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Spitzentreffen nach Flugchaos: Die Lehren aus der Aschewolke

Während die Aktivität des Vulkans auf Island abgenommen hat, sorgt die Aschewolke weiterhin für politischen Zündstoff. In Berlin wird heute Nachmittag über Konsequenzen debattiert.

Von Till Bartels

Was macht eigentlich der Vulkan Eyjafjallajökull auf Island? Die Eruptionen sind zwar schwächer geworden und seit gut einer Woche spuckt er keine Asche mehr nach Europa, in den Tiefen grummelt es allerdings noch. "Auch wenn wir in Europa nicht mehr direkt betroffen sind, die Eruptionen gehen weiter", sagt Bernd Zimanowski, Geophysiker an der Universität Würzburg. Zwar sind sie weniger hoch und enthalten nicht mehr so viel Asche, aber nach den Schätzungen des Vulkanologen dürften sie noch einige Zeit andauern. Insgesamt ist es zwar ruhiger um den Eyjafjallajökull geworden, doch in Deutschland sorgt er noch immer für Zündstoff.

Nach dem nahezu kompletten Stillstand des europäischen Flugverkehrs wird hierzulande an einem Plan gearbeitet, wie in Zukunft mit Vulkanausbrüchen umgegangen werden soll. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hat heute Nachmittag zu einem Gespräch eingeladen, an dem Vertreter von Fluggesellschaften, der Flugsicherung, des Wetterdienstes, des Bundes-Luftfahrtamtes und der EU-Kommission teilnehmen. Ziel soll eine engere Abstimmung zwischen Politik, Wirtschaft und den Behörden sein - damit ein Chaos wie in den vergangenen Wochen nicht wieder vorkommt.

Denn vieles ist seit dem Ausbruch des Eyjafjallajökull nicht optimal verlaufen. Zwar gab es ein Frühwarnzentrum in London, unter Leitung der Uno-Zivilluftfahrtsbehörde IACO. Dieses schlug auch vor knapp zwei Wochen Alarm. Doch in dem Notfallplan klafften erhebliche Lücken: So gab es keine Angabe darüber, ab welcher Konzentration die Asche für Flugzeuge überhaupt gefährlich ist. Auch wann der Flugbetrieb wieder aufgenommen werden kann, war offen - und das Chaos programmiert.

Airlines prüfen Schadenersatzforderungen

Die Fluggesellschaften hatten daher das tagelange Flugverbot über weiten Teilen Europas scharf kritisiert. Einige Airlines prüfen derzeit Schadenersatzforderungen. "Es ist nur angemessen, dass diejenigen, die uns einen Schaden verursacht haben, dafür zahlen", sagte Peter Malanik, Chef von Austrian Airlines. Auch die Lufthansa behält sich Regressansprüche vor. "Wir werden sicherlich nicht vorpreschen, aber natürlich müssen wir als Industrie schauen, wie wir jetzt weiter vorgehen", sagte Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber. Air Berlin wollte zunächst Bilanz über die Auswirkungen der Aschewolke ziehen und dann prüfen, ob sie eventuelle Hilfszahlungen der EU in Anspruch nimmt.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer hat die Kritik zurückgewiesen und betont, Sicherheit sei für ihn das oberste Gebot. Dennoch will er als Konsequenz aus dem Flugchaos die internationalen Regelwerke zur Flugsicherheit prüfen lassen. "Ich möchte, nachdem diese Krise bewältigt worden ist, eine Arbeitsgruppe oder einen runden Tisch einsetzen, um die Lehren aus diesen Problemen zu ziehen", so der Minister.

Für Ramsauer und die Vertreter der Luftfahrt, des Wetterdienstes und der EU-Kommission ist daher heute viel zu tun. Bei dem Treffen soll es vor allem um verbindliche Standards und Grenzwerte gehen. Ab wann ist Vulkanasche in der Luft gefährlich? Wer sperrt wann den Luftraum und aufgrund welcher Messungen? "Wir würden es natürlich begrüßen, wenn ein europaweites Messsystem aufgebaut wird, mit dem die Aschekonzentration in der Luft nachgewiesen werden kann", heißt es beim Deutschen Wetterdienst, der heute ebenfalls mit am Tisch sitzt. "Ob sich das finanziell allerdings lohnt, ist zu bedenken."

