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Lost Places: Wenn eine Synagoge zum Fitness-Center wird - auf der Suche nach jüdischem Leben in Osteuropa

Überwucherte Friedhöfe, zweckentfremdete Synagogen und Grabsteine als Straßenpflaster: Der Fotograf Christian Herrmann dokumentiert die Spuren jüdischen Lebens in Osteuropa, die dem Verfall preisgegeben sind.

Ehemalige Große Synagoge und heute ein Fitness-Center in Sambir, Galizien, in der Ukraine, 2017. Das Foto ist aus dem Buch "In schwindendem Licht - Spuren jüdischen Lebens im Osten Europas" von Christian Herrmann.

Ehemalige Große Synagoge und heute ein Fitness-Center in Sambir, Galizien, in der Ukraine, 2017. Das Foto ist aus dem Buch "In schwindendem Licht - Spuren jüdischen Lebens im Osten Europas" von Christian Herrmann.

"Für die meisten Europäer ist es heute so gut wie unmöglich, sich die Welt vorstellen, wie sie vor nicht einmal hundert Jahren in Osteuropa war", schreibt der Historiker Adam Kerpel-Fronius."Die dort einst blühende und sehr eigene, aber auch sehr heterogene jüdische Kultur wurde fast vollständig im Holocaust vernichtet", heißt es in dem Vorwort zu dem neuen Bildband "In schwindendem Licht".

Nach dem Genozid an der jüdischen Bevölkerung gibt es in den Ländern zwischen der Ostsee und dem Schwarzem Meer heute kaum noch Menschen, die sich an die verschwundene Welten erinnern können.

Doch nicht alle Synagogen wurden in Brand gesteckt und Friedhöfe dem Erdboden gleichgemacht. Wer von außen kommt und mit dem Blick rückwärtsgewandter Neugier nach Überbleibseln jüdischen Lebens sucht, der kann auch Jahrzehnte nach der Katastrophe fündig werden. Der Kölner Fotograf Christian Herrmann ist einer der wenigen, der sich auf unzähligen Reisen in Regionen mit den historischen Namen wie Galizien, Bessarabien, Podolien und Bukowina begeben und in diesem Gebieten ehemalige jüdische Tempel aufgespürt hat, die heute als Kino, Lagerhalle oder Fitness-Studio genutzt werden.

Vanished World

Seine Fotografien von diesen Orten, die meist in der heutigen Ukraine liegen, zeigen nicht nur den Kontrast zwischen der Tristesse im 21. Jahrhundert und der ausgelöschten Vergangenheit. Sie verdeutlichen auch den Verlust, wo durch die Abwesenheit jeglicher Gedenkstätten selbst das Erinnern keinen Raum mehr hat.

Jetzt sind seine Aufnahmen in dem deutsch- und englischsprachigen Fotobuch "Im schwindendem Licht/Fading Light" abgedruckt, das im Lukas Verlag mit einem Vorwort von Adam Kerpel-Fronius erschienen ist. Herrmann betreibt auch den Blog "Vanish World", in dem er von seinen Reisen durch Osteuropa regelmäßig berichtet.

Der englische Titel erweist sich dabei als Hommage an den großen Fotografen Roman Vishniac, der mit versteckter Kamera in den 1930er Jahren die orthodoxen Bewohner im osteuropäischen Schtetl und jüdischen Ghettos fotografierte. "The Vanished World" lautete der Titel seiner ersten Veröffentlichung in den USA im Jahre 1947.

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