VG-Wort Pixel

Komplott gegen Kiew? Putins angebliche Marionettenregierung: Vermeintlicher Chef der Verräter lacht über Vorwürfe

Putin soll eine Marionetten-Regierung vorbereitet haben, sagt die britische Regierung.
Wladimir Putin soll eine Marionetten-Regierung vorbereitet haben, die in Kiew die Macht ergreifen sollte, sagt die britische Regierung
© Alexei Druzhinin / Picture Alliance
Die Regierung von Boris Johnson behauptet, Putin habe bereits ein Kabinett zusammengestellt, das die Macht in Kiew übernehmen sollte. Der angebliche Chef der Verräter-Regierung sprach mit britischen Medien und musste über die Anschuldigungen lachen.

Die britische Regierung behauptet, sie habe Beweise für eine Verschwörung Putins. In Kiew solle eine pro-russische Marionetten-Regierung installiert werden, selbst Namen wurde genannt. Doch die britische Presse ist skeptisch, der "Guardian" bemängelt, dass die Erklärung ansonsten keine Details nennt. Die Regierung Johnson steht wegen der Party-Affäre stark unter Druck. Im Raum steht also der Verdacht, dass sie mit dieser Enthüllung womöglich von den eigenen Skandalen ablenken will.

Namen aber wenig Inhalt

In einem ungewöhnlichen Schritt veröffentlichte Außenministerin Liz Truss am Samstag Geheimdienstinformationen, in denen Jewgeni Murajew, ein ehemaliger ukrainischer Abgeordneter, als bevorzugter Kandidat des Kreml für die Übernahme des Landes nach einer Invasion genannt wurde. Truss nannte auch vier ehemalige ukrainische Minister, die mit russischen Geheimdienstoffizieren zusammenarbeiten sollen. Sergej Arbuzow, Andrej Kljujew, Wolodymyr Siwkowitsch und Mykola Asarow.

Vier der fünf angeblichen Kollaborateure sind bekannte Gegner der Regierung in Kiew und leben derzeit im Moskauer Exil. Dass sie Kontakt zu russischen Regierungsstellen haben, sei anzunehmen, schreibt der "Guardian", und keine Enthüllung. Sergej Arbusow war Vorsitzender der Nationalbank der Ukraine und 2014 kurzfristig Premierminister des Landes. Auch Andrej Klujew war ein enger politischer Mitarbeiter des abgesetzten Präsidenten Janukowitsch. Er steht unter internationalen Sanktionen, bemühte sich aber dennoch in der Ukraine um eine Zulassung zur Wahl 2019. Letztlich erfolglos. Wolodymyr Siwkowitsch ist ein ehemaliger stellvertretender Sekretär des Ukrainischen Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates und soll enge Kontakte zum russischen Geheimdienst FSB haben. Mykola Asarow war von 2010 bis 2014 Premierminister der Ukraine und gilt als enger Vertrauter von Janukowitsch. Alle fünf stammen also aus dem politischen Milieu des ehemaligen Präsidenten Janukowitsch.

Murajew weist Vorwürfe zurück

Die Verräter-Regierung soll von Jewgeni Murajew angeführt werden, sagt jetzt der britische Geheimdienst. Murajew besitzt einen großen Fernsehsender in der Ukraine und liegt im Streit mit der Regierung in Kiew, die ihm prorussische Propaganda vorwirft. 2019 kandidierte er für das Präsidentenamt der Ukraine, bevor er aus dem Rennen ausschied, um einen anderen russlandfreundlichen Kandidaten zu unterstützen. Insgesamt schnitten die pro-russischen Parteien so enttäuschend ab, dass sie auch in den nächsten Jahren kaum eine größere politische Rolle in der Ukraine spielen werden.

Murajew sprach nun mit dem "Observer" und musste über die Vorwürfe lachen. "Sie haben meinen Abend gerettet. Das britische Außenministerium scheint schlecht informiert zu sein", so der ehemalige ukrainische Abgeordnete. "Das ist nicht sehr logisch. Ich bin aus Russland verbannt. Nicht nur das, auch das Geld der Firma meines Vaters wurde beschlagnahmt." Tatsächlich unterliegt Murajew seit etwas mehr als drei Jahren russischen Sanktionen. In einer Anordnung des russischen Präsidenten vom 1. November 2018 wurde er auf die Liste der Personen und Institutionen gesetzt, gegen die wirtschaftliche Sanktionen verhängt wurden: Genau geht es ums Einfrieren von Vermögen, Wertpapieren und Eigentum auf dem Territorium der Russischen Föderation und das Verbot des Transfers von Geldern (Kapitalabzug) aus Russland. Von einer förmlichen Verbannung ist dem Befehl aber keine Rede. 

Dem "Telegraph" sagte Murajew nun: "Wenn ich nichts übersehen habe, hat Russland einen anderen Kandidaten und sie verstecken ihn nicht einmal. Ich bin ein Patriot meines Landes." Gemeint ist damit Wiktor Medwedtschuk, ein ukrainischer Oligarch mit engen persönlichen Verbindungen zu Putin. Der russische Präsident soll der Pate seiner Tochter sein. Medwedtschuk wurde in der Vergangenheit häufiger als "Vermittler" bezeichnet.

Komplette Invasion 

Sicherheitsexperten sagen, dass die Geheimdienstinformationen, wenn sie denn zutreffend sein, das "düsterste aller Szenarien" beschreiben, nämlich eine "vollständige Enthauptungsstrategie". Wasyl Filiptschuk, ehemaliger Sprecher des ukrainischen Außenministeriums, nannte die Anschuldigungen im Gespräch mit dem "Guardian" sogar "lächerlich". Moskau habe keine Möglichkeit die pro-russischen Akteure an die Macht bringen. "Dieses Szenario würde nur funktionieren, wenn Kiew von einer vollständigen Invasion eingenommen würde", erklärte er. "Die Stadt würde dezimiert, das Land verbrannt und eine Million Menschen würden fliehen. Wir haben 100.000 bewaffnete Menschen in der Hauptstadt, die kämpfen werden ... Es mag so einen Plan geben, aber der ist Blödsinn."

Quellen: Telegraph, Guardian, Times


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker