen Türken nicht mehr erwehren könnte. Er mahnte die Christen an ihre Pflicht, für die Ausbreitung des Glaubens zu kämpfen. Und er nannte ein Ziel: Jerusalem, Befreiung des heiligen Grabes. Die Zuhörer schrien und weinten. Donnernde Sprechchöre erhoben sich: »Gott will es!« hallte es über das Feld.

Trefft euch im August des nächsten Jahres, hatte sie der Papst aufgefordert, und die Ritter Europas hatten sich gerüstet, einige ihre Güter verkauft, um Geld für Waffen, Panzerzeug, Pferde und Proviant zusammenzubekommen. Auch einige große Herren nahmen das Kreuz. Aus dem Norden kamen Flamen und Engländer unter Robert II. von Flandern und Robert II. von der Normandie, Lothringer und Rheinländer sammelten sich unter Gottfried von Bouillon, Südfranzosen unter Raimund IV. von Toulouse, Normannen aus Süditalien unter Bohemund von Tarent und seinem Neffen Tankred.

Auf verschiedenen Wegen, über Land, auf dem Seeweg über die Adria und dann weiter auf den alten römischen Heerstraßen durch den Balkan, zogen sie zu nächst nach Konstantinopel, wo sich die Fürsten zu endlosen Verhandlungen mit dem Kaiser niederließen. Der war nicht glücklich über den wilden Heerhaufen, der in sein Land eingefallen war. Die Kaisertochter Anna: »Die grobschlächtigen Ritter aus dem Westen waren von der glänzenden Pracht des Palastes, seinem glatten Zeremoniell und den ruhigen, geschliffenen Manieren der Höflinge natürlich beeindruckt. Aber sie nahmen es alles zutiefst übel. Ihr verletzter Stolz machte sie widerborstig wie ungezogene Kinder.« Der Kaiser hatte, als er beim Papst um Beistand gegen die Türken angesucht hatte, sein Hilfsgesuch ganz anders gemeint: Ihm schwebte eine kleine schlagkräftige Söldnertruppe vor, die helfen sollte, die Türken aus Kleinasien zu vertreiben. Mit dem Riesenheer, das verschiedenen Herren gehorchte, die sich untereinander keineswegs grün waren, und das unbedingt und ausschließlich nach Jerusalem wollte, konnte er nichts anfangen. Jerusalem, gewiß, das hatte mal zum Kaiserreich gehört, aber das war lange her, nun gehörte es zum Machtbereich der Muslime, und als unbewaffneter Pilger konnte man da auch durchaus hinkommen.

Also machte der Kaiser Schwierigkeiten aller Art, und erst als die Fürsten ihn als Lehnsherren aller Gebiete anerkannten, die sie erobern würden, rückte er mit Unterstützungen für das weitere Unternehmen heraus, stellte Proviant und ortskundige Begleiter zur Verfügung. Die Ritter bestaunten inzwischen die Stadt.

Konstantinopel! Die Pracht, der Reichtum, das Menschengewusel in den Straßen. Die Kirchen voll mit Reliquien, auf den Märkten die Güter der ganzen Welt ausgebreitet, und wie die Frauen dufteten! Die Einheimischen beäugten die groben und stinkenden Schwertträger aus dem Norden mit Mißtrauen. Schließlich waren sie nicht die ersten, die unter dem Zeichen des Kreuzes in ihrer Stadt eintrafen. Papst Urbans Aufruf hatte auch bei den kleinen Leuten, bei Bauern, Tagelöhnern und Handwerkern gezündet. Die waren sofort losgestürzt, Zehntausende, der Kreuzzug des Volkes hatte sich von Frankreich und Deutschland in Richtung Osten gewälzt und war schon im Sommer 1096 in Konstantinopel angekommen.

Ihr Anführer war ein Wanderprediger namens Peter der Einsiedler gewesen. Gott hatte ihn mit einer gewaltigen Rednergabe begnadet. Er ritt auf einem schäbigen Maulesel, dem beinahe alle Schwanzhaare fehlten, weil das begeisterte Volk sie ausgerissen hatte, um wenigstens irgendeine Reliquie von dem heiligen Mann zu haben. Was aus Peters wild zusammengewürfelten Scharen geworden war, sahen die Ritter des ersten richtigen Kreuzzugs, nachdem sie im Sommer 1097 Konstantinopel endlich verließen. Kreuzzügler Fulcher von Chartres: »Wie viele abgeschlagene Köpfe, wie viele Gebeine getöteter Mensch fanden wir auf den Feldern liegen jenseits von Nicomedia. Es waren die unsrigen, die als Neulinge und völlig unerfahren in der Kunst, sich der Armbrust zu bedienen, von den Türken niedergemetztelt worden waren.« Der schlecht bewaffnete, ungeübte Haufen war einem türkischen Heer in die Falle gelaufen.

