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Bayern-Debakel: "Habe meine Mannschaft noch nie so schlecht gesehen"

Zwangskasernierung der Mannschaft, Hilflosigkeit bei den Verantwortlichen: Die Bayern stehen nach dem 1:2-Debakel gegen Lyon in der zweiten Halbzeit unter Schock. Und Elber? Ihm tut sein Tor fast leid.

Schockiert, frustriert, irritiert: Die nervlich angeschlagenen Bayern sind so tief in die Herbst-Depression gerutscht, dass sogar der gefeierte Held Giovane Elber Mitleid mit seinen Ex-Kollegen hatte. Ottmar Hitzfeld wirkte zunächst resigniert, der "Kaiser" etwas ratlos und die Vorstände bemüht um Ruhe, aber die Sorge um die Verfassung des FC Bayern München war nach der 1:2 (1:1)- Heimpleite in der Champions League gegen Olympique Lyon unüberhörbar. "Die Mannschaft ist auseinander gefallen", sagte der Trainer über die blamable Vorstellung in der zweiten Halbzeit und stellte eine alarmierende Diagnose: "Das größte Problem zur Zeit ist, dass einige Spieler dem Druck nicht gewachsen sind." Hitzfeld erwartet einen Kritik-Sturm von außen. "Wir müssen jetzt mit einem großen Gewitter rechnen. Das ist auch gerechtfertigt."

Wer oder was hat Schuld an der Bayern-Krise?

Hitzfeld kaserniert Mannschaft ein

Am Morgen danach wurde er noch deutlicher und zog Konsequenzen. "Am liebsten wäre ich in der zweiten Halbzeit im Boden versunken. Ich habe meine Mannschaft noch nie so schlecht gesehen", sagte er am Donnerstag und verkündete eine überraschende Maßnahme: Vor dem Schlager in der Fußball-Bundesliga am Sonntag gegen Borussia Dortmund versammelt er seine Profis von Freitag an im Trainingslager am Tegernsee. "Wir werden uns zweieinhalb Tage kasernieren."

"Versuchen zu retten was zu retten ist"

Auch die Vorstände Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß, die sich am Abend zuvor ungewöhnlicherweise parallel der Presse stellten, betrieben Krisenmanagement: Sanfte Töne nach außen, ja nicht Öl ins Feuer gießen, auf gar keinen Fall Einzelkritik oder eine Trainerdiskussion (Hoeneß: "Wir tun das sicherlich nicht") aufkommen lassen. Gerade jetzt, da so viel auf dem Spiel steht. "Es hat jetzt keinen Sinn, auf die Mannschaft draufzuprügeln. Denn dieselben Spieler, die wir heute gesehen haben, brauchen wir in den nächsten Wochen. Deswegen müssen wir versuchen, in aller Ruhe weiterzuarbeiten und zu versuchen, zu retten was zu retten ist", sagte Hoeneß.

Völler glaubt weiter an das Weiterkommen

Die Bundesliga-Krise hat nun auch auf die Champions League übergegriffen. Ein gutes Jahr nach dem K.o. in La Coruna droht den auf Platz drei abgerutschten Bayern wieder ein Vorrunden-Aus. Bei der Reise in knapp drei Wochen zu Celtic Glasgow, das 3:1 gegen den RSC Anderlecht gewann, sind sie zum Siegen verdammt. Aufmunternde Worte kamen von Rudi Völler, der den Bayern aus Frankfurt Mut zusprach: "Glasgow ist ein Endspiel. Aber ich bin überzeugt, dass es die Bayern noch packen werden."

Beckenbauer rätselt

Dafür muss sich beim indisponierten Meister einiges ändern. Aber ein Patentrezept hatte auch die Chefetage nicht. «Irgendetwas stimmt nicht», so Präsident Franz Beckenbauer, "die Mannschaft spielt nicht miteinander, es ist alles Stückwerk". Es sei immer das Gleiche - «und erst recht im November». AG-Chef Rummenigge sagte: "Wir spielen seit Wochen nicht gut und müssen aufpassen, dass wir nicht in eine große Krise hineinkommen." Hitzfeld gab Durchhalteparolen aus und stärkte seinen Führungsspielern Oliver Kahn und Michael Ballack demonstrativ den Rücken.

Hitzfeld: Elbers Tor hat Mannschaft geschockt

Dass ausgerechnet der im Sommer ausgemusterte Elber bei seiner Rückkehr mit seinem heiß ersehnten Tor (53.) die Niederlage der Ex- Kollegen besiegelte, hat nach Ansicht von Hitzfeld den Ausschlag für den unglaublichen Leistungsabfall der Münchner in der zweiten Halbzeit gegeben. "Die Mannschaft war nicht nur schockiert, dass wir mit 1:2 in Rückstand gerieten, sondern dass der Torschütze Giovane hieß. Das hat die Beine gelähmt."Zuvor hatte es nach Toren von Juninho (6.) und Roy Makaay (14.) noch nicht dramatisch ausgesehen.

Elber zeigt Mitleid

Elber selbst konnte sich gar nicht richtig freuen, obwohl der Abend für ihn eine große Genugtuung sein musste. 81 Tage nach seinem letzten Spiel im Olympiastadion im Bayern-Trikot verabschiedeten ihn die Fans bei seiner Auswechslung mit "Standing Ovations". Aber der Publikumsliebling gab zu: "Für die Bayern-Fans hat es mir wehgetan." Er bangt mit dem Ex-Club: "Ich hoffe nicht, dass sie ausscheiden." Er gab zu, bei seinem Treffer gegen "seine" Bayern geweint zu haben. Geholfen hat das den Bayern allerdings nicht.

Andrea Wimmer und Arne Richter, dpa / DPA

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