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Konfliktforschung Analyse zur Ostukraine – hat der Westen den modernen Krieg komplett falsch verstanden?

Zerstörtes Kriegsgerät der Regierungstruppen bei Lohwynowe. Der Verlust der Verbindungsstraße dort, führte zur Niederlage von Debaltseve. 
Zerstörtes Kriegsgerät der Regierungstruppen bei Lohwynowe. Der Verlust der Verbindungsstraße dort, führte zur Niederlage von Debaltseve. 
© Vadim Ghirda/ / Picture Alliance
Von 2014 bis in das Frühjahr des nächsten Jahres tobte in der Ostukraine eine Konfrontation mit offenen Feldschlachten. Doch dieser Krieg sah ganz anders aus, als westliche Strategen erwartet hatten.

Wird der Krieg von morgen so aussehen wie der von gestern? Das fragt der Schweizer Militärhistoriker Dr. phil. Fritz Kälin in seiner vierteiligen Artikelserie über den Krieg in der Ostukraine in den Jahren 2014 und 2015. Seine Darstellung der einzelnen Phasen der Auseinandersetzung bis zur Niederlage der ukrainischen Regierungskräfte in der Schlacht von Debaltseve basiert im Wesentlichen auf westlichen Quellen und den Angaben von Mitstreitern der Regierung in Kiew. Er fasst die verstreuten und schwer zugänglichen Fachpublikationen der letzten Jahre prägnant zusammen. Spannend an der Analyse, die auf "OG Panzer" und "Offiziere Schweiz" veröffentlicht wurde, ist dabei nicht allein die geraffte Darstellung dieser Kriegsphase, sondern Kälins Frage, was der Krieg um die Separatistengebiete über den Krieg der Zukunft aussagt.

Als Lehrstück über den modernen Krieg wurde der Ostukraine-Konflikt in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. In der Anfangszeit gab es eine breite Berichterstattung und zahlreiche Veröffentlichungen in den sozialen Medien. Diese Bilder prägten den Blick des Krieges mit ihren teils skurrilen Gestalten. Auf der Seite der Separatisten führten als Kosaken kostümierte Männer das große Wort oder Kommandeure, die sich im Stil des Zweiten Weltkriegs kleideten und sich theatralisch mit Ikonen in Szene setzten. Auf der anderen Seite prägten Freiwillige das Bild, die sich ungeniert bei NS-Abzeichen bedienten. Die Kämpfe erschienen als Räuberbanden-Spektakel im großen und blutigen Maßstab. Mit zunehmender Professionalisierung des Konflikts versiegte auch der Strom an Medien in den sozialen Netzen.

Der Krieg der Profis wurde kaum wahrgenommen

Der Konflikt begann mit einzelnen Schießereien kleiner Gruppen, eskalierte aber schnell auf ein Niveau von Schlachten, in denen mehrere Brigaden eingesetzt wurden. Kälin arbeitet mehrere Merkmale der Konfrontation heraus und fragt, ob sich der Westen nicht auf den falschen Krieg vorbereitet hat. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde im Westen massiv ab- und umgerüstet. Sehr viel kleinere Streitkräfte wurden chronisch unterfinanziert. Die vorhandenen Mittel wurden vor allem dafür eingesetzt, relativ kleine Interventionsstreitkräfte fernab der Heimat einzusetzen. Die klassischen Aufgaben des Militärs, die Landes- oder Bündnisverteidigung geriet ins Hintertreffen. Die Sicherung von Gebieten in Ländern wie Afghanistan oder Mali und der Kampf gegen nur leichtbewaffnete Aufständische prägten die Ausrichtung des Militärs.

Der Konflikt um die Ostukraine ist sicher nicht in jeder Weise typisch, zeigt aber doch einige Momente der modernen Kriegsführung, die man sich im Westen so nicht vorgestellt hat.

Kampf ohne Luftwaffe

Zu Beginn des Konflikts setzte die ukrainische Seite Luftstreitkräfte im großen Maßstab ein. Kampfhubschrauber und Kampfbomber fügten den Separatisten schwere Verluste zu, die sich zunächst nur unzureichend mit schweren Maschinengewehren zur Wehr setzen konnten. Diese Situation änderte sich rasch und gründlich. In Moskau hatte man erkannt, dass die Separatisten keine Chance hatten, wenn Kampfhubschrauber Scheibenschießen auf sie veranstalten konnten. Innerhalb kurzer Zeit tauchten moderne tragbare Luftabwehrraketen in der Ostukraine auf, dazu wurden schwere Luftabwehrsysteme für kurze Distanzen gesichtet. Zugleich soll die russische Luftraumüberwachung die irregulären Kräfte in der Ostukraine mit Flug- und Zieldaten versorgt haben. Nun wendete sich das Blatt. Die Verluste der Regierungsseite waren so groß, dass ab dem September 2014 keine weiteren Flüge über dem Kriegsgebiet unternommen wurden. Erstmals in der Geschichte wurde eine No-Fly-Zone allein durch bodengestützte Waffen errichtet. Hier wurde auch Malaysia-Airlines-Flug 17 von einer Buk-Rakete abgeschossen.

