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1. Bundesliga: Dreamteam Borussia Mönchengladbach

Ein Torhüter mit Schauspieltalent, ein Stürmer mit feuerrotem Kopf, ein Libero, der es sich mit dem großen Beckenbauer verscherzte und zwei Spieler, die mit dem Trainer in den Urlaub fuhren, sind das Grundgerüst unserer Jahrhundertelf von Borussia Mönchengladbach.

Bei einem Club mit über hundertjähriger Tradition, dessen Erfolge sich jedoch fast ausnahmslos in einem einzigen Jahrzehnt ereigneten, fällt es schwer, eine Jahrhundertelf aufzustellen, ohne gerade diese Erfolgsepoche allzu sehr überzubetonen und die Jahrzehnte davor oder danach völlig außer Acht zu lassen.

Gemessen an den fünf Meisterschaften, zwei UEFA Cups und einem DFB-Pokal, die Borussia Mönchengladbach zwischen 1970 und 1979 gewann, machen sich die beiden Pokalsiege 1960 und 1995 zwar nur bescheiden aus, sollten sich aber ebenfalls als Meilensteine in der Clubhistorie in einer All Star-Mannschaft niederschlagen. 

Natürlich besteht auch unser Grundgerüst aus legendären 70er-Fohlen, die Elf wird aber komplettiert durch weitere Namen aus weniger erfolgreichen Epochen. Entscheidend hierbei ist letztlich auch die Bedeutung, die die einzelnen Spieler zu ihrer Zeit für den Club gehabt und noch heute haben. Härtefälle gibt es auch diesmal. Aber so ist das eben, wenn es einfach zu viele Spieler gibt, die - um es mit der Standardfloskel unseres Lieblings-Sky Kommentators Torsten Kunde zu sagen - "natürlich 'ne Menge Qualität haben“.

Matthäus und Wuttke sind raus

Vom fußballerischen Können her hätten Lothar Matthäus und Wolfram Wuttke diese sicher auch gehabt, für einen Platz in der Jahrhundertelf kommen sie trotzdem nicht in Frage. Denn der erste gilt seit seinem verschossenen Elfmeter im Pokalfinale 1984 gegen Bayern am Bökelberg noch heute als Judas.

Der andere nervte mit seinen Extravaganzen so sehr, dass seine Mitspieler zusammenlegten und ihm eine Rolex schenkten, damit er endlich abhaute. Wutti packte nach der Übergabe offenbar so eilig seine Sachen, dass er der Legende nach nicht einmal merkte, dass die Uhr eine billige Fälschung war, in die der Zeugwart mit heißem Draht eigenhändig den Schriftzug der Edelmarke eingraviert hatte.

Schwerer fiel uns die Entscheidung da schon, Martin Dahlin (immerhin bester Gladbacher Torschütze bei Weltmeisterschaften), Hans-Jörg Criens (Torjäger der 80er Jahre) und Alan Simonsen (1977 immerhin Europas Fußballer des Jahres) auszusortieren. Doch die große Konkurrenz im Sturm und der Versuch, möglichst allen Gladbacher Epochen gerecht zu werden, begünstigte einige Konkurrenten.

Die drei befinden sich neben Legenden wie Horst Köppel, Patrik Anderson und vielen, vielen anderen, aber in guter Gesellschaft. Auch Uwe Rahn, immerhin Torschützenkönig 1987 und Fußballer des Jahres, danach aber ziemlich in der Versenkung verschwunden, hat insgesamt keine Chance. Jeden einzelnen Härtefall zu begründen würde hier den Rahmen sprengen. Daher wenden wir uns lieber den elf Spielern zu, die es in unsere Auswahl geschafft haben.

Wolfgang Kleff (1968-79; 1980-82: 321 Spiele/ 0 Tore)
Sorry, Uwe Kamps es reicht leider nicht - trotz Pokalsiegs 1995, vier gehaltener Elfmeter im Pokalhalbfinale 1992 und der Nibelungentreue zum Club, die ihn sogar ein Angebot von Real Madrid ausschlagen ließ. Doch die Absage fiel wohl auch nicht so schwer, ging es doch nur um einen Job als Nummer zwei oder drei – wie einst Julio Iglesias. Doch ob es bei Kamps für eine Zweitkarriere als Schmusebarde gereicht hätte?

Ein echtes Multitalent ist dagegen die klare Nummer eins – Wolfgang Kleff. Der Keeper trug mit herausragenden Paraden zu vier Meistertiteln, einen DFB Pokal und auch dem UEFA Cup-Sieg bei und sorgte als Spaßvogel auf und neben dem Platz für große Unterhaltung. Die Fans gaben ihm daher den Spitznamen Otto – auch aufgrund seiner optischen Ähnlichkeit zu Komiker Otto Waalkes, in dessen erstem Kinofilm Kleff später den Frisör Herrn Astrid spielte. Seine schauspielerische Glanzleistung trübte nur, dass sein zentraler Satz "Haar will atmen“ vom echten Otto nachsynchroniert wurde.

Rainer Bonhof (1970-78: 231/42)

Als der Junge aus der Provinz mit den niederländischen Wurzeln 1970 zur Borussia stieß, hatte er mit leichten Berührungsängsten zu kämpfen. "Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte, also ob ich einen Günter Netzer einfach duzen konnte“, erinnerte sich Bonhof laut dfb.de. Doch die Scheu legte er bald ab. Sportlich ging es jedoch erst mit ihm aufwärts, als Weiweiler ihn zum Verteidiger und dank Spezialtraining zum exzellenten Standardschützen umschulte.

Die Fans liebten seine Zuverlässigkeit, seine ehrliche, gradlinige und bodenständige Art und erkoren ihn zum Publikumsliebling. Dass er als Cheftrainer mit der Borussia 1999 letztlich den ersten Abstieg der Borussia aus der Bundesliga antreten musste, lag nicht in erster Linie an ihm und schmälert seine Bedeutung in der Historie des Clubs nicht. Als Vize-Präsident ist er derzeit weiter in verantwortlicher Position für die Borussia aktiv.

Hans-Günter Bruns (1978/79; 1980-90: 331/61)
Bruns war in den 80ern eine Institution in Gladbach. Als Libero ordnete er das Spiel seiner Mannschaft, erzielte aber auch viele und wichtige Tore. In Erinnerung wird aber vor allem ein Schuss bleiben, der gar nicht im Tor landete. 1983 hatte Bruns gegen Bayern einen Sololauf über das gesamte Feld gestartet und kam auch frei zum Schuss. Doch der Ball prallte vom linken Innenpfosten ab und rollte auf der Linie zum rechten, von wo er dann zurück aufs Spielfeld sprang.

Eine Karriere in der Nationalmannschaft verbaute sich der Libero selbst. In seinem ersten Spiel als Teamchef experimentierte Franz Beckenbauer mit der Viererkette. Das Experiment war bereits in der ersten Halbzeit gescheitert, doch der Kaiser wollte das System nicht ändern. Bruns und seine Nebenleute Dietmar Jakobs und Kalle Förster stellten eigenmächtig um, was Beckenbauer dem Gladbacher ankreidete und ihn fortan nicht mehr einlud, wie Bruns auf der Homepage des Wuppertaler SV später enthüllte.

Berti Vogts (1965-1979: 419/32)
Einer, der alle Triumphe der Borussia in der legendären Fohlenelf mitfeiern konnte, war Berti Vogts. Terrier wurde er wegen seine Art genannt, sich im Gegner förmlich zu verbeißen. So gewann er fünf Meistertitel, zweimal UEFA Cup und einmal den DFB Pokal und ist mit 419 Einsätzen bis heute der Rekordspieler der Borussia und wohl die größte lebende Legende des Clubs. Gefördert wurde Vogts von Trainer Weisweiler, der ihn zu Beginn unter seine Fittiche nahm und zu einer Art Ziehvater für den Vollwaisen wurde. So nahm Weisweiler ihn und seinen damals besten Kumpel Herbert Laumen sogar mit in den Urlaub zur WM 1966.

Dort sagte er Berti bereits die große Karriere voraus, die er später als Spieler auch tatsächlich haben sollte. Doch seinem Talent war das nicht unbedingt geschuldet. "Ich habe vom lieben Gott kein Talent geschenkt bekommen. Ich habe Kampfeswille mitbekommen und er hat mir die Willensstärke, den Kampf geschenkt. Ich hatte wenig Talent. Ich mußte kämpfen und mir alles hart erarbeiten“, erklärte Vogts laut kreuz.net später rückblickend.

