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Nachtzug durch Europa: Zug um Zug durch Europa

Heute Mailand, morgen München, übermorgen Paris - wer mit dem Nachtzug durch Europa rattert, reist im Schlaf. Mit den Interrail-Torturen von früher hat das nur noch ganz entfernt zu tun.

Von Stephanie Souron

Der Weg vom Niemandsland nach Deutschland führt über zwei schmale Stufen. Eben noch war der Zug das Zuhause: Während er durch die Schweizer Berge gerattert ist, in Baden-Württemberg Waggons abgehängt hat und an Frankfurt vorbeigerauscht ist, haben wir in seinem Bauch geschlafen - hoch über den Gleisen, eingemummelt in eine kuschelige Decke. Auf der Höhe von Bonn hat der Schaffner leise an die Tür geklopft und einen heißen Tee serviert. Als der Zug am Kölner Hauptbahnhof einfuhr, hing die Nacht noch über der Stadt. Der Schaffner hilft über die zwei Stufen auf den Bahnsteig, draußen wartet die Realität: Es regnet. Es ist Sonntagmorgen, 6.05 Uhr.

Schlafen nur nach Zugfahrplan

Wer im Nachtzug der Deutschen Bahn durch Europa reist, muss nach dem Fahrplan schlafen. Doch die Belohnung dafür ist ein großes Abenteuer. Eine Reise quer durch vier Länder, über 5827 Kilometer Schienen: von Hamburg über Zürich, Köln, Mailand, München und Berlin bis nach Paris. Geschlafen wird im rollenden Hotel, jeden Morgen wartet eine neue Stadt darauf, entdeckt zu werden. Im Gepäck lagern sechs Reiseführer und eine Flasche Bier - falls es mit dem Einschlafen mal nicht klappen sollte. Denn zugegeben, das Ganze ist auch ein bisschen verrückt. Von Zürich nach Mailand brauchte ein Zug vier Stunden, doch für die Nachtruhe ist der kleine Umweg über Köln vonnöten. Inklusive einer Ankunft zu unchristlicher Zeit.

Die Stadt Köln allerdings ist sonntags auch schon vor dem Morgengrauen wach. Während die letzten Lack-und-Leder-Fetischisten über den Domplatz heimwärts torkeln, wird in der Sakramentskapelle die erste Messe gefeiert. Unter den Frühaufstehern finden sich Obdachlose wie wir, die dem Gleichnis vom verlorenen Sohn im Halbschlaf lauschen. Gebetet wird im Akkord. Als die Orgel um kurz vor acht zum Auszug bittet, warten an der Türe schon die Besucher für die nächste Messe.

"Wir gehen in jedes Brauhaus rein"

Draußen peitscht der Regen über den Domplatz, ein Frühstück wäre jetzt das Größte. Doch vor 8.30 Uhr schenkt in der Altstadt niemand Heißgetränke aus. Dafür kann man in Köln ohne schlechtes Gewissen direkt vom Frühstück zum Frühschoppen übergehen. "Bei diesem Wetter machen wir lieber eine Rhein-Tour", sagt Angelika, die sich mit Hut und roter Rose tapfer durch die Stadtführung kölscht. "Wir gehen in jedes Brauhaus rein." Die "Früh"-geschichte der Stadt interpretiert sie biergemäß, und als wir zwei Stunden später die "Malzmühle" verlassen, ist nicht nur der Pegel des Rheins leicht angestiegen. Wer quer durch Europa fährt, muss mit allen Wettern rechnen. Gestern in Zürich hatte die Sonne noch gestrahlt, als wir auf den Uetliberg gewandert sind und auf der Terrasse einer urgemütlichen Hütte Dinge aßen, die sich "Sbrinzmöckli", "Buureschüblig" und "Geisschäs" nannten.

