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Air-France-Absturz: Bald schweigt die Blackbox für immer

Der Absturz der Air-France-Maschine über dem Atlantik könnte für immer ein Rätsel bleiben. Der für die Klärung des Unglücks wichtige Flugschreiber sendet nur noch für wenige Tage Signale. Mehrere Suchmannschaften arbeiten unter Hochdruck, doch der kleine Kasten ist selbst mit Hightech-Ausrüstung schwer zu orten.

Von Till Bartels

Auch drei Wochen nach dem Absturz des Fluges AF447 ist die Ursache ungeklärt. Der Airbus A 330 war am 1. Juni vor der Küste Brasiliens mit 228 Menschen an Bord abgestürzt. Unter den Toten sind auch 28 Deutsche. Neben über 400 Wrackteilen konnten bisher 50 Leichen aus dem Atlantik geborgen und elf von ihnen identifiziert werden. Dabei handelt es sich nach Angaben der Behörden um jeweils fünf Männer und Frauen aus Brasilien sowie um einen männlichen Passagier, dessen Nationalität zunächst noch nicht bekanntgemacht wurde. Die Familien der identifizierten Personen wurden ebenso unterrichtet wie im Fall des ausländischen Passagiers die Botschaft des betreffenden Landes.

Die Identifizierung der im Atlantik geborgenen Leichen stützt sich auf DNA-Proben, Fingerabdrucke und Behandlungsdaten von Zahnärzten. Die Untersuchungen werden in Recife, der Hauptstadt des brasilianischen Staates Pernambuco, vorgenommen. Nach ersten Untersuchungen weisen die Körper viele Knochenbrüche an Armen und Beinen auf.

Ein U-Boot sucht die Nadel im Heuhaufen

Im Umkreis der Absturzstelle wird weiterhin nach der Blackbox der Maschine gesucht, von der sich die französischen Ermittler Aufschluss zur Ursache erhoffen. Neun Tage nach der Katastrophe war das französische Atom-U-Boot "Emeraude" in der Unglücksregion im Atlantik eingetroffen, das mit Sonargeräten nach dem Flugschreiber und dem Stimmen-Recorder sucht, der die letzten Gespräche im Cockpit aufgezeichnet hat. Die Franzosen haben auch den ferngesteuerten Tauchroboter "Victor 6000" im Einsatz. Die US-Marine sandte zwei weitere Spezialgeräte zur Ortung der Blackbox.

Doch die Experten sind aus mehreren Gründen pessimistisch. Zum einem sendet der Peilsender unter Wasser in einem Radius von 2000 Metern, der Flugschreiber wird aber in einer Tiefe von 4000 Metern vermutet. Daher lässt er sich von der Wasseroberfläche nicht auffinden. Zum anderen wird das Signal zur Ortung von einem Akku gespeist, der das Gerät maximal 30 Tage mit Energie versorgen kann. In spätestens einer Woche herrscht Funkstille.

Auch wenn in den nächsten Tagen die Blackbox geortet werden sollte, stellt die Bergung durch die enorme Tiefe und das zerklüftete Unterwassergebirge ein großes Problem dar. Im Januar 2004 hatte es nach dem Absturz eine Boeing 737 beim Badeort Sharm el Sheik zwei Wochen gedauert, bis Fachleute die Flugschreiber in 1000 Metern Tiefe des Roten Meeres fanden und bergen konnten. Der bisherige Bergungsrekord liegt bei 4500 Metern: Nach dem Absturz einer Boeing 747 von South African Airways im November 1987 bei Mauritius konnte die Blackbox der "Helderberg" per Tauchroboter gerettet werden.

Rätselraten um die Absturzursache

Die Suche nach der Unglücksursache gestaltet sich nach wie vor schwierig. Es gibt unzählige Fragezeichen. Nach bisherigen Erkenntnissen brach die Maschine in der Luft auseinander. Dass der Airbus im Tropengewitter explodiert sei, nachdem die gesamte Elektrik ausgefallen ist, halten Experten für unwahrscheinlich. Vielmehr handele es sich um eine Verkettung von technischen Problemen und menschlichem Fehlverhalten.

