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Urlaub in der Heimat: So schön ist Deutschland

Urlaub im eigenen Land - viele haben es immer schon gemacht, doch nie war es derart angesagt. Und die Bundesbürger schwärmen wieder von Küsten und Seen, Bergen und Städten.

Kann es sein, dass der Titicaca-See etwas überschätzt wird? Wundersames Gewässer da oben in den Anden, zugegeben. Aber wer hält es auf fast 4000 Metern aus, ohne nach Luft zu schnappen wie ein verendender Karpfen? Lake Louise in den kanadischen Rockys: faszinierend, dieses tief blaue Schimmern des Gletscherwassers. Leider aber so manches Jahr bis in den Mai tief gefroren. Oder dieser surreale Kunstsee im Periyar-Naturschutzgebiet, Südindien. An dessen Ufern kann man gewiss in spirituellen Tiefen gründeln ("Gott Ganesha nimmt die Sorgen fort, aber er erschafft sie auch"). Doch was, bitte, ist das alles gegen bajuwarische Weisheiten wie "Wenn's Arschl brummt/ ist's Herzl gsund"? Solche Perlen (auf Holz zum Hinhängen) entdeckt man in Souvenirshops am bayerischen Walchensee, ganze 85 Kilometer südwestlich von München.

Der See im pathetischen Türkis, die Gipfel schneebedeckt

Wer von der Seilbahnstation auf dem Herzogstand-Berg über den Voralpensee blickt und die Augen auf Totale stellt, fragt sich vielleicht: Warum bloß habe ich viele qualvolle Stunden in voll gepferchten Touristenbombern gehockt? Um so genannte Weltwunder zu besichtigen? Ist das hier nicht ebenso wun-der-bar? Unten der Walchensee im pathetischen Türkis, gerahmt von dunkelgrünen Fichten, umkränzt vom schneebedeckten Karwendelgebirge. Löwenzahngefleckte Almen und aufgebrezelte Dörfchen mit Zwiebelturmkirchen, deren Bewohner/innen allerhand Holz vor den Hütten haben. Angler holen Zander, Renken, Seeforellen, Saiblinge und Welse an Land. Goethe, der Connaisseur, machte hier Station auf seinen Reisen nach Italien. 100 Jahre später muss auch mal ein gewisser Adolph Alphons durchgekommen sein. Das war der Mann, der die Ansichtspostkarte erfand, um 1879. Nirgendwo Graffiti. Alles in weißblauer Ordnung. Die Pfarrei St. Ulrich zu Walchensee preist im Aushängekasten ihren Namensgeber, der 955 auf dem Lechfeld heidnischen Ungarn vernichtend aufs Haupt schlug und so, O-Ton, "wesentlich zum Fortbestand des Abendlandes beitrug". Ausländer treten in Gestalt fernöstlicher Zimmermädchen, holländischer Caravan-Kutscher, britischer Kraxlhuber und japanischer Dauerknipser auf. Die Zimmerpreise zu jeder Saison zivil, die Küche redlich, die Keller urig.

Weltbekannte Tourifallen um die Ecke

Ganz in der Nähe liegen weltbekannte Tourifallen (Neuschwanstein, Oberammergau, Bad Tölz) sowie eine Autobahn - was Wunder, dass Walchensee floriert. Wie das Bayernland an sich, mit mehr als 70 Millionen Übernachtungen pro Jahr Bundessieger in der Gastgeber-Disziplin.Mehr noch. Fachblätter und Publikumszeitschriften, TV-Magazine und Hochglanz-Illus melden seit ein, zwei Jahren, Deutschland sei der ultimative Urlaubshit, beliebt vor allem beim eigenen Stamm. Nie muteten die Reiseteile der Zeitungen so muttererdig an, selten waren Bali, Hawaii oder die Copacabana derart abgemeldet.

Statt Kanada im Kanu ist nun das Thema "Paddeln auf der Müritz" heiß. Statt von den sanften Hügeln der Toskana schwärmen die Reisefeuilletons von Raps- und Klatschmohnfeldern in Meck-Pomm. Selbst einem potthässlichen Entlein wie dem "Fuselfelsen" Helgoland widmete die "FAZ" anderthalb volle Seiten. Kurzlebiger Rummel oder Indiz für eine echte Trendwende? Wird der einstige Weltmeister im Auswärtsreisen bodenständig?Es handelt sich, erstens, zweitens und drittens, um Psychologie.