"Gehen Sie doch in die Sauna", hat Angelika in Anbetracht von Regen und Reinlichkeit geraten. Natürlich kann man auch in den Zügen duschen. Aber die Nasszelle ist einen halben Quadratmeter groß, und wer einmal die "Kein Trinkwasser"-Warnung gelesen hat, zweifelt an dem Säuberungseffekt der mobilen Brause. Und so sitzen wir eine Stunde später zwischen nackten Kölner Körpern und lassen uns beim Aufguss Birkenzweige auf den Rücken schlagen. An diesem Abend wiegt das gleichmäßige Rattern des Zuges noch schneller in den Schlaf. Bekennende Nachtzugfans wie Atnan Gök sagen, dass nächtliches Zugfahren wie ein Ausflug ins Niemandsland sei. "Die Welt rauscht an dir vorbei, und du liegst im Bett und genießt." Atnan Gök, 44, ist Nachtzugschaffner auf dem Weg nach Mailand. Am liebsten fährt er die Strecke nach Bozen, "wegen der Landschaft, auch nachts". Er sagt, dass im Nachtzug immer was passiert. "Das Leben schläft nicht." Er hat in seinen 25 Dienstjahren Geburtshelfer gespielt und Rettungssanitäter. Einmal ist auf halber Strecke eine Dame aus dem Bett gefallen. Als am nächsten Bahnhof der Krankenwagen wartete, weigerte sie sich auszusteigen. Und ein älterer Mann hat kürzlich seine Jugendliebe wieder getroffen, nach über 30 Jahren. "Da war vielleicht was los im Waggon", sagt Gök.

Zollbeamter stürmt das Abteil

Am nächsten Morgen wummert jemand heftig gegen die Tür. Für gewöhnlich weckt der Schaffner mit leisem Klopfen, manchmal auch per Kabinentelefon. Und sowieso: Sollte der Zug nicht erst in ein paar Stunden in Mailand einrollen? Nach einem Blick aus dem Fenster wird klar: Wir stehen in Chiasso, an der schweizerisch-italienischen Grenze. Die wummernde Faust gehört einem italienischen Zollbeamten, der mitsamt Schäferhund das Abteil stürmt. Der vierbeinige Schnüffler verteilt professionell den Inhalt meiner Reisetasche auf dem Fußboden, der Zöllner durchwühlt derweil die Taschen der Mitreisenden. Plötzlich seufzt er und zerrt den Hund aus dem Abteil. Das Biest ist wohl nicht zum ersten Mal auf "pellicole", stinknormale Kleinbildfilme, angesprungen. "Scusi", sagt der Zöllner und wummert gegen die nächste Türe.

In Mailand trägt der caffè einen dicken Schaum, und während sich die Italiener ihr Cornetto auf dem Weg zur Arbeit eilig zwischen die Zähne schieben, können wir in aller Ruhe dem Koch zuschauen, wie er seine Tramezzini dick mit Rucola und Mozzarella belegt. Nach dem zweiten Cappuccino ist der Abenteuergeist geweckt, der Weg ins Zentrum führt vorbei an kleinen Boutiquen mit unerschwinglich teuren Schuhen. Vor der Scala lichten japanische Touristen ungefähr 200-mal pro Minute die Statue Leonardo da Vincis ab. Eine Reiseführerin zeigt ihrer Gruppe Postkarten, auf denen das Interieur der Oper zu sehen ist. In nicht besonders beeindruckendem Englisch erklärt sie die Sitzanordnung des Theaters. Die Japaner nicken ehrfürchtig. Zutritt zu dem Opernhaus bekommt man nur mit Eintrittskarte für eine Vorstellung, und diesmal ist der Gott der Reisenden uns hold. Das Orchester der Scala lädt am Nachmittag zum Konzert.