Ihre eigene militärische Bewährungsprobe kam kurz nach dieser schlimmen Begegnung. Bei Doryläon wurden die als Vorhut marschierenden Normannen von den Türken angegriffen. Sie hielten im Pfeilhagel aus, bis die übrigen Teile des Heeres eintrafen, die Muslime in die Zange nahmen und sie in die Flucht schlugen.

Dann der Zug durch die anatolische Hochebene, in Staub und Hitze, durch verlassene Landstriche, in denen alles Brauchbare zerstört war. Weiter, während die Herbstregen einsetzten, über das Gebirge nach Armenien und an die syrische Küste. Da lag Antiochia, der Ort, in dem die erste christliche Gemeinde außerhalb Palästinas gegründet worden war. Durch Verrat fiel die Stadt in ihre Hand, und anschließend mußten sie sie gegen ein türkisches Heer verteidigen. In einem verzweifelten Ausfall schafften sie es tatsächlich, die Belagerer zu vertreiben.

Mehr als ein Jahr war über den Auseinandersetzungen um Antiochia vergangen. Es war Juni 1099, als die Kreuzfahrer endlich Jerusalem erblickten. Sie warfen sich auf die Knie und weinten. Jerusalem, irdisches Abbild des Himmels. Dafür hatten sie alle Entbehrungen auf sich genommen. Aber die Stadt öffnete sich ihnen nicht. Ein Sturm, hastig improvisiert, scheiterte. Also Belagerung. Und daher bauen sie jetzt dieses seltsame Gerüst auf Rädern, den Holzturm mit der Brücke dran. Und sie, die hochgeborenen Herren, müssen sich der Sachkompetenz eines bürgerlichen Städters aus Genua beugen.

Der Mann ist mit einem Schiffskonvoi aus Genua gekommen, die Galeeren hatten zum Glück Baumaterial dabei, Nägel, Bolzen, Seile, und Leute, die damit umgehen können. Von Jaffa her, wo die Schiffe gelandet waren, ist alles in Eilmärschen ins Lager geschafft worden. Der Genuese ließ Holz beschaffen. Dazu mußten Transporte bis in die Wälder von Samaria organisiert werden, Kamele und muslimische Gefangene haben die Stämme geschleppt. Und im Lager hat das Bohren, Hämmern und Zimmern angefangen. Der genuesische Ingenieur ist überall, rät, dirigiert, kommandiert, und wenn nicht hier, an der Nordseite, wo sich die Truppen Gottfrieds von Bouillon und Tankreds von Tarent auf den Sturm vorbereiten, dann drunten im Süden, wo die Provenzalen Raimunds von Toulouse ein ähnliches Bauwerk errichten.

Die Ritter haben vom Belagerungswesen nur wenig gewußt. Zu Hause schützt man seinen Besitz meist mit Gräben, Erdwällen und Verhauen aus Buschwerk. Da gibt es nicht diese himmelhohen Türme und Mauern aus Stein mit den verschachtelten, hinter- und übereinander gestaffelten Verteidigungsanlagen. Und Belagerungen sind sowieso nicht Sache des Ritters, er will dem Gegner auf offenem Feld im Kampf Mann gegen Mann begegnen und ihm ins Auge sehen. Aber so kommt man einer Festung, die noch aus Römerzeiten stammt, nicht bei, das hat ihnen der Genuese klargemacht. Er stammt aus einer Hafenstadt, die immer im Austausch mit dem Orient stand, dort hat sich das Wissen der alten Zeit erhalten. Dort ist der Bau einer Festung genauso eine Kunst wie deren Zerstörung. So zeichnet er seltsame Figuren in den Sand, hantiert mit merkwürdigen Gerätschaften, und die Kriegsmänner, die mehr davon verstehen, Schädel zu spalten und Lanzenstößen auszuweichen, schauen ihm über die Schulter und zucken mit den Achseln.