In der zweiten Woche nach dem Absturz drehte sich die technische Diskussion um eventuell fehlerhafte Pitot-Sonden zur Geschwindigkeitsmessung aufgrund von Vereisung. Nach Einschätzung der Europäischen Flugsicherheitsbehörde EASA ist der Ausfall der Geschwindigkeitsmesser nicht allein für den Absturz der Air-France-Maschine verantwortlich. Trotzdem gab die Behörde eine Sicherheitsinformation für alle Betreiber von Langstreckenflugzeugen heraus. Die französische Luftfahrtermittlungsbehörde BEA will bis Ende Juni einen ersten Bericht zum Absturz der Maschine veröffentlichen.

Erste Zahlungen an Hinterbliebene der Opfer

Nach Angaben der Fluggesellschaft war es wenige Tage nach dem Unglück nicht einfach, den Kontakt mit den Angehörigen aller Opfer herzustellen. Viele Passagiere hätten bei der Buchung nur ihre eigene Mobiltelefonnummer angegeben. Inzwischen hat Air France mit rund 1800 Menschen Kontakt, die den 228 Opfern des Flugzeugabsturzes am Pfingstmontag nahe standen. Angehörige der Opfer haben der Airline fehlendes Mitgefühl und mangelhafte Informationsweitergabe vorgeworfen. "Ich habe eine enorme Wut auf die Air France und wie die mit den Menschen umgehen. Das sind zusätzliche Schmerzen", sagt der Stuttgarter Horst Wanschura, dessen Lebensgefährte Matthias Peter bei dem Absturz ums Leben kam. Auf stern.de äußern sich auch die Eltern von Ines Gans, ein weiteres der 28 Opfer aus Deutschland, ähnlich kritisch über die Fluglinie. Die Hinterbliebenen seien in ihrer Trauer allein gelassen worden, selbst zur Gedenkfeier habe man sie nicht eingeladen. Eine ökumenische Trauerfeier mit den Hinterbliebenen des Todesfluges in Deutschland fand am 13. Juni in Düsseldorf statt.

Air-France-Chef Pierre-Henri Gourgeon sagte, dass seine Fluglinie den Angehörigen der Opfer eine erste Entschädigung von jeweils rund 17.500 Euro zahlt. Die Anwälte des Unternehmens würden Kontakt mit den Hinterbliebenen in 32 Ländern aufnehmen, um sicherzustellen, dass sie die Vorauszahlungen erhalten.

Wieder ein Airbus in Turbulenzen

Unterdessen gab es zwei weitere Zwischenfälle mit Airbus-Maschinen vom Typ A330. Ein Airbus der australischen Fluggesellschaft Qantas geriet auf dem Flug von Hongkong nach Perth über Borneo in schwere Turbulenzen, exakt drei Wochen nach dem Unglücksflug AF447. Sieben Menschen wurden bei dem Zwischenfall in einer innertropischen Konvergenzzone verletzt. Der Airbus A330 mit 219 Passagieren und Besatzungsmitgliedern landete am Montag problemlos in Perth.

Qantas sieht nach eigenen Angaben keinen Zusammenhang zwischen diesem und anderen Zwischenfällen mit Airbus-Flugzeugen. Ein Airbus A330 der australischen Linie Jetstar musste kurz nach der Air-France-Katastrophe auf Guam notlanden, weil im Cockpit Feuer ausgebrochen war. Am Freitag war eine A330 der britischen Fluggesellschaft BMI beim Landeanflug auf Tel Aviv in ein Gewitter geraten. Nach Angaben des "Aviation Herald" zerstörte Blitzschlag das Winglet des rechten Flügels. Der Airbus landete auch ohne den senkrechten Miniflügel am Ende der Tragfläche, der die aerodynamischen Eigenschaften eines Flugzeugs verbessert, sicher und konnte seinen Rückflug nach London-Heathrow fortsetzen.

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