Die nüchternen Statistiken belegen keine dramatischen Veränderungen. Schon seit Dezennien verbringt rund ein Drittel der Deutschen am liebsten in Deutschland den Haupturlaub (Reisen über fünf Tage). Vorwiegend in Bayern, an Ost- und Nordsee, in den Mittelgebirgsregionen (s. Grafik S. 70). Kurz nach der Wiedervereinigung war die interne Reiserei auf dem Zenit (34 Prozent), pendelte sich dann um die 30 Prozent ein. Während der jüngsten Wirtschaftsflaute stieg Deutschland in der Urlaubergunst um ganze zwei Prozentpunkte.

Stärkere Zuwächse, die der Supersommer des vergangenen Jahres hätte bringen können, wurden durch die hirnrissige Sommerferienordnung der Kultusbürokratie vereitelt. Sicher, ein paar Ausländer mehr besuchten 2003 Deutschland (plus zwei Prozent). Aber das so genannte Incoming-Geschäft bleibt bescheiden, verglichen mit dem Zulauf nach Spanien, Österreich und Italien. Eigentlich also alles kein Grund zum Triumphgeschrei, wie es Tourismuszentralen und Fremdenverkehrsbüros neuerdings anstimmen.

Früher outeten sich nur Verlierer als Deutschlandfans

Oder doch? Was sich drastisch gewandelt hat, ist das Image des Heimaturlaubs. Einst outeten sich nur Verlierer als Deutschlandfans. Abgesehen von der Insel Sylt, standen die Seebäder, der Schwarzwald, das Sauerland, Fränkische Schweiz, Oberpfalz oder Schwäbische Alb im Generalverdacht, das Notquartier sozial zu kurz Gekommener zu sein. Deutsche Herbergen galten per se als spießig, muffig und abgewetzt, die deutsche Küche als fett und einfallslos. In Germanien blieben sommers hauptsächlich Kinderreiche hängen. Und Bundespräsidenten, wie Bruder Johannes, dessen Frau Christina ein Haus im Bollerwagen-Paradies Spiekeroog geerbt hat. Wer mit Urlaubsstorys punkten wollte, musste mindestens in Spanien gewesen sein, möglichst in Übersee. Die Zahl der Flugkilometer zwischen dem Wohn- und dem Urlaubsort markierte einen Status.

Jetzt schwärmen auch besser Verdienende von aufwendig restaurierten Villen in Heringsdorf, Fresspalästen und Wellness-Tempeln im Badischen, Schlössern und Gärten von Potsdam. TV-Nasen wie Ulrich Wickert, Sänger wie Wolfgang Niedecken, Schauspielerinnen wie Michaela May und Sportler wie Marcus Bode zeigen den Lesern des "ADAC Reisemagazins", wo's in Hamburg, Köln, München und Bremen langgeht.

Nina Ruges Elogen über Neuenahr-Ahrweiler

Glamour-Tante Nina Ruge ergeht sich in Elogen über Bad Neuenahr-Ahrweiler, das bislang eher mit Sprudel, Kurschatten und Seniorenteller assoziiert war. Kultfigur Rudolph Moshammer tut kund, er fliege selten ins Ausland: "Warum auch? Wir Deutsche leben doch im Filetstück der Welt." Hätte kein Schicki sich früher zu sagen getraut.Auch wer feines Essen und edle Weine genießen will, muss sich längst nicht mehr außer Landes begeben. Und es sind nicht immer nur das Bareiss oder die Schwarzwaldstube in Baiersbronn, welche das Lametta kassieren. Der Michelin-Führer hat dieses Jahr fünf deutschen Restaurants das Drei-Sterne-Zepter erteilt. 13 haben zwei und 176 je einen Stern erhalten - was in letztgenannter Kategorie eine Zunahme um 23 Lokale innerhalb eines Jahres bedeutet. Der Gault Millau hat immerhin 95 Restaurants in Deutschland mit seinen beiden höchsten Kategorien geadelt. Da darf's auch mal für ein paar Euro mehr sein. Wie im Adlon in Berlin oder im Ruiani Gourmet in Binz auf Rügen, den Gaststätten mit den hochpreisigsten Menüs der Republik.