Die Ungläubigen haben dergleichen Maschinen natürlich auch, größere und bessere, wie der Mann aus Genua sachkundig und ohne Groll feststellt. Und sie besitzen dazu noch eine schreckliche Waffe, von der nicht einmal der Genuese sagen kann, woraus sie genau besteht: Es ist ein Feuer, das niemand löschen kann. Da spritzt aus Rohren eine schwarze, klebrige Flüssigkeit und verteilt sich überall hin. Ein Topf mit einer Brandladung fliegt hinterher, zerplatzt auf der schwarzen Flüssigkeit, und kurz darauf steht diese selbst in Flammen und brennt und brennt. Und woran sie klebt, das brennt auch und ist nicht zu löschen. Bei ihrem Angriff haben es die Kreuzfahrer erleben müssen, wie sich vor ihnen Feuerwände auftaten oder ihre Sturmleitern ihnen unter den Händen wegbrannten. Der Genuese hat daraufhin geraten, den Turm mit den Häuten frisch geschlachteter Tiere zu behängen, und Frauen und Kinder nähen sie zusammen. Frauen? Kinder?

Die Krieger Christi sind nicht allein gekommen, mancher hat seine Familie mitgenommen. Entlaufene Nonnen haben sich dem Zug angeschlossen, Prostituierte fehlen auch nicht, meist ist der Unterschied nicht leicht zu erkennen. Das war auf Pilgerfahrten schon immer so und ist auch hier nicht anders. Es sind auf dem Marsch auch Kinder geboren worden, und je nachdem wie die Möglichkeiten der Mütter waren, fanden die Säuglinge Platz im Troß oder blieben am Wegrand liegen. Jerusalem kann nicht warten, mögen sie in Frieden ruhen.

Der Genuese blickt von der Höhe des Belagerungsturmes auf sein Werk, prüft Halteseile und Zugvorrichtungen. Wenn er diese Stange herauszieht, senkt sich die Enterbrücke herab, und die Leute können hinüberstürmen. Vorausgesetzt, er hat die Höhe der Mauer richtig berechnet. Vorausgesetzt auch, daß der Turm nahe genug an die Mauer geschoben wird.

In der Nacht machen sich die Sturmtruppen fertig. Zwölf- bis fünfzehntausend Mann mögen es noch sein, soviel sind von einem ehemals drei- oder viermal größeren Heer übrig. Ihr Kern besteht aus den Rittern, vielleicht tausend oder zwölfhundert Mann.

Das sind die, an die sich Papst Urban eigentlich gewandt hat. Der Kampf ist ihr Lebenselixier. Um zu kämpfen, sind sie auf der Welt. Indem er ihnen das Ziel Jerusalem wies, hat der Papst sowohl im Sinne des Glaubens gehandelt, als auch zum Frieden im Abendland beigetragen. Denn dieser ist durch die ewige Rauflust des Rittertums ständig in Gefahr, und der Abmarsch der Kreuzfahrer hat der Heimat ruhigere Zeiten gebracht. Den Rittern ihrerseits ist der päpstliche Aufruf gut zupaß gekommen. Zweit- oder Drittgeborene etwa haben in der Regel daheim nichts zu erwarten. Mancher stöhnt auch unter Schulden, der Zehnte der Bauern war zu niedrig, die Felder gaben nicht genug her. Die Kirche hat versprochen, alle irdischen Besitztümer der Ritter während deren Abwesenheit zu schützen. So machten sie sich, ebenso gläubig wie abenteuerlustig und beutegierig, auf zur Fahrt in ein Land, von dem die meisten glaubten, es müsse schon sehr nahe zum Rand der Erdscheibe liegen.

Die Priester ziehen mit Kreuzen und Reliquien im Lager ein. Ein Mönch hält das kostbarste Stück hoch, die heilige Lanze, die Waffe, mit der die Kriegsknechte Jesu Seite öffneten, als er am Kreuz hing. Sie haben das morsche Holz in der Kirche von Antiochia ausgegraben, gerade als der Feind die Stadt eingeschlossen hatte und die Not am größten war. Der Fund hat sie beflügelt, daß sie den Ausfall wagen konnten. Das war ein Wunder, wie es manche schon gegeben hat und weiter geben wird. Zwar hat der Mönch Peter Bartholomäus, der die Waffe gefunden hatte, später die Feuerprobe nicht bestanden, mit der er die Echtheit der Lanze beweisen sollte. Er schritt durch zwei brennende Reisighaufen, doch Gott ließ ihn nicht unversehrt. Halbverkohlt brach der Mönch schreiend zusammen und starb wenige Tage später.

