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Caren Miosga "Wir führen penibel Statistik darüber, mit wie vielen Männern und Frauen wir sprechen"

Caren Miosga
Caren Miosga moderiert die "Tagesthemen"
© Carolin Windel / stern
"Tagesthemen"-Sprecherin Caren Miosga möchte eine Frauenquote, die über die gerade geplante hinausgeht. Und sie verrät, was sie selbst im Beruf macht, um Frauenstimmen mehr Raum zu geben.

Sind Sie eine Quotenfrau, Frau Miosga?

Ich besetze den weiblichen Part im tagesthemen-Moderationsteam, insofern bin ich – wenn Sie so wollen - die Quotenfrau neben einem Quotenmann. Aber ich mag den Begriff nicht, weil damit immer die Unterstellung und der vermeintliche Makel verbunden sind, nicht aus eigener Leistung in einen Spitzenjob gekommen zu sein. Diesen Makel aufzulösen würde ich gerne helfen: Denn ich bin für eine Frauenquote, eine, die über die gerade geplante hinausgeht.

Warum?

Weil es immer noch nicht selbstverständlich ist, dass eine Frau in jedes Führungs-Teams gehört. Dorthin, wo Entscheidungen getroffen werden, wo Richtung vorgegeben wird. Nicht nur ganz oben, sondern auch im Mittelbau, wo sie dann dafür sorgen können, dass Frauen endlich unter den gleichen Bedingungen arbeiten können wie Männer.

Das heißt, Sie hoffen auf grundlegende Veränderungen durch eine Quote?

Es geht um ein anderes Lebens- und Arbeitsverständnis. Wenn eine Führungsposition besetzt wird, heißt das bislang automatisch, dass Männer und Frauen dann 14 Stunden am Tag dafür zur Verfügung stehen und selbstverständlich auch die Abendtermine wahrnehmen.

Quotenfrauen

Was ist daran falsch?

Dass diese Arbeitskultur es Männern und Frauen, die Kinder haben, unmöglich macht, sich zuhause genug zu beteiligen. Dabei muss das ja nicht zwingend so sein. Je mehr Frauen in die oberen Etagen kommen, desto mehr Menschen wissen dort, welche Probleme zu lösen sind, wenn es darum geht, mehr Vereinbarkeit für alle zu schaffen.

Welche zum Beispiel?

Dass es möglich sein sollte, auch in Teilzeit aufzusteigen. Oder sich eine Leitungsposition zu teilen. Es gibt ja schon vereinzelt Manager und Managerinnen, die sich einen Verantwortungsbereich teilen und die beweisen: Das Unternehmen profitiert, weil zwei weniger gestresste Köpfe, die auch noch etwas anderes im Leben kennen als den Job, kreativer denken und arbeiten können als einer allein. Von solchen Modellen sollte es viel mehr geben. Nicht als eine Art Sonderregelung für Frauen, sondern als eine Variante von Führung, die auch Männer wählen können. Denn es wäre ja schon schön, wenn die Frage "Wie machen Sie das mit den Kindern?" öfter auch mal den Männern gestellt würde.

Hören Sie sie oft?

Ich werde immer wieder danach gefragt, obwohl unser Arbeitsmodell – sieben Tage moderiert die eine, sieben Tage der andere - ja Raum lässt für die Familie. Übrigens: Meinem Kollegen Ingo Zamperoni beispielsweise wird diese Frage nicht gestellt.

Wie sieht es bei der ARD in Sachen Gleichberechtigung überhaupt aus?

Mein Sender, der NDR, beschäftigt derzeit 41 % Frauen in Führungspositionen und will bis 2024 50% erreichen. In der ARD haben wir demnächst fünf Intendanten und vier Intendantinnen. Auch die Programmdirektion wird künftig von einer Frau geleitet. Aber es lohnt sich auch ein Blick in die Ebenen darunter: Die ARD-Koordinatoren, das sind die, die die Zusammenarbeit der Sendeanstalten in allen Bereichen, also etwa in Politik, Ausland, Kultur, Sport, Familie, Fiktion oder Digitales, koordinieren, diese Koordinatoren sind Männer- und zwar ausnahmslos!

Welchen Einfluss haben Sie bei Ihrer Arbeit auf das Frauenbild?

Unter anderem bei der Auswahl der Gesprächspartner in Interviewschalten. Wir führen penibel Statistik darüber, mit wie vielen Männern und Frauen wir sprechen. Nachzusteuern ist dabei gerade in einem politischen Nachrichtenmagazin gar nicht immer so leicht, solange so viele Schlüsselpositionen von Männern besetzt werden, solange es beispielsweise 14 Ministerpräsidenten und zwei Ministerpräsidentinnen gibt. Aber nicht erst seit Corona-Zeiten fragen wir jedes Mal auch Wissenschaftlerinnen an. Denn die gibt es ja. Und nur dann, wenn wir ihnen auch den Raum geben und sie sich auch herauswagen, kann sich das öffentliche Bild verändern.

Uns interessieren auch Ihre Erfahrungen und Ihre Meinung. Wie sieht es in Ihrem Job aus? Könnten Sie mehr Frauen oder Männer gebrauchen? Schreiben Sie uns unter quotenfrau@stern.de


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