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"Markus Lanz" Mit "nebulöser Rhetorik" ins Kanzleramt" – über die Verfehlungen der Union

Markus Lanz 30. September
Markus Lanz mit seinen Gästen: Peter Ramsauer, Thorsten Frei, Helene Bubrowski, Heiner Bremer (v.l.)
© Screenshot ZDF
Polit-Talk oder Comedy? Bei "Markus Lanz" räumen Unionsvertreter ein, dass Markus Söders Sticheleien "auch die Bayern" verärgert hätten. Und deuten an, dass sie nichts gegen eine nächste große Koalition hätten.
Sylvie-Sophie Schindler

Olaf Scholz hat die Wahl gewonnen, Herr Ramsauer, das ist doch eindeutig, dann kann man das doch auch mal aussprechen. Markus Lanz ließ nicht locker. Ein Bekenntnis zum Sieg der SPD wird einem Unions-Politiker doch zu entlocken sein. Die SPD hat gewonnen? Peter Ramsauer blieb stur. Wenn man Olaf Scholz heiße, könne man sagen, dass man einen Vorsprung hätte, aber mehr auch nicht.

Aus Sicht der Union hat also wer gewonnen? Herr Lanz, was wollen Sie eigentlich, es gibt niemanden, der an erster Stelle steht, und jetzt hören Sie bitte mal auf, die Leute in den Schwitzkasten zu nehmen, was soll denn das, wer hat gewonnen, wer hat gratuliert, wir müssen uns um ganz andere Dinge kümmern: "Alle vier Parteien haben jetzt den Auftrag, vernünftig miteinander zu sprechen." Man könne aber auch mal gratulieren, insistierte Lanz.

Es diskutierten:

  • Heiner Bremer, Journalist
  • Helene Bubrowski, Journalistin
  • Thorsten Frei, stellvertretende Unionsfraktionschef
  • Peter Ramsauer, CSU-Politiker

"Man müsste schauen, wie man die Grünen domestiziert"

Markus Söder hat ja abgesagt, wissen Sie das, Herr Ramsauer, kurzfristig abgesagt, sonst wäre der heute in der Sendung. Nein, Herr Lanz, das weiß ich nicht. Warum hat der abgesagt? Ich weiß es nicht. Aber Söder, der verhandelt doch schon längst heimlich mit Habeck? Kann sein, Herr Lanz, in der Liga spricht man ja irgendwie immer miteinander, das ist ja auch nicht verboten, man hat ja die Nummern: "Wenn man zehn Mal mit Lindner redet, kann man auch einmal mit Habeck reden."

Mit Habeck reden, das machen Sie nicht so gerne? Wissen Sie, bei den Liberalen ist es klar, da steht die Freiheit an erster Stelle. Aber bei den Grünen, da ist das nicht so. "Die haben eine zutiefst antiliberale Grundhaltung und müssen anderen was vorschreiben", fuhr Ramsauer fort. Und das missfalle ihm. Er würde nicht gegen Jamaika stimmen. Aber: "Man müsste schauen, wie man die Grünen domestiziert."

Ohnehin, auch eine Große Koalition wäre wieder möglich, so Ramsauer. Große Koalition, im Ernst? Warum nicht, meinte Ramsauer gelassen. "Bei einem anständigen Sozi weiß man, was man hat." Und: "Wir brauchen keine Opposition zur Regeneration." Man habe doch außerdem Politiker wie Dobrint und Scheuer, "aus unserer Talentschmiede." Nein, keine Ironie.

Sticheleien bei den Schwesterparteien

Lanz ließ das mit dem Gratulieren nicht los: "Der Söder hat übrigens gratuliert". Und setzte feixend nach: "Hatte Söder was anderes im Sinn?" Ramsauer lächelte hintergründig. Journalistin Bubrowski analysierte, dass Söder Scholz nicht gratuliert habe, um Scholz zu gratulieren, sondern "weil er Laschet richtig hinten eins in die Kniekehlen geben wollte." Ramsauer: "Das ist politisches Grundrepertoire." Bubrowski: "Aber doch nicht unter Schwesterparteien."

