TV-Kritik
Zwischen Tiefpunkt und Timmy: Caren Miosga fordert den Kanzler

Caren Miosga und Friedrich Merz
Caren Miosga hatte Friedrich Merz zu Gast in ihrer Sendung. Der Bundeskanzler hat eine turbulente Woche hinter sich

 
© Thomas Ernst / ARD

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Caren Miosga zeigt Härte im Gespräch mit Friedrich Merz. Sie widerspricht und hakt nach – lässt ihn dann aber doch an entscheidenden Stellen zu leicht davonkommen.

Caren Miosga: „Hat Markus Söder ein Problem mit seiner Wurst-Life-Balance?“

Friedrich Merz: „Nette Frage.”

Caren Miosga: „Werden Sie seine Bratwurstbilder vermissen?” 

Friedrich Merz: „Ich hab sie selten geschaut, deshalb bin ich nicht auf Entzug.” 

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder will weniger Bilder von seinem Essen posten, und das, das wissen jetzt alle, wird den Kanzler nicht in ein Loch stürzen. 

Anders seine Umfragewerte. Anders als die wirtschaftliche Situation in Deutschland. Anders als die Stimmung im Land. Die sind alle in einem ganz tiefen Loch. 

Wenn der Bundeskanzler zu Caren Miosga kommt, muss er sich die Bühne nicht mit anderen Diskutierenden teilen. Er wird eine Stunde lang alleine befragt. Miosga spricht langsam, beinahe behutsam mit dem Kanzler. Der antwortet mit Bedacht. Die ersten Minuten der Sendung wirken beinahe, als würden zwei Menschen neben dem Totenbett eines entfernten Verwandten reden. Nur nicht zu laut werden, keine unbedachte Äußerung. 

Dabei macht die Moderatorin aus ihrer Sendung keine Kuschelcouch für Merz. Sie spricht mit ihm über die schlechte Stimmung in der Koalition, über den Regierungspartner der Union, die SPD. Und auch über die Stimmung in seiner eigenen Partei: „Es gibt in der CDU einen größer werdenden Unmut. Ich habe keine Vollmacht, die CDU umzubringen.“ Als ob er den Punkt verstärken wollte, fängt ein Zuschauer im Publikum an zu husten, just als Merz diesen Satz gesagt hat. 

Der Bundeskanzler betont immer öfter, dass zu wenig über die Erfolge gesprochen werde, nur über die Herausforderungen. Versucht sich zu verteidigen, ohne sich zu verteidigen. Die Gastgeberin nagelt ihn oft fest: Sie widerspricht ihm, hakt nach. Nur manchmal lässt Miosga ihn da zu einfach raus: Ein Ludwig Erhard habe den Deutschen auch „sehr klar und sehr umfassend gesagt, wo sie stehen, und wo wir gemeinsam hin wollen.“ Leider fragt Miosga nicht nach: Wo wollen wir denn hin, Herr Bundeskanzler? 

Die beiden sprechen lange über Merz’ Kommunikation. Ein Einspieler zeigt, wie Bürger genau diese kritisieren. Er könne nicht mit den Menschen sprechen, wird ihm vorgeworfen. Er lässt die Kritik von sich abperlen, wolle nicht wie ein „Kieselstein“ reden. „Ich gehe damit hin und wieder ein gewisses Risiko ein.”

Caren Miosga und der Kanzler könnten ein Comedy-Duo werden

So auch, als er die FDP vor einigen Wochen als tot bezeichnet hat. Darauf spricht ihn Miosga in der Schnellfragerunde an, in der es auch schon um die Wurst ging. Da wurde die Stimmung schon aufgelockert: Und jetzt fragt die Gastgeberin den Kanzler, was ihm größere Sorgen mache: die FDP oder Buckelwal Timmy. (Der auch Hope genannt wird.) 

Merz: „Der Wal ist gerettet.” 

Das ist jetzt ein flacher, aber definitiv kein komplett schlechter Witz. Miosga und der Kanzler könnten, nach ihren jeweiligen Karrieren, ein Comedy-Duo werden. Und die Moderatorin hat den Zeitpunkt in der Sendung für diese Späße klug gewählt. Nachdem sie mit dem Kanzler die bedrückende Lage in der Innenpolitik durchexerziert hat, gibt sie ihm – und dem Zuschauer – einen Lacher. Denn jetzt kommt die nicht minder bedrückende außenpolitische Situation. 

Kanzler und Moderatorin sprechen über die Entscheidung des US-Präsidenten, Truppen aus Deutschland abzuziehen. Miosga geht tief ins Detail, spricht über die versprochenen „Tomahawk“-Marschflugkörper, die nun wohl nicht in Deutschland stationiert werden. Das Thema ist ernst und bedrückend. Er weist von sich, dass seine Bemerkungen in einer Grundschule dazu geführt haben. Der Kanzler sagte vor Schülern, dass die Amerikaner im Iran „gedemütigt“ werden würden. Stattdessen zeigt er auf die schwindenden Arsenale der Amerikaner, um diese ausbleibende Stationierung zu begründen. In der Verteidigungspolitik ist der Kanzler anscheinend tief im Thema. 

Aber auch in dem letzten Drittel der Sendung wird sie gegen Ende heiterer. Miosga fragt Merz: „Wann werden Sie mit ihm sprechen? Und sagen: Hömma, reg dich nicht so auf über meine Sätze in der Schule."

Und sie befragt ihn zur kommenden WM, die ja auch in den USA stattfindet. „Wenn wir die USA aus dem Turnier fegen, müssen wir dann mit Strafzöllen rechnen?“ Merz meint, die Vereinigten Staaten würden das sportlich nehmen. Wie weit muss die Mannschaft kommen? Merz: „Sie hat gute Chancen, in die letzten Runden zu kommen, wenn es richtig gut läuft, kann sie auch ins Finale kommen.“ Man wünscht sich ein letztes Nachfassen: Wer weiß, vielleicht kann die Nationalmannschaft ein mögliches Finale auch gewinnen? Aber damit ist die Sendung vorbei. 

Miosga hat es geschafft, den Kanzler eine Stunde lang immer wieder zu fordern. Ihm Kontra zu geben. Und immer mal wieder mit ihm witzig zu sein: Das war vermutlich gut für Merz, aber noch besser für den Zuschauer. Sonst wäre es eine Stunde lang wirklich demotivierend gewesen. Dann wäre die Stimmung im Keller gewesen, im Loch. Und das ohne die Möglichkeit, sich mit Bratwurstbildern aufzumuntern. 

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