Artillerie entscheidet den Krieg

Die Gefechte in der Ukraine sind durch den massiven Einsatz von Artillerie geprägt. Um den Widerstand in dem unübersichtlichen Gebiet niederzukämpfen, reaktivierte Kiew große Mengen an Artillerie auch schwerster Kaliber aus dem Kalten Krieg und nutzte die umfangreichen Magazine. Die Regierungstruppen sollen in kurzer Zeit in dem relativ kleinen Gebiet mehr Munition verschossen haben, als in ganz Westeuropa lagert. Die Gegenseite mit starker russischer Unterstützung erreichte die größten Erfolge mit konzentriertem Artillerieeinsatz. Bei Zelenopillya wurden am 11. Juli 2014 zwei mechanisierte Bataillone, die auf offenem Feld gelagert hatten, von Salvengeschützen komplett zusammengeschossen. Die Folge war die erste spektakuläre Niederlage der Regierungskräfte.

Mit relativ geringerem technischem Aufwand schaffte es die prorussische Seite, Geschütze, die als veraltet galten, zu modernisieren. Der Einsatz von Anti-Artillerie-Radargeräten und von Drohnen machten ein präzises Vernichtungsfeuer auch mit altem Gerät möglich. Im Westen hat man an intelligente und kostspielige Präzisionsmunition gedacht, die Einzelziele ausschaltet. Russland schaffte es dagegen, Flächenschläge von billiger und "dummer" Munition präzise ins Ziel zu bringen. Die große Bedeutung der Artillerie im Ukraine-Konflikt ist für den Westen schwer zu verdauen. Artillerie hatte in der russischen Militärdoktrin immer eine stärkere Stellung als im Westen, der überhaupt nicht über derartige Mengen an Geschützen verfügt.

Dazu kommen Besonderheiten der Bewaffnung. In der Ostukraine wurden im großen Maßstab Salvengeschütze eingesetzt, deren Gefechtsköpfe Streumunition einsetzen. Diese Waffen decken auf einen Schlag große Flächen ab. Nur in gedeckten Stellungen kann ein Infanterist so einen Feuerüberfall überleben. Im Westen wurde dagegen die Zahl der Mehrfachraketenwerfer und die der Streumunition drastisch reduziert. Dazu kommt eine weitere Besonderheit: Das russische Militär hat thermobarische Waffen in jeder Dimension entwickelt. Im Westen spielen diese Waffen dagegen höchstens eine Nischenrolle. Im Kampf gegen befestigte Stellungen haben diese Sprengköpfe eine vernichtende Wirkung. "Flächenfeuer mit thermobaren Gefechtsköpfen ist heute das real eingesetzte Pendant zu den taktischen Kernwaffen", schreibt Kälin.

Wiedergeburt des Ersten Weltkriegs

Damit Truppen unter dem verheerenden Artilleriefeuer überleben konnten, wurde und wird in der Ostukraine gegraben. Stellungen beider Seiten wurden zu umfangreichen Grabensystemen mit Bunkern ausgebaut. Sie bieten auch Schutz vor den allgegenwärtigen Scharfschützen der Gegenseite. Im Niemandsland wurden Sprengfallen und Minen verlegt. Die Stellungssysteme ähneln den Verteidigungsanlagen der Weltkriege. Als Schutz vor der elektronischen Kriegsführung der prorussischen Seite verlegten die Kiewer Regierungstruppen wieder altmodische Feldtelefone mit Kabeln, da die Gegenseite Funkanlagen und Smartphones präzise orten konnte.

Renaissance des Kampfpanzers

Ab Sommer 2014 waren in der Ostukraine Geländegewinne nur noch möglich, wenn Kampfpanzer eingesetzt werden. Zu Beginn des Konfliktes verfügen die Prorussen kaum über schwere Waffen, doch ab dem Sommer 2014 tauchen T-72 und sogar T-90 Panzer in großer Zahl auf. Kälin gibt die Zahl der Kampfpanzer auf Separatistenseite mit mindestens 250 an. Das ist ungefähr die Panzerstärke der gesamten Bundeswehr. Dabei kommt es aber nicht zu kühnen Vorstößen und Durchbrüchen der Panzerwaffe, wie sie die klassische Doktrin vorsieht. Die Panzer decken mit ihrer Feuerkraft den langsamen Vormarsch der Infanterie in dem unübersichtlichen und locker bebauten Gelände ab. Sie sind "Schild und Schwert der Infanterie", wie ein Kommandeur der Rebellen in Anspielung auf das Motto des KGBs sagte.

Quelle: Offiziere.ch

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