Aber da die Wege des Herrn unerforschlich sind, glaubten viele Ritter weiterhin an die Wunderkraft der Lanze. »Gott will es«, schallt es durch das Morgengrauen, er schickt die Zeichen, und viele haben schon seine Engel gesehen, die dem Heer voranziehen, den Erzengel Michael oder Sankt Georg, den Drachentöter. Die Kreuzfahrer beginnen den Sturm. Ein Pfeifen und Sausen in der Luft, die ersten Steinladungen und Pfeile fliegen. Der Belagerungsturm setzt sich knarrend in Bewegung. Von oben herab schreit der Genuese seine Befehle. Das Ungetüm schwankt auf die Mauer zu.

Doch es ist schwer zu manövrieren, und die Verteidiger schießen sich auf die fahrende Festung ein. Es dauert bis zum Mittag des folgenden Tages, des 15. Juli 1099: Dann steht der Belagerungsturm an der vorgesehenen Position. Der Genuese hat richtig gerechnet, die Enterbrücke rattert hinunter und kracht auf die Mauerkrone. Die ersten Ritter rennen hinüber. Lothringer sind es, sie pflanzen das Banner Gottfrieds von Bouillon auf, ihr Herzog hält die Stellung auf der Mauer und schickt einen Trupp aus, die Wache am nächstgelegenen Tor zu überwältigen und das Tor von innen zu öffnen. Den Lothringern folgen Tankreds Normannen, sie jagen die Verteidiger durch die Straßen. Das gleiche geschieht nun auch im Süden, wo den Provenzalen der Überstieg geglückt ist. Muslime, die sich zum Kampf stellen, werden überwältigt, im Gefecht auf der Straße behalten die Kreuzritter die Oberhand. Der Statthalter von Jerusalem handelt für sich und seine Leibwache gegen Lösegeld freien Abzug aus und verläßt die Stadt. Sie sind die einzigen, die Jerusalem lebend verlassen. Das große Töten beginnt.

Wie von Sinnen rasen die Kreuzfahrer durch die Stadt und machen jeden nieder, der ihnen in den Weg kommt, ohne Unterschied, ob Mann, Frau oder Kind. Sie hacken und stechen auf die Opfer ein, sie bespritzen sich mit Blut, sie wälzen sich darin. Im Tempelviertel haben sich viele Muslime in die Al-Aksa-Moschee geflüchtet. Die Ritter dringen ein und schlachten alle ab. Die Juden der Stadt sind in der Synagoge versammelt. Der bewaffnete Christenmob stutzt kurz. »Verbrennt die Mörder unseres Herrn Jesus Christus«, gellt plötzlich eine Stimme. Triumph und Mordlust in den Blicken, wird das Gebäude angesteckt. Niemand entrinnt den Flammen.

Bei den Siegern lodert Habgier auf. Häuser werden in Beschlag genommen. In den Kellern fahndet man nach versteckten Reichtümern. Tankred und seine Normannen besetzen den Felsendom. Er ist muslimisches Heiligtum, erbaut über der Stätte, da Abraham das Opfer seines Sohnes Isaak vorbereitete und Mohammed gen Himmel fuhr. Tankred entdeckt die Schatzkammer des Felsendoms, bricht sie auf und schafft weg, was sich wegschaffen läßt, goldenes und silbernes Kultgerät, und seine Leute kratzen das Gold von Mauern und Pfeilern des Gebäudes. Erst als Leichenstille herrscht, hört das Morden auf.

Auf einmal ertönen fromme Gesänge. In der leeren, toten Stadt formiert sich ein seltsamer Zug. Panzer und Waffen abgelegt, doch noch mit blutigen Händen, machen sich die Christen auf zum Dankgottesdienst. Vorbei an den Leichenbergen, um die schwarze Fliegen schwirren, vorbei an Haufen von zerstreuten und durchwühlten Habseligkeiten der hingemetzelten Bewohner und über kaum getrocknete Blutlachen ziehen sie zur Grabeskirche.

Da ist der Felsen von Golgata, wo der Herr den Kreuzestod erlitt, da ist das Grab, in das er gelegt wurde und aus dem er am dritten Tage auferstand. Weihrauch erfüllt den Raum. Die Männer weinen und küssen den Boden. Draußen liegen die Erschlagenen. Hier drinnen vergießen die Täter heiße Tränen des Glücks: »Gott hat es gewollt.«

Reinhard Barth