Ja, es tut sich was im Vaterland. Anno 2004 klingt das Draußen-gibt's-nur-Kännchen- und Kollege-kommt-gleich-Elend endlich ab. Hier und da blitzt gar ein Service-Wille auf, der vor kurzem noch unvorstellbar schien. "Die Anbieter sind kreativ geworden", sagt Martin Lohmann von der Kieler Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR). "Mit gepflegten Stränden, guter Werbung und interessanten Angeboten halten sie ihre Kunden fest." In Schleswig-Holstein zum Beispiel stellen manche Gemeinden Kurzurlaubern kostenlos einen Smart vors Hotel (sh-touris mus.de). "In der öffentlichen Meinung", so die FUR, "ist Urlaub in Deutschland positiv besetzt." Das ist der Punkt. Es sind nicht so sehr die Ängste vor SARS, Terror oder sonnengeneriertem Hautkrebs, die das Ausland dubios und Deutschland anheimelnd erscheinen lassen. Kennzeichen D hat sich einfach am eigenen Image-Schopfe aus dem Sumpf gezogen, nach Art der sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Gegen Verstädterung hilft nur Landflucht

Auch die aktuellen Top Ten der Sehenswürdigkeiten deuten den Wandel an. Zwar stehen weiterhin Deutschland-Abziehbildchen wie die Rüdesheimer Drosselgasse, Rothenburg o. d. Tauber und Schloss Neuschwanstein hoch im Kurs, auch dank der Ausländer. Aber Plätze wie die Bonner Museumsmeile, die Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister oder das Deutsche Museum in München holen auf. Dank eines Kultur- und Metropolentourismus, der laut FUR-Reiseanalyse 2004 zu den fünf großen Trends im Heimaturlaub gehört.

Die anderen:
- Sehnsucht nach Natur und Landschaft als Reaktion auf die zunehmende Verstädterung
- Boom der Gesundheitsreisen, Schlagwort Wellness
- eine neue Einfachheit und die Suche nach Lebensqualität
- sowie das Internet als Navigator durch den Angebote-Dschungel.
Das Staunen über den Deutschland-Boom ist typisch deutsch. Für viele unserer Nachbarn versteht sich Urlaub im eigenen Land von selbst. Griechen, Spanier, Italiener, Franzosen, Portugiesen und die heimattreuen Finnen bleiben mehrheitlich daheim, wie die Statistiker der Europäischen Gemeinschaft (Eurostat) wissen. Bewohner kleiner, kalter Länder hingegen machen sich dauernd davon, aus naheliegenden Gründen. Insulaner wie Engländer und Iren sind ebenfalls sehr mobil.

Deutsche nur noch Vizeweltmeister im Reisen

Auch die Deutschen, mittlerweile nur noch Vize-Reiseweltmeister (die Holländer machen noch mehr Urlaub von daheim als wir), fuhren nach dem Krieg zunächst nicht weit. Im oberbayerischen Kuhkaff Ruhpolding, wohin der geniale Pauschalreise-Pionier Carl Degener seine Touropa-Züge ("Kniescheiben-Express") schickte, boomte der Verkehr mit den Fremden. Schon wegen der krachledernen Gaudiburschen, die in einer Zeit akuter Männerknappheit frustrierten Städterinnen beistanden. Zwei Wochen Vollpension ab Dortmund kosteten 175 Mark, Schuhputzen (ein Paar) inbegriffen. 1962 erreichte der inländische Bahntourismus mit 850 000 Passagieren seinen Höhepunkt.Dann boten die Versandhäuser Neckermann und Quelle Flugpauschalreisen ins Ausland an, die Jahr für Jahr billiger wurden. Fortan fand jeden Sommer eine "Parodie auf die totale Mobilmachung" statt, wie der junge Hans Magnus Enzensberger in einem Essay höhnte.

Kunststück - mit der D-Mark konnte man in den Sechzigern überall wie ein König leben. Für Groschenbeträge kippten sich die Bundesbürger üppig eingeschenkte spanische Brandys hinter die Binde. Geschichte. Heute sind Bars, Hotels und Lokale in den Urlaubsgebieten des Euroraums - von Österreich abgesehen - teurer als in Deutschland. Auch ein Grund, weshalb manche sich dem Ausland verweigern.Und die Zukunft? Rosig, glauben Experten. Die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) hat Reisebüros befragt - und, siehe da, 84 Prozent setzen in die "Destination Deutschland" schönste Hoffnungen. Die Chance, glaubt die FUR, liege in der galoppierenden Vergreisung der Gesellschaft. Alte reisen nicht mehr so weit, haben öfter Angst vor Kriminalität und fühlen sich in fremder Umgebung und anderen Sprachräumen unwohl. Ab 2010, wenn der Alterungsprozess richtig in Schwung kommt, könnte in deutschen Feriengebieten endlich jene legendäre Zeit der Vollbeschäftigung wiederkehren, an die sich die Langlebigsten noch dunkel erinnern.Seid bedankt, Methusalems!

Wolfgang Röhl Mitarbeit: Elfriede Roth / print

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