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UKIP-Schlägerei im EU-Parlament: Von fliegenden Fäusten und französischen Croissants

Eine Parteichefin, die nach nur 18 Tagen zurücktritt. Ein Europa-Abgeordenter, der nach einer Prügelei mit einem Parteigenossen ins Krankenhaus kommt. UKIP, die europafeindliche Partei, wollte vom Brexit profitieren. Und zerlegt sich gerade selbst. Gut so

Steven Woolfe leigt in einem blauen Anzug bewusstlos auf dem Boden im Gebäude des Europaparlaments in Straßburg

Im EU-Parlament K.o. gegangen: Steven Woolfe von der UKIP

Vor dreieinhalb Monaten schien die United Kingdom Independence Party (UKIP) am Ziel und damit auf dem Höhepunkt der Macht: Die Briten hatten für den EU-Austritt gestimmt, der damalige Boss Nigel Farage hüpfte nicht nur siegestrunken von Interview zu Interview. Die größten Tage, sagte er, lägen vor Land und Leuten – und ganz besonders vor seiner Partei.

Er sprach dann auch noch vor dem Europaparlament und beschimpfte Parlamentarier. Und hatte dann offenbar genug. Kurz drauf trat Farage zurück, und viele witzelten, er werde alsbald zurückkehren. Weil er schon ein paar Mal zurücktrat und ständig zurückkehrte. Das verneinte er selbstverständlich vehement.

Jetzt ist er wieder da. Natürlich. Interimsweise allerdings nur, sagt er. Nigel Farage, Britanniens bekanntester Pubgänger, darf und muss nun das größte Chaos in der ohnehin chaotischen Geschichte seiner Partei verwalten.


Anfang der Woche, nach gerade 18 Tagen, trat seine Nachfolgerin Diane James zurück. Selbst der letzte englische Fußball-Nationaltrainer Sam Allardyce war länger im Amt, 67 Tage, fast eine Ära vergleichsweise. Frau James hatte sich erst vor wenigen Wochen in einem grotesken Hauen und Stechen intern durchgesetzt – auch gegen den an sich favorisierten Kandidaten Steven Woolfe, der allerdings seine Bewerbungsunterlagen 17 Minuten zu spät abgeschickt und obendrein eine Verurteilung wegen Trunkenheit am Steuer verschwiegen hatte.

Steven Woolfe prügelt sich mit UKIP-Kollege

Dafür hat man bei UKIP zwar traditionell Verständnis, weil es die Partei der Tresen-Politik ist und Nigel Farage selten ohne Bier in der Hand angetroffen wird. Es ging wohl eher um die Verspätung beim Senden der Unterlagen. Woolfe durfte jedenfalls nicht antreten. Ordnung muss ja sein.

Der nächste bemerkenswerte Auftritt von Woolfe folgte am Donnerstag dieser Woche in Straßburg. Der Europa-Abgeordnete lag auf dem Holzfußboden des Europaparlaments, alle Viere von sich gestreckt. Er hatte sich bei einem Treffen mit seinem Kollegen Mike Hookem gezofft, und der – ein eher grobschlächtiger Zeitgenosse – versetzte ihm offenkundig und reichlich unkollegial einen Hieb. Hookem, früher Army, soll Woolfe beschuldigt haben, zu den Konservativen überlaufen zu wollen. Was der nicht auf sich sitzen lassen konnte und anregte, den Disput wie unter Männern zu lösen, "lass uns vor die Tür gehen, mano a mano". Er zog sogar das Jackett aus, vor der Tür ergab dann ein Wort das andere, hernach flog offenbar mindestens eine mano, eine Faust. Hookem spielte das Ganze gestern als "handbags at dawn", als kleines Handgemenge herunter. Er dementierte aber irgendwie UKIP-mäßig, dass sich das kleine Handgemenge zur einer veritablen Handgreiflichkeit ausgewachsen habe.

Woolfe, etwas benommen, stimmte danach im Parlament zwar noch mal ab, sank dann aber mit einiger Verzögerung bewusstlos aufs Parkett und wurde ins Spital verbracht.

Er leidet, wie man später lernte, unter Epilepsie, und es ist nicht ganz ausgeschlossen, dass der erst verbale und echte Schlagabtausch mit Hookem einen Anfall generierte. Nichts Dramatisches, wie er noch vom Krankenhausbett der Welt versicherte, kein Blutknoten im Kopf, Hirn funktioniert noch. Er lächelte, und Reporter der "Daily Mail" durften ihn besuchen, wie er verkabelt auf der Pritsche lag, aber schon wieder wacker den Daumen reckte. Er sah allerdings ein bisschen verknautscht aus auf dem Foto und vom kleinen Handgemenge doch mitgenommen wie ein Opfer der Klitschko-Brüder. Spott und Hohn sodann für alle Beteiligten. Ausgerechnet Farage, der vom Rücktritt zurückgetretene Boss, ist jetzt bis auf Weiteres wieder Vorsteher einer Partei, die gerade in den Ringstaub sinkt wie Steven Woolfe.

Wer braucht UKIP noch?

Wenn der Brexit irgendwas Gutes hat, dann den denkbaren K.o. dieser xenophoben Partei. Die Briten sind alsbald weg aus der EU, und UKIP könnte alsbald weg sein von der großen politischen Bühne. Das Ziel EU-Austritt ist erreicht, UKIP hat damit seine Bestimmung erfüllt, denn mehr Programm hatten sie nie. Sie könnten jetzt eigentlich verschwinden. Zumal auch die Granden untereinander heillos zerstritten sind; der größte Partei-Finanzier, Arron Banks, ein Parvenü aus Bristol, erwog zwischenzeitlich sogar die Gründung einer neuen rechtsgewirkten Partei. Eigentlich weiß niemand, wie es weiter gehen soll, weil jetzt auch die Tories am rechten Wählerrand wildern wollen und das bereits auch tun. Die Frage ist also: Wer braucht UKIP noch?

Steven Woolfe hatte an sich angekündigt, er werde abermals um den vakanten Vorsitz kandidieren, nachdem Diane James an der Spitze so zügig verlustig gegangen war. Aber nun wird erst mal intern ermittelt, wie und warum die Herren meinten, sie müssten den Zwist wie Männer regeln. Nach Punkten noch kein Sieger. Womöglich fliegen beide aus der Partei, womöglich einer, womöglich keiner. Alles möglich.

Laufend schickt UKIP nun Pressemitteilungen. In einer erklärt der neue, alte Chef Farage, dass die vielen Spekulationen in der Presse "extrem hinderlich" seien und befeuert damit nur wieder neue Spekulationen. Einer anderen Partei-Depesche, zehn Minuten später nur, ist zu entnehmen, dass Woolfe wieder in "guter Form ist", aus reiner Vorsicht aber noch ein paar Tage in der Neurologie verbringen möge. Schaden kann das nicht. Es heißt, der englische Patient verabscheue schon jetzt die französischen Croissants und vermisse das gute alte englische Gedeck am Morgen. Eier, Toast, Speck, Bohnen, fettige Wurst und so.

Beim Frühstück, muss man wissen, hört für UKIP-Menschen der Spaß auf – "Breakfast means Breakfast".
Fortsetzung folgt. Nach der nächsten Runde.