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Mission Bundestag (2): Das orangene Revolutiönchen

Sein Wahlkampf soll rocken - aber Gottfried Ludewig, CDU, hat einen Klotz am Bein: Er hat mal gefordert, Leistungsträgern ein doppeltes Stimmrecht zu geben. Das fanden nicht alle komisch.

Von Franziska Reich

Heute also haben sie sich verabredet, um die U-Bahnhöfe "in orange zu tauchen", wie Gottfried Ludewig sagt. "In orange tauchen". Wie eine Welle. Ein helles Farbbad im grauen Berliner Norden. Ein grelles Ausrufezeichen seiner Existenz.

Das klingt nach Farbeimern, Fanfaren und Fotografen. Nach Riesen-Aufmarsch mit großem Tamtam. 19:30 Uhr. Treffpunkt: Schönhauser Allee-Arkaden. "Ich steh' da rum. Vor dem Eingang, wo alle warten", hat Gottfried Ludewig gesagt.

Und so steht er also punkt 19.30 Uhr ein bisschen verloren vor dem überfüllten Einkaufszentrum im Prenzlauer Berg zwischen Dutzenden Gestalten, die auf alles und jeden warten. Die Abendsonne wärmt, und Ludewig, Hände in der Jeans, dieses freundliche Grinsen im Gesicht, trägt schon das "Gottfried"-T-Shirt am Körper - natürlich, wie könnte es anders sein, im identitätsstiftenden CDU-Orange. Corporate Identity, nach allen Regeln der modernen PR. Die CDU ist inzwischen stolz auf die - wie sie findet - In-Farbe, die ihr zum Wahlkampf 2005 der Party-Generalsekretär Laurenz Meyer bescherte. Damals waren die Anhänger irritiert bis entsetzt. Heute aber lieben sie ihr CDU-orange.

So frisch, so frech, so jungdynamisch peppig.

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Langsam tröpfelt Ludewigs Mannschaft ein. Vier junge Männer, zwei junge Frauen - und alle müssen die orangenen T-Shirts überstreifen Alle orange, alles orange - Gottfried Ludewig glaubt an die Wirkung des Guerilla-Marketings.

Im letzten Herbst, als sich Ludewig und seine engsten Mitstreiter noch jede Woche zusammensetzten, da haben sie viel diskutiert. Über Inhalte und Programm. Über Standpunkte und Visionen. Mit Leidenschaft. Mit Feuer und Verve. Heute sagt Ludewig über diese ersten Zusammenkünfte: "Wir haben den Zeitaufwand unterschätzt. Das war supoptimal." Weil die Wähler eben nicht wirklich interessiert, was der kleine Herr Ludewig über den globalen Finanzmarkt denkt. Weil das ja ohnehin die Kanzlerin mit der Zentrale festlegt. Bei ihm als Direktkandidaten, so sagt Ludewig heute, gehe es mehr um das "Wie" als um das "Was".

Mehr Werber als Politiker. Mehr Marktschreier als Grossist.

Ein bisschen Punk

Und so haben sie, als sie das endlich spitz bekamen, viel Zeit darauf verwandt, sich über dieses "Wie" Gedanken zu machen. Luftballons, mit Helium gefüllt, an die U-Bahnhöfe. Türhänger mit der Aufschrift "Das ist Gottfried" an die Balustraden. Und - als höchste Form des Punk, zu der ein CDUler fähig ist - mit der Sprühflasche gesprayte "GOTTFRIED"-Zeichen auf den Asphalt. "Nur Kreidespray, aber die Leute gucken. Das ist die Hauptsache", sagt Ludewig.

Mit drei Autos fahren sie die U-Bahn-Linie der U2 entlang. Parken, raus springen, Luftballons festknüppern, sprayen, zu den Autos rennen und weiter.

Diese Aktionen machen Ludewig und seinen Leuten Spaß. Ein bisschen Abenteuer. Ein bisschen Wildsein. Sie alle engagieren sich seit Jahren für die CDU. Zwei verdingen sich als Mitarbeiter bei Bundestagsabgeordneten - "Die haben viel Verständnis dafür, dass wir im Wahlkampf helfen wollen". Sie alle sind mit Ernst bei der Sache. Politik als Hobby. Politik aber auch als berufliche Option.

Die Einladung zu Anne Will

Diese berufliche Option hätte Gottfried Ludewig im Mai 2008 beinahe verspielt. In einem knappen Brief an die CDU-Verbände hatte er, der RCDS-Vorsitzende, vorgeschlagen, den Leistungsträgern der Republik ein doppeltes Stimm- und Wahlrecht zu verschaffen. Eine himmelschreiende Provokation. In vollem Bewusstsein. "Damit der Brief nicht gleich im Mülleimer landet", wie Ludewig erklärte.

Das tat der Brief dann auch wirklich nicht. Stattdessen: Erste Seite in der "Bild"-Zeitung. Einladung zu Anne Will auf die Sonntagscouch. Da saß er dann - mehr gehetzter Gottfried als Großdebattant. Ziemlich unsicher und verdruckst. Trug sein Lieblings-T-Shirt in schokobraun und einen hochroten Kopf. Stotterte und schwurbelte und offenbarte sich als das Würstchen der Woche. Wenn man ihn heute fragt, warum er sich das angetan hat, dann sagt er: "Ich weiß, das war mein größter Fehler. Aber ich dachte, ich könnte mich da erklären." Und wenn man ihn fragt, ob die CDU-Zentrale nicht versucht habe, ihn wenigstens vom Fernseh-Auftritt abzuhalten, dann sagt er: "Nein. Das war ganz allein mein Ding." Und denkt kurz nach und erklärt: "Ich hätte mich beraten lassen sollen. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer."

Mehr Kamikaze als Jugendsünde

Nun ist es ja so, dass gerade ein Jungpolitiker nicht nachhaltig Schaden nimmt, wenn er Blödsinn erzählt. Auf der ersten Seite der Bild und bei Anne Will zu erscheinen - das ist ein Wert an sich. Das macht zur Marke. Doch Ludewigs Vorschlag war weniger originell - das würde verziehen und unter "Jugendsünde" verbucht - als viel mehr Kamikaze. Heute sagt er: "Eine Feuertaufe gehört mit Sicherheit zum Leben eines Politikers. Aber als es um meine Kandidatur für den Bundestag ging, habe ich gemerkt: Das wird man so schnell nicht wieder los."

Vier Bahnhöfe fluten sie an diesem Abend. Luftballons. Anhänger. Sprayen. Es sieht nicht nach Riesen-Welle aus. Aber ein ganz kleines bisschen orangen leuchtet es schon.

Die Autorin Franziska Reich ist Reporterin im Berliner Büro des stern