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Anmerkungen aus der Fußball-Provinz: Wenn Männer mehr als zwei Beine haben

Diego und Ribéry spielten groß auf, Titanen gerieten ins Wanken und die Bayern-Konkurrenten brauchen kein Fernglas: Das Fußball-Jahr 2007 ist vorbei und bescherte uns einige Höhepunkte - und vieles, was richtig nervte. Aber im nächsten Jahr ist eines sicher: Wir werden Europameister!

Von Oliver Fritsch

Warum das Fußballjahr 2007 nicht ganz so schlecht war:

- Weil Mexikaner Deutscher Meister werden können.
- Weil, wie fast jeder Rekord, auch der deutsche Negativrekord der Champions League (zwei Punkte aus sechs Spielen) beim FC Bayern bleibt.
- Weil wir jetzt wissen, was fünf Tore Vorsprung in der Bundesligatabelle wert sind: 70 Millionen Euro.
- Weil es "Froanck Dribblery" den Mann, der mehr als zwei Beine haben muss, ein Mal im Jahr in Bochum, Rostock und Wolfsburg zu sehen gibt - genau wie Diego und Rafael van der Vaart übrigens.
- Weil der WDR ein schönes Pflänzchen in die Welt setzt: "Sport Inside", eine TV-Sendung mit Hintergrundberichten über Sport - bisher aber wohl kaum mehr als ein Feigenblatt.
- Weil DFB-Sportdirektor Matthias Sammer doch nicht die Bremse und das Rumpelstilzchen ist, wofür man ihn zwischenzeitlich halten musste.
- Weil die Meldung vom Anstieg der Geburtenrate durch die WM-Babies, unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt, uns glauben ließ, dass der Fußball gesteigerte Zeugungsfreudigkeit und erhöhte Empfängnisbereitschaft verursacht und damit sogar die demographische Krise unseres Lands in den Griff bekommt.
- Weil mit Joachim Löw Klugheit zum Trainerleitbild in Deutschland geworden ist.
- Weil Titanen ins Wanken geraten.
- Weil Oka Nikolov gezeigt hat, dass Torhüter ein guter Tag genügt, um im Gedächtnis zu bleiben. - Weil es Werder Bremen gibt.

Warum wir froh sein sollten, dass das Fußballjahr 2007 endlich endet:

- Weil wir endgültig von Sebastian Deisler, dem Unvollendeten, Abschied nehmen mussten, ohne an seiner Eleganz satt geworden zu sein.
- Weil ein Bundesligajahr ohne Jürgen Klopp deutlich langweiliger, leidenschaftsloser, ungeiler ist.
- Weil wir zu viele Statements wie die von Heribert Bruchhagen ertragen mussten, hier sinngemäß zitiert: "Das, was uns Oliver Bierhoff als moderne Trainingsmethoden verkaufen will, ist alles Mumpitz, außerdem machen wir von Eintracht Frankfurt das schon seit Jahren."
- Weil auch das Internet einen seiner Besten verliert: Rob Alef vom tazblog mit dem sensationellen Namen "Volk ohne Raumdeckung".
- Weil Fußball im deutschen Fernsehen nach wie vor oft sehr weh tut. (Inzwischen muss man wohl schon Harald Schmidts Sidekick Oliver Pocher als Hoffnung bezeichnen, wenigstens würde er nicht vor Hoeneß, Völler und Co. in den Staub fallen wie etwa die Fraktionen vom ZDF und von Bayern 3, alias FCB-TV.)
- Weil der Erfolg ein Tourist in Stuttgart ist und VfB-Fans wieder die Lehre erhielten: wenn schon Meister, dann wenigstens daran zugrunde gehen.
- Weil ein weiteres Jahr ohne den 1. FC Köln in der Bundesliga auch bedeutete, dass der gefühlte Champions-League-Teilnehmer nicht aus der Bundesliga absteigen konnte.
- Weil auch dieses Jahr wieder jeder Bericht, der sich irgendwie, und sei es nur am Rande, mit dem Uefa-Pokal befasst, mit Franz Beckenbauers Uralt-Zitat ("Cup der Verlierer") garniert war - als ob man nicht wüsste, dass seine Aussagen das Verfallsdatum von Frischmilch unterschreiten.
- Weil José Mourinho kein Trainer mehr ist.
- Weil Deutschland nach wie vor keinen José Mourinho hat.
- Weil die Schiedsrichter nach wie vor auf den größten Aua-Schreier der Liga, David Jarolim, reinfallen. - Weil zu wenig Klinsmann.
- Weil wir ohne England zur EM fahren und nicht garantiert werden kann, dass das Mutterland der Elfmeterfahrkarte von der Schweiz gleichwertig ersetzt wird. (Was gibt es an Englands Ausscheiden zu feiern, Landsleute? Das Turnier braucht doch aufrechte Verlierer.)
- Weil man uns es als Beweis für den Humor und die Lebensfreude von Fußballprofis verkaufen will, wenn sie ihren Kameraden Zahnpasta auf die Türklinke schmieren und ihnen die Socken zerschneiden (Podolski).
- Weil im DSF-Doppelpass und im ganzen Land noch immer zu viele von denjenigen Leuten das Sagen haben, die Jürgen Klinsmann, also den, der als Reformer des deutschen Fußballs eingegangen sein wird, dass also noch immer diejenigen das Sagen haben, die Klinsmann vor der WM 2006 an die kalifornische Küste schicken wollten. (Warum kann nicht auch als Journalist in die Zweite Liga absteigen?)
- Weil diejenigen, die Klinsmann vor der WM 2006 an die kalifornische Küste schicken wollten, sich gar nicht daran erinnern, dass sie Klinsmann vor der WM 2006 an die kalifornische Küste schicken wollten - und man ihnen das vielleicht sogar glauben muss.
- Weil Weihnachtsfeiern beim FC Bayern auch nicht mehr das sind, was sie mal waren.

Warum wir uns auf das Fußballjahr 2008 unbedingt freuen müssen:

- Weil es Joachim Löw seinem Kollegen vom Handball, Heiner Brand, gleichtun wird, und mit Arsenals Ersatzkeeper Jens Lehmann, dem Henning Fritz des deutschen Fußballs, Europameister wird.
- Weil die EM 2008 in zwei Ländern stattfinden wird, die gutes Gastgeben gewohnt sind.
- Weil die TSG Hoffenheim noch ein Stückchen näher an Bayern München heranrückt und wir uns auf eine Antikapitalismusdebatte, eingeleitet von Kalle und Uli, freuen dürfen.
- Weil Energie Cottbus mit einem Bruchteil des Etats des VfL Wolfsburg (fast) dieselbe Punktzahl erreichen wird.
- Weil José Mourinho wieder Trainer sein wird.
- Weil vielleicht wieder mehr Klinsmann.
- Weil Uli Hoeneß Ebay, Google und auch Hartplatzhelden nicht verhindern kann.
- Weil wir einfach wahnsinnig darauf gespannt sind und es kaum erwarten können, was Österreich an seiner Heim-EM veranstaltet und weil wir uns auf die gewaltige Aufgabe freuen, diese Sache ohne Schadenfreude zu beobachten.

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