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Unter falscher Identität gespielt "Menschenhandel": Die Geschichte des VfB-Spielers Mvumpa offenbart dunkle Seite des Profi-Fußballs

Silas Katompa Mvumpa geriet mit 18 Jahren in die Fänge eines Spielervermittlers oder genauer gesagt: eines Menschenhändlers
Silas Katompa Mvumpa geriet mit 18 Jahren in die Fänge eines Spielervermittlers oder genauer gesagt: eines Menschenhändlers
Silas Katompa Mvumpa spielte beim VfB Stuttgart zwei Jahre lang unter einer falschen Identität, die ihm ein Spielervermittler verpasst hatte. Der Fall offenbart, wie skrupellos im Fußball mit Talenten umgegangen wird.

Der 18-Jährige aus Kinshasa war ein vielversprechendes Talent. Der belgische Klub RSC Anderlecht lud Silas Katomba Mvumpa deshalb aus der Hauptstadt des Kongo nach Belgien zu einem Probetraining ein. Das war die große Chance für den jungen Spieler, sich den Traum von einer Karriere in einer der großen europäischen Ligen zu erfüllen. Es lief gut. Der RSC Anderlecht war an einer Verpflichtung interessiert. Dafür sollte das junge Talent zurück nach Kinshasa reisen, um sich ein neues Visum zu besorgen.

Genau an dieser Stelle der Geschichte sprach offenbar ein sogenannter "Läufer" Mvumpa an und setzte ihn massiv unter Druck. Er warnte ihn davor, zurück nach Kinshasa zu reisen. Er werde vielleicht nie wieder nach Europa zurückkehren können. Mvumpa hat wahrscheinlich gedacht, dass sein Traum von einer großen Fußball-Karriere zu platzen drohte. Über den "Läufer" gelangte Mvumpa an einen Spielervermittler in Paris. Der besorgte ihm neue Papiere und eine neue Identität und brachte ihn beim FC Paris in der 2. französischen Liga unter. Dazu muss man wissen: Ein Spieler mit neuer Identität ist attraktiv, weil der potenzielle neue Klub dann keine Entschädigungszahlungen an den Verein entrichten muss, aus dem er kommt.

Spielervermittler "verwaltete" das Gehalt

Der junge Profi spielte nun unter dem Namen, unter dem ihn die deutschen Fans kennenlernten: Silas Wamangituka. Zugleich wurde er in seinen neuen Ausweispapieren ein Jahr jünger gemacht (in Wahrheit ist er 22 statt 21). Damit war er dem Spielervermittler ausgeliefert, der ihn damit erpressen konnte. Phasenweise habe der Spielervermittler das Bankkonto Mvumpas unter seiner Kontrolle gehabt und dessen Papiere einkassiert.

Der Sportdirektor des VfB Stuttgart, Sven Mislintat, erzählte die Geschichte so, wie sie Mvumpa berichtet hat. Und sie ist glaubwürdig. Der Verein hat die Berichte seines Spielers nachvollziehen können, unter anderem über Ausweisdokumente wie die Geburtsurkunde. Zudem entspricht sie einem Artikel der französischen Tageszeitung "L'Equipe"die im Dezember 2019 bei Recherchen zu einem gleichen Ergebnis kam, aber niemand wollte das damals glauben, auch weil die gefälschten Papiere einer Überprüfung standhielten. 

Seit zwei Jahren spielt Mvumpa mittlerweile bei den Schwaben. Mitte Mai offenbarte er sich der Klub-Führung: "Wie ein Häufchen Elend" habe der Angreifer dort gehockt, erinnerte sich Mislintat. Sein Urteil über die Praxis der Spielervermittler fällt eindeutig aus: "Wenn man es mit der Überschrift Menschenhandel beschreibt, dann kommen wir dem Thema schon sehr nah." Mislintat erhofft sich vom dem Geständnis Mvumpas, dass diese dunkle Seite des Fußballs stärker beleuchtet wird. "Wenn wir dazu beitragen, dass Jungs ihre Geschichten erzählen, haben wir etwas erreicht", sagt der Sportdirektor. Es handle sich wohl leider um keinen Einzelfall.

Fußball-Klubs tragen eine Mitschuld

Fußball-Klubs tragen an dem Geschäftsgebaren eine Mitschuld. Für sie ist es eine einfache Art, große Talente günstig zu verpflichten. Nicht so genau hinzuschauen, reicht dann schon, um das Geschäftsmodell zu fördern.

Der VfB Stuttgart ging nach dem Geständnis Mvumpas umgehend in die Offensive. "Wir haben sofort, nachdem Silas sich uns anvertraut hatte, alle aus unserer Sicht nötigen Maßnahmen eingeleitet und die zuständigen Stellen eingeschaltet", sagte VfB-Chef Hitzlsperger. Konsequenzen für den Profi fürchten die Schwaben nicht. Nach juristischer Bewertung des Sachverhalts gehe man davon aus, "dass Silas im Besitz einer gültigen Spielberechtigung war und weiter ist". Außerdem rechnet der VfB damit, dass Silas zu gegebener Zeit eine neue, auf seinen richtigen Namen lautende Spielberechtigung bekommen werde.

Quellen: DPA, "Süddeutsche Zeitung", "Tagesspiegel", "Die Zeit"

tis

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