Abschied
Winfried Kretschmann - vom knorrigen Kauz zur Kultfigur

Kretschmann sagt Tschüss - ob er der Öffentlichkeit den Rücken kehrt, ist noch offen. Foto: Silas Stein/dpa
Kretschmann sagt Tschüss - ob er der Öffentlichkeit den Rücken kehrt, ist noch offen. Foto
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Erst linker Außenseiter, dann konservativer Landesvater: Winfried Kretschmann prägte das Land Baden-Württemberg länger als jeder andere Ministerpräsident. Was ihn so besonders macht.

Winfried Kretschmann ist, da sind sich eigentlich alle einig, ein Politiker der besonderen Art. Nicht nur, weil er der erste und weiterhin einzige grüne Ministerpräsident Deutschlands ist. Nicht nur, weil er das einst tiefschwarz regierte Baden-Württemberg länger führt als jeder andere. Und auch nicht wegen seines markanten Bürstenhaarschnitts. 

Was Kretschmann besonders macht, zeigen die Zuschreibungen der vergangenen Tage. Vom Ende einer Ära war da die Rede, vom "Phänomen" Kretschmann, von einem Unikat. Alt-Bundespräsident Joachim Gauck würdigte ihn als "kulturprägende" Führungsfigur. Beschrieben wird er als wertkonservativ, bodenständig, eigensinnig – und gelegentlich sperrig. Mit knapp 78 Jahren geht er nun in den Ruhestand. 

Machtübernahme als Unfall der Geschichte 

15 Jahre lang regierte und prägte Kretschmann die Baden-Württemberger, die von sich sagen, sie könnten alles - außer Hochdeutsch. Sein Aufstieg 2011 kam überraschend, auch für ihn selbst. Er hatte das Amt nie angestrebt, galt im Landtag als eher knorriger Kauz, als Außenseiter. Doch Proteste gegen Stuttgart 21 und Fukushima brachten die Grünen an die Macht. Über seine Vereidigung sagt er: "Ich stand da und innerlich war ich immer noch ein bisschen ungläubig erstaunt, dass ich jetzt dastehe und Ministerpräsident bin." 

Dass er zweimal wiedergewählt wurde, ist auch sein Werk. Als Grüner regierte er oft wie ein Konservativer – und erreichte damit auch CDU-Wähler. Immer wieder legte er sich mit der eigenen Partei an. 

Kompromiss und Kompass 

Heute erfährt er parteiübergreifende Anerkennung. Selbst in der CDU, die er all die Jahre kleinregierte, hört man kaum ein schlechtes Wort über ihn - höchstens den Satz, er sei in der falschen Partei. Kretschmann verkörpert Pragmatismus statt Ideologie. Im Zentrum seiner Politik: der Kompromiss als demokratisches Grundprinzip. 

Seine Zeit im Kommunistischen Bund bezeichnet er heute als studentische Verirrung. "Danach war mein Kompass eingestellt und hat auch nicht mehr groß gewackelt." Dieser Kompass steht für Glaubwürdigkeit, die ihm viele attestieren. 

Kretschmann gilt als einer, der Wort hält, sich nicht verbiegen lässt. Und er ist erfrischend uneitel. Er hört den Leuten zu, versucht aber nicht, ihnen zu gefallen. Er gibt sich bedächtig und besonnen, aber wenn ihn etwas aufregt, und das passiert nicht selten, kann "Kretsch" richtig lospoltern. 

Er meidet Schlagzeilenpolitik, denkt nach, bevor er spricht – und zitiert dann gern Hannah Arendt, seine Lieblingsphilosophin. Im schnelllebigen Politikbetrieb legte er eine bedächtige Langsamkeit an den Tag. "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht", sagte er, wenn man fragte, warum das eine oder andere Vorhaben nicht vorankommt. Kritiker halten ihm vor, dass er in wesentlichen Bereichen wie dem Klimaschutz nicht viel erreicht hat. 

Waschlappen und Klopapier 

Seine Unverkrampftheit macht ihn zur Kultfigur. Legendär ist etwa sein Satz zum Dienstwagen: "Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg fährt einen Daimler, Basta! Ich kann doch keinen Fiat fahren!" Mitten in der Energiekrise 2022 riet Kretschmann zum Waschlappen statt zur Dusche - und erhielt prompt kreative Post aus dem ganzen Land. Die Waschlappen-Sammlung ist nun im Haus der Geschichte zu bestaunen. Kürzlich folgte ein neuer Hygiene-Rat: "Es ist eigentlich besser, du kaufst a g'scheits Scheißhauspapier als a Glomb." 

Kretschmann steht für eine selten gewordene Ehrlichkeit in der Politik. Er macht auch keinen Hehl daraus, dass er sich auf den Ruhestand freut. Nach all den Jahren nervt ihn der Politikbetrieb. "Da geht einem ja auch vieles auf den Senkel. Und da ist man froh, dass das rum ist." Er kann Sitzungen nicht ausstehen, die ewig dauern und zu nichts führen. Davon gibt es viele. 

Was aber nun? Der Biologe will Pflanzen bestimmen, am Bauernhaus werkeln, vielleicht wieder an die Uni gehen – als Gasthörer. Zeit für Enkel, alte Freunde, versäumte Gespräche. Ganz verschwinden wird er aus der Öffentlichkeit wohl nicht. Er werde sicher noch Vorträge halten, sagt er, Erfahrungen weitergeben. "Die Leidenschaft zur Demokratie, die wird mich ja nicht verlassen." 

Zunächst mal muss er aber die Reiselust seiner Frau Gerlinde befriedigen. Die sei regelrecht reisewütig, beschwert sich Kretschmann. "Da werde ich nicht drum rum kommen." Dabei würde er am liebsten daheim in Sigmaringen bleiben. Aber, und das ist eine typische Kretschmann-Antwort: "Man muss immer Kompromisse machen, wenn man mit anderen Menschen zusammenlebt. Nicht nur in der Politik."

dpa

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