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Waffenlieferungen an die Ukraine Warum eine moderne Panzerfaust eine russische Invasion nicht stoppen könnte

Männer in Kampfanzügen und mit Kriegsgerät
Die Javelin ist ein mächtiger Panzerkiller – doch wird sie kaum zum Einsatz kommen können
© Ukrainian Defense Ministry Press Service / dpa
Westliche Staaten liefern Waffen an die Ukraine – vor allem Raketen gegen Panzer. Doch das wird nicht genug sein. Sollte es zu einer Invasion kommen, wäre das nicht die Neuauflage der Kämpfe von 2014/15. Putin könnte die Ukraine mit einem Eastern Storm besiegen, noch bevor sich ein Panzer in Bewegung setzt.

Marschiert Putin in die Ukraine ein oder nicht? Das weiß im Westen niemand so genau. Der russische Aufmarsch in den Grenzregionen ist gewaltig, aber für eine Besetzung des Nachbarn und einen Kampf mit der ukrainischen Armee eher zu klein. Derzeit liefern viele Staaten des Westens Waffen nach Kiew – mit Ausnahme Deutschlands. Im Mittelpunkt stehen dabei moderne Anti-Panzer-Raketen. Gerade die Javelin aus den USA erfährt eine fast mythische Überhöhung – so als wäre sie eine Wunderwaffe, die Putins Armee stoppen könnten.

Das kann weder die Javelin noch das vergleichbare System aus Großbritannien. Beide gehören zu den derzeit modernsten Panzerkillern der Welt, die Infanteristen einsetzen können. Aber was können sie bewirken?

Hier wird vor allem an die vergangenen Kämpfe in der Ostukraine gedacht, in der Artillerie und langsam vorrückende Panzer, als Schild und Schwert der Infanterie, das Gefechtsfeld dominierten (Analyse zur Ostukraine – hat der Westen den modernen Krieg komplett falsch verstanden?) Sicherlich könnten effektive Panzerabwehrraketen bei derartigen Kämpfen eine Rolle spielen. Doch sollte man nicht vergessen, dass Kiew auch damals Anti-Panzer-Raketen zur Verfügung standen. Das waren ältere Systeme wie die Kornet – sie entspricht in etwa der deutschen Milan. Aber auch sie konnten die Reihe von Niederlagen der Kiewer Truppen nicht verhindern. Es spricht also wenig dafür, dass eine vergleichbare wenn auch modernere Waffe nun zum Gamechanger sein könnte.

Ukrainischer Patch mit "Saint Javelin"
Ukrainischer Patch mit "Saint Javelin"
© PR

Vor allem aber sollte man nicht glauben, dass ein möglicher Ukraine-Krieg 2022 eine Wiederholung der Kämpfe von 2014/2015 wäre. Er wäre das glatte Gegenteil. In den Kämpfen um die Donezk und Luhansk hatte Moskau rasch für gesorgt, dass Kiew seine Luftstreitkräfte nicht einsetzen konnte. In diesem Kontext wurde auch der Flug MH17 von pro-russischen Separatisten abgeschossen. Danach fand der Krieg nur noch am Boden statt. Langsam und mühsam arbeiteten sich die Truppen durch vermintes und befestigtes Gelände.

Keine Wiederholung der Situation von 2014/15 in der Ukraine

Der Kreml hingegen hat ganz andere Waffen zur Verfügung als die pro-russischen Separatisten und sollte es 2022 zu einem Krieg kommen, wird er sie auch einsetzen. Dann würde es weit eher zu einer Neuauflage von "Desert Strom" im Irak im Osten kommen, als zu einer Wiederholung des verbissenen und verlustreichen Ringens um einzelne Dörfer. Bevor sich nur ein einziger Panzer in Bewegung setzt, könnte Moskau im "Eastern Storm" seine absolut überlegene Luftwaffe und seine Raketenwaffen einsetzen. Die modernen russischen Militärkonzepte gehen von einer kurzen hochintensive Anfangsphase eines Konfliktes aus. Und im Falle von Russland gegen die Ukraine wäre das eine höchst einseitige Phase. Abstandswaffen - Bomben, Präzisionslenkwaffen - werden gegen die gegnerischen Truppen und ihre Infrastruktur (Militärbasen, Luftverteidigungsanlagen, Flugplätze, Verkehrsknotenpunkte etc.) eingesetzt. Die drückende Überlegenheit Moskaus würde dazu führen, dass Kiew innerhalb weniger Tage seine Luftwaffe und seine Fähigkeit zur Luftverteidigung verliert. Sobald des geschehen ist, könnte Moskau beginnen, die knappen und teuren Präzisionswaffen nur noch gezielt einzusetzen und beginnen die Bodentruppen und Installationen des Gegners durch billige "dumme" Bomben zu vernichten.

Entscheidung vor den Bodentruppen

Der Krieg wäre entschieden, noch bevor Bodentruppen im größeren Maßstab eingesetzt werden. Und sollte Kiew – wider jede Vernunft – in einer solchen Lage nicht kapitulieren, wäre auch das Schicksal der Bodentruppen besiegelt. Sie würden die russischen Truppen kaum in den vorbereiteten Stellungen empfangen können. Der Gegner wird seine Angriffe so beweglich ansetzen, dass die Verteidiger ihre Truppen am Boden ständig verlegen müssen, ohne jeden Schutz vor Angriffen aus der Luft. Diese Taktik wäre weder neu noch dem Westen unbekannt. Die USA haben den größten Teil irakischen Streitkräfte beim Desert Storm so ausgeschaltet. Dieser Taktik könnte Kiew nur durch eine effektive Verteidigung gegen Flugzeuge und Flugkörper begegnen. Der Aufbau so einer Luftverteidigungsstruktur wäre kompliziert, langwierig und sehr teuer. Doch ohne Luftverteidigung werden auch moderne Anti-Panzer-Raketen kaum mehr ausrichten als die Panzerfäuste des Volkssturms im Jahr 1945.


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