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"Mein Schiff 5": Mit neuem Luxusliner gegen das angekratzte Image

In der finnischen Küstenstadt Turku übergibt die Meyer Werft "Mein Schiff 5" an die Reederei Tui Cruises. Das neue Kreuzfahrtschiff soll der Boom-Branche noch mehr Urlauber bescheren und das angekratzte Image des Schiffbauers aufpolieren.

Von Kristina Läsker, Turku

Leinen los: Jungfernfahrt der "Mein Schiff 5"

Leinen los: Jungfernfahrt der "Mein Schiff 5"

Meist geschieht das Wesentliche im Verborgenen, so ist das auch auf der "Mein Schiff 5". Das neueste Kreuzfahrtschiff der Branche liegt an diesem Sommerabend in der Werft der Küstenstadt Turku in Finnland. Auf dem frisch gestrichenen blauen Rumpf schimmern hellblau die Wörter Urlaub und Lebenslust. Arbeiter mit weißen Helmen strömen über die Gangway hinaus, hinein stöckeln Frauen in Kleidern und Männer im Anzug und sammeln sich im Theater im Schiffsbauch. Dort riecht es nach Teppichkleber, ein Pianist klimpert "What a wonderful day". Während die Gäste in den Saal strömen, wartet unter der Bühne - versteckt - ein schmaler Mann. 

Stahlarbeiten

Stahlarbeiten

Auf der Werft

Auf der Werft

Das ist Jan Meyer, 38, Geschäftsführer der Meyer-Werft in Turku. Die Firma seiner Familie, die Meyer Werft aus Papenburg, hat dieses Schiff gebaut. Gleich soll Meyer Junior den Neubau offiziell an die blonde Frau übergeben, die neben ihm steht und ihn um einen Kopf überragt. Die 47-Jährige heißt Wybcke Meier und leitet die Reederei Tui Cruises. Konzentriert besprechen die zwei Manager ihren Auftritt. Alles soll sitzen, wenn Meier und Meyer gleich mit der Hebebühne durch den Theaternebel hinaufgleiten. Dann soll nichts mehr an die harten Deals zwischen einem Schiffbauer und einer Touristikfirma erinnern, oder an das hartnäckige Feilschen um das 450 Millionen Euro teure Schiff oder gar an Anwälte und Verträge. Auf der Bühne soll alles so strahlen wie die gleißende Mittsommersonne draußen, die in diesen Tagen in Finnland kaum untergeht.

Mein Schiff 5 – eine "wunderschöne Lady"

Als sich der Nebel lichtet, beginnt die Schau der Artigkeiten. Mein Schiff 5 sei eine "wunderschöne Lady" gefertigt von "leidenschaftlichen Experten", schwärmt die Tourismusexpertin Meier. Er sei glücklich, wenn er glückliche Kunden habe, erwidert Ingenieur Meier und schaut leicht gequält. Ganz so, als wolle er lieber draußen auf der Werft über Stromlinien am Schiffsheck fachsimpeln, als drinnen im Theater seicht zu plaudern. Das Publikum klatscht trotzdem, es schwingt Erleichterung mit. Denn viele Reeder, Werften und Zulieferer – egal, ob in Finnland oder in Deutschland – durchleben harte Zeiten. Bau und Betrieb von Containerschiffen und Tankern stecken seit Jahren in der Krise. Auch Reisefirmen wie Tui ächzen. Weil Touristen aus Terrorangst die Türkei, Ägypten und Tunesien meiden.

Ausrüstungspier

Ausrüstungspier

Die Meyer Werft und Tui Cruises aber gehören zu den wenigen Gewinnern – und das soll bei der Übergabe in Turku zelebriert werden. Denn immer mehr Deutsche gehen auf Kreuzfahrt, im vergangenen Jahr waren es 1,81 Millionen Urlauber hierzulande. Die Zahl steigt Jahr für Jahr. Die Deutschen sind inzwischen so verrückt nach Kreuzfahrten wie sonst nur noch die Amerikaner. Die deutsche Lust auf Hochsee aber hat einen Engpass: Es gibt nicht genug Vergnügungsdampfer. Weltweit sind deshalb 56 zusätzliche Kreuzfahrtschiffe bestellt worden. Allein in diesem Jahr sollen zehn neue Hotelschiffe in See stechen. Für den deutschen Markt kommen mit der jüngst ausgelaufenen Aida Prima (Markenzeichen: roter Kussmund) und der Mein Schiff 5 zwei große Luxusliner hinzu. Die Firmen hoffen auf noch mehr Gäste. "Bis 2020 werden wir voraussichtlich drei Millionen deutsche Kreuzfahrt-Touristen haben", sagt Wybcke Meier. Wegen der Engpässe hatte Tui Cruises zuletzt zur Eile gemahnt. Das Schiff für die gut 2500 Urlauber wurde in nur 18 Monaten gebaut. Vier Monate schneller als der Vorgänger.

