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Widerstandsorganisation: Die Legende von der "Roten Kapelle"

Die meisten Mitglieder des angeblichen sowjetischen Spionagerings in Deutschland klebten Plakate und halfen Verfolgten. Die Legende von der "Roten Kapelle" wurde selbst in der Bundesrepublik noch gepflegt.

Cato Bontjes van Beek war 20 Jahre alt, sie lebte in Berlin, und sie war mutig. Sie wusste, wann französische Kriegsgefangene mit der S-Bahn transportiert wurden. Wartete auf das Klappern ihrer Holzpantinen, steckte ihnen blitzschnell Nachrichten zu, Zigaretten, Seife, Handschuhe. Über Freunde lernte die junge Keramikerin 1940 einige Mitglieder einer Widerstandsorganisation um den Offizier im Luftfahrtministerium Harro Schulze-Boysen und den Ökonomen Arvid Harnack kennen, zumeist Berliner Arbeiter und linke Intellektuelle. Schon seit 1933 waren sie aktiv. Sie waren die "Rote Kapelle". Unter diesem Namen ermittelte die Gestapo gegen einen angeblich riesigen sowjetischen Spionagering in Westeuropa und Deutschland.

In Deutschland wurden ab Sommer 1942 mehr als 120 Mitglieder der "Roten Kapelle" verhaftet, 45 wurden hingerichtet. Was hatten sie wirklich getan? Sie hatten Plakate an Hauswände geklebt: "Das Nazi-Paradies. Krieg-Hunger-Lüge-Gestapo - Wie lange noch?" Hatten Hunderte Flugschriften per Post verschickt. Sie hatten Juden geholfen, NS-Verbrechen dokumentiert, "Feindsender" abgehört und Angehörige über den Verbleib ihrer kriegsgefangenen Söhne und Männer informiert. Die Widerstandsgruppe hielt auch Kontakt zu Agenten des sowjetischen Geheimdienstes NKWD und warnte sie vor Hitlers Angriff auf die Sowjetunion. 1941 wurde sie mit Funkgeräten ausgestattet, um Informationen über den Kriegsverlauf nach Moskau zu funken. Die meisten dieser Geräte gingen rasch kaputt. Es gelang ihnen, einen einzigen Testspruch abzusetzen: "Tausend Grüße allen Freunden!" Auch Cato Bontjes van Beek und die hochschwangere Versicherungsangestellte Hilde Coppi wurden als "bolschewistische Hochverräter" zum Tode verurteilt. Den Gnadenerweis lehnte Hitler ab. Im Gefängnis gebar Hilde Coppi ihren Sohn Hans. Er war acht Monate alt, als sie sich am 2. August 1943 von ihm verabschieden musste. Ihr Mann Hans hatte versucht, nach Moskau zu funken. Er war bereits am 22. Dezember 1942 hingerichtet worden.

"Ich habe nicht um mein Leben gebettelt"

Am frühen Abend des 5. August 1943 wurden ab 19.00 Uhr im Drei-Minuten-Takt 16 Männer und Frauen der "Roten Kapelle" in Berlin- Plötzensee hingerichtet, darunter auch Hilde Coppi und Cato Bontjes van Beek. "Ich habe nicht um mein Leben gebettelt", sagte sie. "Lebe wohl, behalte mich lieb", schrieb sie wenige Stunden vor ihrem Tod an ihren Bruder. Dem Gefängnispfarrer zeigte sie lächelnd ihren tintenbeklecksten Finger. Aufrecht, ohne Zögern, betrat sie um 19.42 Uhr die Hinrichtungskammer. Cato Bontjes van Beek wurde 22 Jahre alt.

Die Legende vom angeblich monströsen KGB-Spionagering "Rote Kapelle" wurde in der Bundesrepublik jahrzehntelang gepflegt - das passte in den Kalten Krieg. Noch Ende der 80er stritt man darüber, ob die "Rote Kapelle" in die Ausstellung der staatlichen Gedenkstätte Deutscher Widerstand aufgenommen werden sollte. Erst nach der Wende 1990 näherte man sich der Wahrheit. Hans Coppi, Sohn von Hilde Coppi, ist heute 61 Jahre alt. Sein Leben lang sucht er nach Menschen, die seine Mutter gekannt hatten. "Geblieben ist die Sehnsucht", sagt er, "und eine Trauer, für die es wohl keinen Trost gibt."

Katja Gloger / print
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