Wilfried Hannes (1975-86: 261/58)
Ursprünglich war er als Stürmer zur Borussia gekommen, konnte sich gegen Jupp Heynckes aber nicht durchsetzen. Hannes' große Stunde schlug erst, als das Verletzungspech die Borussia heimsuchte und Trainer Udo Lattek händeringend Abwehrspieler brauchte. Hannes griff zu und war fortan als Turm in der Schlacht aus der Mannschaft nicht mehr wegzudenken.

Zweimal gewann er die Meisterschaft, einmal den UEFA Cup. Eine besondere Stärke war sein Kopfballspiel. Für einen Abwehrspieler eigentlich nicht verwunderlich, bei Hannes jedoch umso bemerkenswerter, da ihm aufgrund einer Erkrankung im Kindesalter ein Auge entfernt werden musste und so beim räumlichen Sehen und der Einschätzung von Distanzen stark gehandicapt hätte sein sollen. Auf dem Platz merkte man davon jedoch wenig.

Stefan Effenberg (1987-90; 1994-98:191/33)
In seiner ersten Zeit bei Gladbach von 1987-90 galt Effenberg als großes Talent, das mit seinem Kumpel Jörg Neun aber vor allem durch einige Eskapaden auffiel. Legendär der nächtliche Ausflug der beiden mit einem Jeep, der letztlich auf einem Müllberg endete. Doch als er nach Gastspielen bei Bayern und dem AC Florenz 1994 zurückgekehrt war, präsentierte er sich wie verwandelt.

Seine blonde Matte, mit der er wie der uneheliche Sohn von Winnie Schäfer und Dieter Bohlen ausgesehen hatte, war wegen einer verlorenen Wette bei „Wetten dass...?“ einem Kurzhaarschnitt mit Tigergesicht auf dem Hinterkopf gewichen. Über Geschmack lässt sich streiten, nicht aber über Effenbergs Leistung. Er führte sein Team 1995 zum ersehnten nächsten Titel (DFB-Pokalsieg) und qualifizierte sich dadurch für ein zweites Engagement bei Bayern München.

Günter Netzer (1963-73: 230/82)
In unsere Auswahl muss er sich nicht selbst einwechseln. Das Gladbach der frühen 70er wäre auch ohne Netzer eine starke Mannschaft gewesen, aber erst „dä Jünter“ gab dem Team die spezielle Note. Seine zentimetergenauen Pässe, genialen Freistöße, offensive Antritte und entscheidende Tore bescherten Gladbach die großen Siege. Seine Extravaganzen auf (die legendäre Selbsteinwechslung im DFB-Pokalfinale gegen Köln) und neben dem Platz hoben ihn aus der Masse der Fußballer seiner Zeit hervor. Andere eröffneten Schreibwarenläden oder Lotto-Annahmestellen, Netzer seine eigene Disco, er unterhielt auch beste Kontakte zum internationalen Jetset.

Wo andere Fußballer außer Bild höchstens noch den Kicker lasen, gab sich Netzer intellektuell. Eine Gruppe um Joseph Beuys wollte ihm sogar eine Professur andienen. Er ging eben überall eigene Wege, bzw. fuhr sie. So soll er mit seinem quietschgelben Ferrari einmal sogar eine Abkürzung durch einen Fahrradtunnel genommen haben, um die mit fünf Mark dotierte tägliche Wettfahrt zum Trainingsplatz zu gewinnen. Wehende Mähne, schnelle Autos. Da fehlt doch noch was? Achja, Frauen. Mit Schauspielerin Elke Sommer hatte er eine Liaison und dann gab es Kontakt nach Hollywood, der Jupp Heynckes um den Schlaf brachte. "Da telefonierte er morgens um vier Uhr mit Nancy Sinatra in den USA", erinnerte sich der Zimmergenosse laut rp-online.

Hacki Wimmer (1966-78: 366/51)
Doch ohne seinen Wasserträger hätte Netzer nie so glänzen können. Denn Wimmer war der Mann, der die mangelnde Defensivarbeit seines Spielmachers durch riesigen Einsatz wettmachte und für den Star viele Wege ging. "Laufwunder“ nannte man ihn in den 70ern und die Zeitungen schrieben in Anlehnung an den VW Käfer: "Er läuft und läuft und läuft.“

Insgesamt lief er in 366 Bundesligaspielen für die Borussia auf, wurde fünfmal deutscher Meister, gewann den DFB-Pokal und den UEFA-Pokal, ehe der Kilometerfresser 1977 seinem hohen Pensum Tribut zollen musste. Hüftprobleme setzten seiner Karriere ein Ende.