Am Tag nach der Feier ist die neue Fahne des Flaggenstaates Malta gehisst und die letzte millionenschwere Rate von Tui Cruises beglichen. Fertig ist der Neubau aber nicht. Hier und dort klebt ein Streifen mit gelbem Malerkrepp, per Hand ist darauf eine Zahl notiert. Hunderte Zettel bedecken die 15 Decks. Jeder steht für einen Makel. Neben dem Swimming-Pool pinselt ein Maler die Reling neu, daneben schmirgelt ein anderer den Boden glatt, ein Dritter montiert Türen. Unter den schweren Geruch nach Farbe mischt sich der Duft nach Waffeln und Leichtigkeit. An der Poolbar gießt ein Koch gelben Teig in ein Waffeleisen und testet die Geräte. Bis zum Abend muss das Schiff parat zum Auslauf sind.

Außenansicht der "Mein Schiff 5"

Außenansicht der "Mein Schiff 5"

Für die Meyer Werft ist das gute Gelingen dieser Übergabe wichtig. Vor knapp zwei Jahren hat die Familienfirma aus dem niedersächsischen Papenburg den Betrieb in Turku übernommen und den Jahrhunderte alten Schiffbauer vor dem Aus gerettet. Der Schritt nach Finnland sei richtig gewesen, betont Jan Meyer jetzt und lobt die Kompetenz Vorort. "Die Mannschaft in Turku baut mit großer Leidenschaft Schiffe." Die Deutschen sind an der Küste zum entscheidenden Arbeitgeber geworden: Auf der Mein Schiff 5 haben zuletzt bis zu 1700 Menschen gleichzeitig gearbeitet. Mit der Tochter in Turku will sich die Familie Meyer aber auch im Markt behaupten. Drei Unternehmen dominieren den weltweiten Bau von Kreuzfahrtschiffen. Das sind neben Meyer die französische Werft STX und der italienische Rivale Fincantieri. Die Meyer Werft ist zwar mit 19 Aufträgen auf viele Jahre ausgelastet – dennoch kann sie positive Nachrichten gut gebrauchen. Zuletzt hatte sich der Schiffbauer mit dem Land Niedersachsen überworfen. Trotz millionenschwerer Förderung durch das Land hatte die GmbH ihren Hauptsitz ohne Absprache nach Luxemburg verlegt. Die Familie will damit die Gründung eines Aufsichtsrats verhindern. Das Land hielt das Ganze anfangs für ein Steuersparmodell, doch darum sei es nicht gegangen, betont Jan Meyer. "Das hatte definitiv keine steuerlichen Gründe." Das Vertrauen der Landesregierung in Hannover ist dennoch bis heute erschüttert.

Tag- und Nacht-Restaurant

Tag- und Nacht-Restaurant

 

"Himmel und Meer"-Suite in der Entstehung

"Himmel und Meer"-Suite in der Entstehung

Geleitet wird die Werft in Papenburg seit Jahren von Senior Bernard Meyer. Sein Sohn Jan verantwortet den Schiffbau in Turku. Zuletzt sind seine zwei Brüder Paul und Tim ebenfalls in die Leitung der Firma eingestiegen. Diese Woche hatten Meyers bekannt gegeben, dass die Werften in Papenburg und in Turku künftig in das Eigentum von zwei Familienstiftungen übergehen. Das solle den Betrieb dauerhaft sichern und vor Übernahmen schützen, so Jan Meyer. "Wir als Familie behalten die Kontrolle, Teilverkäufe sind nicht möglich."

Am späten Nachmittag schrillen an Bord noch immer die Sägen und Bohrer rund um die vielen Klebezettel, manchmal übertönt vom Song Große Freiheit. Drei Mal, vier Mal, fünf Mal, sechs Mal dröhnt das Lied der Rockband Unheilig testweise über die Lautsprecher. Der Song ist die traditionelle Auslaufhymne der Tui-Cruises-Flotte. Als Unheilig endlich verstummt, ist plötzlich der Aufbruch zu spüren. Es ist Zeit, die Werkzeuge einzupacken. Es ist Zeit, in See zu stechen.

Leinen los: Jungfernfahrt der "Mein Schiff 5"

Leinen los: Jungfernfahrt der "Mein Schiff 5"