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Rauswurf von Flavio Briatore: Der letzte Selfmade-Macho

Renault gesteht den fingierten Unfall von Singapur und feuert mit Teamchef Flavio Briatore eine der schillerndsten und erfolgreichsten Persönlichkeiten der Formel 1. Wie Briatore vom Playboy zum Betrüger wurde.

Von Juha Päätalo

Um die Ära Flavio Briatore zu beenden, brauchte sein Arbeitgeber nur drei Sätze. "Das ING-Renault-F1-Team wird die von der Fia vorgebrachten Anschuldigungen bezüglich des Grand Prix von Singapur 2008 nicht bestreiten. Es möchte mitteilen, dass der Teamchef Flavio Briatore und der Chefingenieur Pat Symonds das Team verlassen haben. Vor der Anhörung vor dem Fia-Weltrat am 21. September wird das Team keinen weiteren Kommentar abgeben."

Briatore, die schillerndste Figur der Formel 1: ein Betrüger. Ihm wird vorgeworfen, zusammen mit Symonds seinen Ex-Piloten Nelson Piquet junior in Singapur 2008 aufgefordert zu haben, in Runde 14 absichtlich einen Unfall zu verursachen, damit Fernando Alonso, der zweite Pilot des Teams, von der Safety-Car-Phase profitiert und das Rennen gewinnt.

Ruf ruiniert

Was auch geschah. Briatore hatte bisher alles bestritten und Piquet wegen Verleumdung angezeigt. Dass ihn nun sein eigenes Team entlässt und die Anschuldigungen nicht mehr bestreitet, kommt einem Schuldeingeständnis gleich.

Es markiert zugleich den verzweifelten Versuch von Renault, trotz schwerer Regelverstöße weiter an der Formel 1 teilnehmen zu dürfen. Am vergangenen Wochenende hatte Max Mosley, Noch-Präsident des Weltverbands Fia, in Monza verkündet, dass die Manipulation eines Rennens schlimmer sei als der Spionagefall 2007 bei McLaren-Mercedes - und Renault deswegen möglicherweise von der WM ausgeschlossen wird.

Anfang dieser Woche soll er Symonds Straffreiheit zugesichert haben, falls der auspackt. Wahrscheinlich hat er genau das getan. Dass Renault nun Briatore und Symonds entließ, könnte auf einen Kuhhandel hindeuten: Renault darf bleiben, wenn die Sündenböcke gehen. Ähnliches gab es schon mal bei der Lügenaffäre von Lewis Hamilton, als McLaren-Boss Ron Dennis zurücktrat. Obwohl Dennis und Fia bis heute jeglichen Zusammenhang bestreiten, ist das Vorgehen im Fahrerlager als ein selbstverständliches Teil von Mosleys Machtsystem bekannt.

Durch das Schuldeingeständnis von Renault ist Briatores Ruf endgültig ruiniert. Für die Formel 1 ist sein Ende aber auch ein Verlust. Er galt nicht nur als äußerst erfolgreicher Teamchef - unter seiner Regie gewannen Michael Schumacher (1994/95) und Fernando Alonso (2005/06) insgesamt vier WM-Titel - sondern auch als Ikone der Szene.

Arroganz noch positiv besetzt

Keiner verkörpert den Lifestyle der Formel 1 so wie der Italiener, zu dessen Freundinnen Naomi Campbell und Heidi Klum gehörten und der auf Sardinien einen Nobelnachtklub besitzt. In einer Zeit, in der Fahrer nur brave Hochleistungssportler sind und dank PR-Schulung stets belangloses Zeug reden, war Briatore so etwas wie der letzte Vertreter der aussterbenden Spezies Selfmade-Macho, für den Arroganz noch positiv besetzt ist.

Offenbar hat Briatore schon geahnt, dass ihm diese Affäre zum Verhängnis werden kann. Seine Gegenangriffe in Monza, etwa die Andeutung, Piquet habe eine homosexuelle Beziehung gehabt, waren selbst für Briatore außergewöhnlich deutlich unterhalb der Gürtellinie. Offenbar hatte Briatore die Wut von Piquet unterschätzt, der sofort nach seiner Entlassung die Fia kontaktierte und die Affäre ins Rollen brachte. Auch ansonsten nahm Piquet kein Blatt mehr vor den Mund. "Flavio hat keine Ahnung und redet nur sinnloses Zeug. Das Team könnte gut ohne ihn zurechtkommen", lästerte der Fahrer. Da Briatore aber alle Fäden in der Hand hatte, taumelt das Team nun führungslos Richtung Singapur. Falls es überhaupt antreten darf. Das entscheidet der Fia-Weltrat am Montag.

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