Um die Wartezeit zu überbrücken, besteigen wir das Dach des Doms. Der Blick von oben ist fantastisch, unter den Arkaden wuseln die Menschen, und in der Ferne leuchten die schneebedeckten Alpengipfel in der Sonne. Zum ersten Mal auf dieser Reise fühlen wir uns weit weg von zu Hause, und daran ist vielleicht auch der Risotto von "Don Lisander" schuld, zu dem uns eine alte Nonna schickt. Sie konnte aus enttäuschten Gesichtern lesen: Montags sind die meisten Museen geschlossen, da Vincis "Letztes Abendmahl" muss ohne uns stattfinden. Als der Zug an diesem Abend den Bahnhof verlässt, klingt das Rattern wie Musik. 15 Stunden später sitzen wir im Münchner Hofbräuhaus und zuzeln an einer blassen Weißwurst. Über dem Stammtisch warnt ein Schild: "Durst ist schlimmer als Heimweh", und die Blaskappelle spielt dazu deutsche Ufftata-Musik. Die Nächte im Zug zeigen erste Wirkung. Seit dem Morgen schwankt das Festland. Ursprünglich wollten wir heute einen auf Sommer machen - mit dem Radl an der Isar entlang zu den Biergärten fahren. Doch der Eisregen eröffnete neue Perspektiven. Im Planetarium des Deutschen Museums erkunden wir den Weltraum.

Das Schöne an dieser Reise ist, dass man sich in jeder Stadt irgendwie zu Hause fühlt. Normale Touristen klappern das Standardprogramm ab, wir aber benehmen uns fast wie die Einheimischen. Wir baden im Schwimmbad (wegen der Duschen), hängen in Cafés ab und gehen zusammen mit den Senioren in die Nachmittagsvorstellung des örtlichen Kinos. Es ist eine sehr charmante Art, sich mit der Stadt bekannt zu machen. Und seine alten Freunde, die man schon immer mal besuchen wollte, auf ein Glas Wein zu treffen. Ausufernd wurden die Begegnungen nie, denn abends wartete das rollende Hotel stets am Gleis. Die Schaffner sind die neuen Freunde. Sie grüßen mit Handschlag, man kennt sich von der letzten Fahrt.

Nachtzugreisende sind ein spezielles Volk. Manche verbringen die halbe Nacht an der Bar des Speisewagens, andere verkriechen sich gleich nach der Abfahrt in ihrem Abteil. "Ich lese nirgendwo so gerne wie im Nachtzug", sagt ein französischer Geschäftsmann, der mitsamt Gattin auf der Fahrt von Berlin nach Paris das Nebenkompartiment belegt. Der Stress falle von ihm ab, sobald er das gleichmäßige Ruckeln der Räder unter sich spürt. "Das ist wie eine Therapie." Es geht in den Endspurt. Noch einen Tag, noch eine Stadt. In Berlin, sorry, hatten wir einen kleinen Durchhänger: Reichstag und Brandenburger Tor haben wir nur aus der Perspektive des Touristenbusses gesehen und danach lieber ein Tässchen Tee in der Feinkostabteilung des KaDeWe geschlürft. Als der Zug Berlin verließ, prallten dicke Regentropfen an die Fenster.

In Paris entblättern sich die frischen Croissants im Mund, und die Clochards sind so globalisiert, dass sie bei Bedarf auch fließend Deutsch sprechen. Der Blick hinunter vom "Arc de Triomphe" kostet acht Euro, dafür ist das Gefühl überwältigend. Die ganze Zeit haben wir uns durch die Welt bewegt, hier dreht sich die Welt um uns. Auf dem sechsspurigen Kreisel am "Place de l'Étoile" verständigen sich Autofahrer mit Hupen und Handzeichen. Die Leute hetzen, wir genießen: Den Besuch auf dem Friedhof Père Lachaise und im Jardin du Luxembourg, wo die Rentner Boule spielen. Champs-Elysées, Notre Dame, Marais-Viertel - in dieser Stadt finden die Füße den Weg von allein. Als die Dämmerung hereinbricht, wird die Seele wehmütig. Die letzte Fahrt. Der Schaffner wünscht angenehme Nachtruhe. Das Rattern fügt sich in die Träume ein. Unsere Bierflasche lagert noch verschlossen in der Reisetasche - eine Einschlafhilfe haben wir auf dieser Reise nicht gebraucht.

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