Zunächst soll laut Bundesregierung auf internationaler Ebene eine Obergrenze für die Konzentration von Vulkanasche in der Luft festgelegt werden, die europaweit einheitlich regelt, wann der Luftraum gesperrt werden soll. Vor dem heutigen Treffen sagte der Minister, es dürfe nicht bei dem derzeitigen "Flickenteppich" in Europa bleiben. Bei den Grenzwerten gebe es erheblichen Handlungsbedarf. Deshalb wird am 4. Mai ein Sonderrat der EU-Verkehrsminister zusammenkommen, wie Ramsauer ankündigte.

Europaweite Lösung gesucht

Doch auch die Luftfahrtindustrie trägt ihren Anteil am Chaos. Auch sie hatte sich jahrelang gesperrt, Grenzwerte festzulegen. Triebwerks- und Flugzeugbauer hatten sich dagegen gewehrt, auch um Regressforderungen von Fluggesellschaften bei möglichen Reparaturen abzuwiegeln. Laut Turbinenhersteller General Electric sei eine Konzentration von 100 Mikrogramm pro Kubikmeter unbedenklich. Erste Messungen nach dem Ausbruch des Vulkans über Deutschland hatten ergeben, dass die Werte zwischen 20 und 125 Mikrogramm lagen. Allerdings ist Asche nicht gleich Asche: Je nach Lavaanteil kann der Schmelzpunkt über oder unter der Betriebstemperatur eines Triebwerks (1400 Grad Celsius) liegen. Durch das befürchtete Schmelzen in den Brennkammern kann es zur Verklebung an den Schaufeln, zum Leistungsverlust und Ausfall der Triebwerke kommen.

Seit dem Ausbruch ist Bewegung in die Sache gekommen: Als Sofortmaßnahme hatte bereits Ende letzter Woche das Luftfahrt-Bundesamt (LBA) in Braunschweig einen Fünf-Punkte-Plan für die Fluggesellschaften veröffentlicht. Zu dem Masterplan gehören eine Erhöhung der täglichen Kontrollen und Wartungsintervalle an den Maschinen, die durch "geringfügig kontaminierte Lufträume" geflogen sind sowie eine zentrale Meldepflicht bei Auffälligkeiten durch Vulkanasche beim LBA.

Es rumort weiter

Während Deutschland über ein besseres Krisenmanagement debattiert, rumort der Vulkan auf Island weiter. "Die Magmaquelle ist noch nicht erschöpft, zwischendurch gab es sogar Hinweise, dass die Produktion zugenommen hat", meint Zimanowski. Aus dem Erdmantel steige im Vulkan neues Magma auf, sagt auch der Geologe Lothar Viereck-Götte von der Universität Jena. "Ob es in der Kruste stecken bleibt und seitliche Risse auffüllt oder die Erdoberfläche erreicht, kann nicht vorhergesagt werden."

Um mehr Informationen darüber zu gewinnen, wie sich das Magma im Inneren des Vulkans verbreitet, beobachten isländische Wissenschaftler mit Neigungsmessern und GPS-Stationen, wie sich die Oberfläche des Vulkans verformt. Was zurzeit aus dem Eyjafjallajökull herauskommt, gleicht Zimanowski zufolge mehr einem Feuerwerk. "Glühendes Magma wird hoch geschleudert, zusammen mit grobkörnigen Partikeln, die wieder schneller zu Boden sinken", sagt er. Dass die Eruptionen nicht mehr so explosiv sind wie in den vergangenen Tagen liegt dem Wissenschaftler zufolge daran, dass kaum mehr Schmelzwasser als Treibstoff vorhanden ist und mit dem Magma in Kontakt kommen kann. "Der Gletscher ist allerdings nicht gänzlich geschmolzen, sobald wieder Wasser zufließt, kann der Spuk weitergehen", befürchtet Zimanowski. Sollte das Spitzengespräch erfolgreich sein, ist Deutschland dann und in Zukunft hoffentlich besser vorbereitet.

mit lea/DPA/Reuters / DPA / Reuters

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