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Mut gegen Rechts: Preis für Schülerzeitungen aus Halberstadt

Die Schülerzeitungen "Tempus" (Ladenburg) und "Das Martinshorn" (Halberstadt) können sich freuen: Die stern-Redaktion prämiert ihre Beiträge zum Handeln mit rechtsextremen Devotionalien bei ebay und die Aktionswoche "Krea(k)tiv gegen Rechts".

Von Martin Knobbe

Sie fragten sich, was man ihnen alles glauben würde, und versuchten es mit einem alten Staubsauger. Fotografierten ihn und boten ihn als "Fettabsauger" an. Am Ende bekamen sie 1000 Euro dafür geboten. Da wussten sie, dass vieles möglich ist bei Ebay. Sie schrieben darüber in ihrer Schülerzeitung und erzählten, wie leicht man Elektromüll loswerden und dabei noch Geld verdienen kann. Ihre Neugier war geweckt, also gingen sie einen Schritt weiter und boten bei Ebay ein Schild vom Dachboden an: "Unser Gruß ist ‚Heil Hitler!" stand darauf neben einem Hakenkreuz. Am Ende bot jemand 422,95 Euro für das Stück Blech, und es entstand eine vier Seiten lange, spannende Geschichte für die Schülerzeitung "Tempus". Überschrift: "Ebay – ein virtueller Sammlermarkt für Neonazis?"

Für ihre mutigen Recherchen und investigativen Reportagen hat die Redaktion von "Tempus" aus dem Carl-Benz-Gymnasium im baden-württembergischen Ladenburg einen Sonderpreis des stern im diesjährigen Schülerzeitungswettbewerb der Bundesländer gewonnen. Die Kultusministerkonferenz, der Bundesrat und die Jugendpresse Deutschland prämieren jedes Jahr die besten Blätter aus deutschen Schulen, insgesamt 28 Preise in sechs Kategorien. Die stern-Aktion "Mut gegen rechte Gewalt" zeichnet dabei eine Redaktion und einzelne Autoren aus, die sich engagiert mit den Themen Rechtsextremismus, Antisemitismus, Zeitgeschichte oder Zivilcourage beschäftigen.

70.000 Nazi-Fundstücke

Die stern-Jury hatte beeindruckt, mit welcher Hartnäckigkeit die "Tempus"-Redaktion dem Handel mit verbotenen NS-Devotionalen nachspürte. Die Schüler trafen Händler, die heimlich Orden, Briefe und Urkunden mit Hakenkreuz verkauften. Sie erfuhren, dass die meisten Stücke über Ebay gehandelt werden. Fast 70.000 Angebote fanden sie unter der Rubrik "Militaria": etwa Hitlers "Mein Kampf", eine SS-Uniform und ein Schild mit einem Aufruf der NSdAP, alles Artikel, die nach den Geschäftsbedingungen von Ebay nicht angeboten werden dürfen. "Wir haben uns gefragt, warum das bei Ebay niemand bemerkt", erzählt Annika Kratzmann, 19, stellvertretende "Tempus"-Chefredakteurin.

Sie wussten, dass ein Mitschüler auf dem Dachboden seines Großvaters ein altes Emailleschild mit einem Hakenkreuz gefunden hatte. Sie boten es unter der Beschreibung "Opas Nachlass aus WK 2 unter Dielenboden gefunden“ an. Nach sieben Tagen hatten sich rund 2000 Besucher das Angebot angesehen, über 100 forderten per E-Mail ein Foto an. Das Höchstgebot lag bei 422,95 Euro, ehe die Redaktion ihr Experiment abbrach. Die jungen Journalisten konfrontierten die Geschäftsführung von Ebay mit ihren Recherchen, doch „wir warten bis heute auf Antwort", sagt Annika Kratzmann.

Die stern-Jury war auch von einer Geschichte über Juden in Ladenburg und ihr Schicksal während des NS-Regimes beeindruckt. "Tempus"-Chefredakteurin Nikola Salonikios hatte sich auf Spurensuche gemacht, Zeitzeugen und Historiker befragt. Die Redaktion von "Tempus" gewinnt deshalb ein Preisgeld von 1000 Euro und zwei Praktikumsplätze beim stern oder seinen Online-Angeboten.

Den zweiten Sonderpreis, 250 Euro und Praktika beim stern, bekommen Sophie Peter und Franziska Wende, beide 15, Schülerinnen des Gymnasiums Martineum in Halberstadt (Sachsen-Anhalt). Sie hatten in der Schülerzeitung "Das Martinshorn" über den Wettbewerb "Krea(k)tiv gegen Rechts" der Landesregierung von Sachsen-Anhalt berichtet, an dem auch ihre Klasse beteiligt war.

Die Schüler hatten eine Briefmarkenkollektion mit Symbolen gegen Rechtsextremismus entworfen und versucht, sie bei einem privaten Postunternehmen drucken und vertreiben zu lassen. Die Klasse 9b gewann den ersten Preis bei „Krea(k)tiv gegen rechts". Die beiden "Martinshorn"-Redakteurinnen bekommen den stern--Preis, weil sie die Geschichte spannend aufgeschrieben haben.

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