Ramsauer: "Wir müssen als CSU gleichzeitig Regierung und Opposition sein, da gibt es gewisse Unwuchten." Bubrowski: "Was muss noch passieren, damit sich Söder mal am Riemen reißt?" Ramsauer gab zu verstehen, dass das doch nichts Neues sei zwischen CSU und CDU, warum also dieser Aufruhr? Aber Söder, der hat doch im Wahlkampf Laschet geschadet? Wollte Lanz wissen. Ramsauer: "Es wäre unfair, alle Schuld bei Laschet abzuladen, es sind auch hausgemachte Dinge dabei." Und das liegt an Söder? "Hausgemacht", wiederholte Ramsauer. Später räumte er ein, Sticheleien, wie sie Söder vorgeworfen würden, "mögen die Bayern irgendwann auch nicht mehr."

Auf keinen Fall von der Schmollecke in die Opposition

Und die Sache mit Ralph Brinkhaus. Der wurde als Fraktionsvorsitzender der Union in seinem Amt gerade bestätigt, aber nur bis April. Was sagen Sie dazu? Ja, das sei schon "sehr merkwürdig" , kommentierte Ramsauer. Und legte nach: "Ich war sehr überrascht, ich habe nur noch den Kopf geschüttelt, wo sind wir eigentlich, ich kenne die Geschäftsordnung auswendig, und da kommt der auf einmal mit sechs Monaten daher, mit sieben Monaten."

Lanz: "Das hat den Beigeschmack eines Verfallsdatums." Ramsauer warf ein, klar, man könne sich das schon erklären. Sollte die CDU in derOppositon landen, so führte er weiter aus, wolle man erneut eine Entscheidung treffen können, ob Brinkhaus der richtige Oppositionsführer sei. Lanz: "Ist er das nicht?" Das müsse sich entscheiden. Zuvor hatte Ramsauer deutlich gemacht, dass man aber "nicht in die Schmollecke" gehen wolle, um dann in der Opposition zu landen.

Der volle Terminkalender der Union

Naja, aber wieso hängt man sich dann nicht so richtig rein? Man hat ja schon den Eindruck, die CDU reiße sich nicht gerade ums Regieren. Die FDP hatte der CDU ein Gespräch am Samstag angeboten – am Sonntag sollten dann die Gespräche mit der SPD stattfinden. Nun hat man sich mit der CDU auf Sonntagabend geeinigt. "Es wäre schön gewesen, es vor den Gesprächen mit der SPD zu machen, also 24 Stunden vorher", räumte CDU-Politiker Frei ein. "Ich hätte mir die Zeit genommen", Lanz: "Und Sie haben keine Ahnung, warum die anderen keine Zeit haben?" Ramsauer: "Mein Gott, wir stochern hier herum."

Lanz: "Herr Ramsauer, warum hat Söder keine Zeit?" Ramsauer: "Fragen Sie ihn bitte selbst." Naja, so Lanz, es gehe doch nicht darum, einen Termin zu finden, um gemeinsam wandern zu gehen, es gehe um eine Regierungsbildung. Unverständnis auch bei Bubrowski: "Was ist denn in dieser Partei los, die es nicht hinbekommt, sich am Samstag, und sei es nur zwei Stunden, mit den FDP-Kollegen zu treffen? Was hat die Union am Samstag Wichtigeres zu tun?" Auch Bremer: "Das leuchtet mir auch nicht ein." In dieser "volatilen" Situation dürfe es nichts Wichtigeres geben als das Angebot der FDP sofort anzunehmen.

Mit einem Thema hätte die CDU im Wahlkampf besser abgeschnitten

Wäre alles anders gekommen, wenn die CDU auf das Thema Migration gesetzt hätte? Die Migration also als verpasstes Wahlkampfthema? Wie man jetzt darauf kommt? Glaubt das jemand ernsthaft? Ja, Frei tut das wohl. Er beklagte ein "dramatisch schlechtes Wahlergebnis". Und dachte laut nach: "Wir haben nicht über Migration gesprochen, das hätte man gut machen können." Zudem hätte man die auch mit dem "christlichen Menschenbild der CDU" punkten können.

Aber, so Frei weiter: "Wir haben zu lange geglaubt, wir können mit nebulöser Rhetorik möglichst viele Menschen erreichen." Wie bitte? Ist das jetzt noch Polit-Talk oder bereits Comedy? Auch Lanz glaubte, sich verhört zu haben: "Sie dachten, Sie kommen mit nebulöser Rhetorik ins Kanzleramt?" Und Laschet? "Laschet ist momentan der richtige Parteivorsitzende", sagte Frei. Lanz witterte ein, wie er sagte, "Verfallsdatum". Momentan – was heißt das? Wie lange noch? Eine klare Antwort kam nicht. Frei flüchtete sich stattdessen in nebulöse Rhetorik.


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