Herbert Laumen (1962-71: 247/118 in Oberliga, Regionalliga und Bundesliga)
Lange bevor in Madrid ein Tor umfiel, hatte es einen ähnlichen Vorfall auch in der Bundesliga gegeben. Schuld war Gladbachs Herbert Laumen. Im Spiel gegen Werder hatte er sich nach einem Kopfball derart unglücklich im Tornetz verfangen, dass der Pfosten brach und umkippte. "Ich musste in Deckung gehen, damit ich nicht von der Latte erschlagen wurde“, schilderte Laumen später bei 11freunde.de den Vorfall, der ihm noch heute regelmäßige Interviewanfragen garantiert.

Dabei können sich auch seine sportlichen Erfolge sehen lassen. Mit 97 Buli-Toren ist er nach Jupp Heynckes der zweiterfolgreichste Torjäger der Borussen-Geschichte. Den Durchbruch hatte Laumen jedoch erst geschafft, nachdem Trainer Weisweiler ihn und Ziehsohn Vogts 1966 mit in den Familienurlaub zur WM nach England mitnahm. Auf der Reise bat Laumen den Coach, ins offensive Mittelfeld versetzt zu werden. Der Wunsch wurde erfüllt und Laumen trug mit Toren zu zwei Meisterschaften bei. Mit 27, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, musste er den Club jedoch verlassen, da Manager Helmut Grashoff ihn als zu alt für den geforderten Vierjahresvertrag erachtete.

Jupp Heynckes (1963-67; 1970-78: 283 Spiele, 195 Tore)
Osram, wie ihn einst Wolfram Wuttke wegen seiner in Stressphasen rot anlaufenden Birne nannte, überstrahlt alle anderen Borussen-Stürmer. Vielseitig, schnell, aber vor allem torgefährlich – diese Attribute machten Jupp Heynckes nicht nur zum treffsichersten Borusse aller Zeiten, er rangiert in der Bundesliga-Historie hinter Gerd Müller und Klaus Fischer auf Rang drei und ist mit 51 Toren der fünfterfolgreichste Schütze in europäischen Clubwettbewerben.

Vier Meistertitel, sowie je einen DFB Pokal und UEFA Cup, gewann er in seiner Zeit in Gladbach, die nur durch ein dreijähriges Gastspiel in Hannover unterbrochen war. Im Anschluss wurde er erst Co-, dann Cheftrainer. Titel holt er in dieser Zeit zwar nicht, hielt sein Team aber konstant im oberen Tabellendrittel und erreichte 1984 das Pokalfinale. Zudem entdeckte für die Borussia große Talente wie Lothar Matthäus.

Albert Brülls (statistische Werte leider nicht genau zu ermitteln)
Als an Bundesliga und Fohlenelf noch lange nicht zu denken war, war Albert Brülls der Star in Gladbach. Der schnelle, wuchtige Stürmer führte die Borussia nach dem Abstieg 1957 im Folgejahr dank 21 Treffer zurück in die Oberliga und avancierte zum Publikumsliebling, später zum ersten Nationalspieler der Borussia überhaupt.

Unsterblich machte er sich, als er den Club 1960 mit zwei Assists und dem Siegtreffer beim 3:2 über den KSC zum Pokalsieg schoss. Die Bedeutung, die Brülls für die Borussia hat, konnte auch sein Wechsel nach Italien nach der WM in Chile nicht schmälern, als er dem Lockruf des großen Geldes folgte. Heute ist in Gladbach u.a. eine Straße in Stadionnähe nach ihm benannt.

Hennes Weisweiler (1964-75)
Weisweiler ist der Vater des Erfolgs der Borussia. Sein Konzept, junge aufstrebende Talente zu fördern und mit ihnen begeisternden Offensivfußball zu spielen, hatte den rasanten Aufstieg des Clubs vom zweitklassigen Regionalligisten zum europäischen Spitzenclub innerhalb weniger Jahre überhaupt erst möglich gemacht. Seine pädagogischen Fähigkeiten und seine Fachkenntnis in taktischen Fragen, aber auch Trainingsmethoden, die er auch an der Deutschen Sporthochschule in Köln lehrte, waren herausragend. Weisweiler gilt nicht umsonst noch heute als einer der weltbesten Clubtrainer.

Malte Asmus

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