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Bundesliga-Fußball Fan-Sprecherin Helen Breit: "Es ist unabdingbar für mich, unsere Interessen aktiv zu vertreten"

Fan-Sprecherin Helen Breit von der Initiative "Unsere Kurve"
Fordert von den Bundesligaklubs, die Coronakrise wirklich für einen Strukturwandel zu nutzen: Fan-Sprecherin Helen Breit von der Initiative "Unsere Kurve".
© Philipp von Ditfurth / DPA
Mit den Spitzen von DFL und DFB diskutiert sie die Lehren, die die Bundesliga aus der Coronakrise ziehen sollte. Jetzt müsse der versprochene Wertewandel kommen. Helen Breit aus Freiburg ist das Gesicht einer selbstbewusster auftretenden Fan-Szene.
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Als Helen Breit mit fünf Jahren von ihrem Vater erstmals ins Stadion des SC Freiburg mitgenommen wurde, da schlief sie auf seinem Schoß ein. Heute zeigt sich die 33-Jährige hellwach, schlagfertig und themensicher, wenn es um die Belange von Fans geht. Als Vorstandsmitglied und Sprecherin von "Unsere Kurve" sitzt die Erziehungswissenschaftlerin in Talkshows, gibt viele Interviews - und diskutiert auf Augenhöhe mit Spitzenfunktionären wie Christian Seifert und Fritz Keller. "Wenn es um Fußball geht, rede ich immer ganz schön viel", sagt die Freiburgerin im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur lächelnd.

"Das macht sie exzellent. Ich bin ganz begeistert, wenn sie in einer Runde ist, denn dann hat man die Garantie, dass es sachlich wird", sagt Fan-Forscher Harald Lange von der Universität Würzburg. "Helen Breit ist ein Musterbeispiel dafür, wie sich die Fankultur verändert hat." So seien zum Beispiel auch die Ultras mittlerweile offen für Frauen.

Fan-Szene wird zunehmend durch Frauen repräsentiert

Als Vertreter der typischen Bundesliga-Anhänger erwarten viele immer noch eher polternde Männer mit Fanschal und Tattoo. Laut Lange sind heutzutage zwischen 25 und 30 Prozent der Stadionbesucher weiblich - und das schlägt sich allmählich auch auf verantwortliche Positionen durch. So kommt Sandra Schwedler beim FC St. Pauli, die derzeit einzige Aufsichtsratsvorsitzende im deutschen Profifußball, ursprünglich aus der Fan-Szene. Bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte (BAG) ist die Karlsruherin Sophia Gerschel Sprecherin.

Helen Breit stand schon mit zehn Jahren im Kinderblock auf der Nordtribüne beim SC. Mit 14 reiste sie mit Begleitung aus der Fan-Szene nach Zürich zum Uefa-Cup-Spiel der Freiburger gegen den FC St. Gallen - und fand das ganz großartig. Mit 17 begann sie, sich in der aktiven Szenen zu engagieren: Erst beim Fanclub UFFF ("Unglaubliche Freiburger Fußball-Fetischisten"), dann bei der "Supporters Crew", den sie seit 2012 im bundesweiten Bündnis "Unsere Kurve" vertritt.

"Im Dreisamstadion bin ich circa 28 Jahre und fühle mich da sehr verbunden. Ich fahre auch zu allen Auswärtsspielen. Und aus Freiburg zu Auswärtsspielen zu fahren, das dauert immer ganz schön lange", sagt sie schmunzelnd.

Helen Breit: Wichtige Stimme bei Teilrückkehr der Fans

Mit Fritz Keller, dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), hat sie schon so manchen Strauß ausgefochten, als dieser noch Vereinsboss in Freiburg war. Während der Corona-Zwangspause saß Helen Breit in einer Ad-hoc-Gruppe mit Vertretern des DFB und der Deutschen Fußball Liga (DFL). "Mit den Spitzen von DFL und DFB, wie Christian Seifert oder Friedrich Curtius, erlebe ich einen respektvollen Umgang", sagt sie. "Unsere Kurve" gilt in der Debatte um die Teilrückkehr von Stadionzuschauern als wichtige Stimme und auch in der bei DFL und DFB angesiedelten AG Fankulturen.

Die Fan-Organisationen haben eine Reform des Profifußballs gefordert. "Uns wurde gesagt, dass Fanvertretungen Teil der Task Force sein werden", erklärte Helen Breit. Das Gremium hatte DFL-Boss Seifert angekündigt. Zahlreiche Fanszenen hatten sich zum Bündnis "Unser Fußball" zusammengeschlossen, das nach eigenen Angaben von rund 400.000 Anhängern unterstützt wird. Sie fordern von DFL und DFB ein Handeln von Vereinen und Verbänden - noch vor dem Saisonstart.

Fußball rutscht in der Prioritätenliste ab

"Wenn die Verbände ihre Selbstkritik wirklich ernst meinen und tatsächlich einen Struktur- und Wertewandel im Fußball anstoßen, dann kann es sein, dass wir alle mit einem Lächeln auf den Lippen irgendwann wieder ins Fußballstadion gehen, weil wir dann sagen können: Wir haben die Pause optimal genutzt", beschreibt Breit eine - wie sie selbst sagt - "Utopie".

"Ich glaube, je länger es andauert, dass wir alle nicht zusammen ins Stadion gehen können, desto mehr sind wir herausgefordert, diesen sozialen Zusammenhalt anders zu organisieren", sagt Breit mit Blick auf die Folgen der Corona-Epidemie für die aktive Fanarbeit. Die teilweise Zulassung von Zuschauern werde im Profifußball in den nächsten Monaten "nochmal viel beeinflussen".  

Breit sieht als Vorstandsmitglied von "Unsere Kurve" einen möglichen Interessensverlust der Fans am Fußball. "Es haben ja schon Gruppen gesagt: Sie werden auf die gewohnte Art ins Stadion gehen - oder gar nicht. Auf der Prioritätenliste stand bei manchen Menschen an Nummer eins: Fußballspiele besuchen. Natürlich rutscht das gerade weiter nach unten. Es bleibt abzuwarten, wie viele Menschen dann wiederkommen und sagen: Das steht immer noch auf Platz eins bis drei. Oder bei wie vielen es auf Platz fünf bis sechs gerutscht ist."

"Es macht mir Spaß, Fanpolitik zu machen"

"Es ist unabdingbar für mich im Fußball, seine Interessen auch aktiv zu vertreten. Es macht mir Spaß, Fanpolitik zu machen. Ich habe früh gemerkt, man kann da mitgestalten", sagt Helen Breit. Sie war einst Sozialarbeiterin in der Jugendhilfe, machte 2015 ihren Master in Erziehungswissenschaften und ist nun Stipendiatin auf dem Weg zur Promotion. Thema: "Schwer erreichbare junge Geflüchtete."

Die Fanarbeit und -kultur kennt Helen Breit durch und durch. Und offenbar kommen ihre Argumente als Sprecherin von "Unsere Kurve" in der Szene gut an. Einen Shitstorm in Sozialen Medien hat sie noch nicht geerntet. Auch keine frauenfeindlichen Mails bekommen, sagt sie. "Es ist bei uns gelebte Praxis, dass die Leute, die Kompetenzen haben, Zeit haben, Lust haben, dafür gewählt werden, sich äußern zu dürfen - egal welches Geschlecht sie haben. Wir sind durchgehend demokratisch organisiert." Gleichzeitig weiß sie natürlich auch: "Was die Leute reden und was sie einem sagen, das sind zwei verschiedene Dinge."

dho DPA

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