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Bundesliga-Check: Leverkusen: Dutt ist nicht an allem Schuld

Nach der schlechtesten Hinrunde seit fünf Jahren gingen Fans in Leverkusen auf der Straße. Zur Rückrunden-Vorbereitung flüchtete Bayer in ein idyllisches Refugium. Kommen die Spieler zurück und betreiben Wiedergutmachung oder müssen sie am Saisonende schamhaft ihr Gesicht verbergen?

Die hochgesteckten Ziele, mit denen Bayer Leverkusen in die Saison gestartet war, sind bisher nicht erreicht worden. Als Sechster schloss die Werkself die Hinrunde so schlecht wie seit fünf Jahren nicht mehr ab. "Wir haben nur 26 geholt“, erklärte Wolfgang Holzhäuser laut bild.de und wies auf die für das Saisonende angepeilte Vorgabe hin. "Unser Ziel vor der Saison waren 60. Die müssten reichen, um einen Platz für die Champions League zu erreichen.“

Doch dass das so ohne weiteres möglich sein wird, daran glauben in Leverkusen derzeit nicht alle. Der zweite Platz in der Champions League-Gruppe kann auch nicht über die bitteren Niederlagen wie das 3:4-Pokalaus in Dresden trotz 3:0-Führung, die Arbeitsverweigerung gegen Bayern, das peinliche 1:4 gegen Köln und das blamable 0:3 zu Hause gegen Nürnberg hinwegtäuschen.

Zu groß war auch die Enttäuschung darüber, dass das große Potential, das ohne Zweifel in der Mannschaft steckt, wenn überhaupt, dann nur in Ansätzen gezeigt wurde. Kurz vor Weihnachten protestierten daher 250 Fans vor der BayArena und forderten lautstark "Hinrunde abhaken, Rückrunde Vollgas!“. Vor diesen Proteste flüchtete Bayer in ein - laut Eigenwerbung des Hotels - „perfektes Hideaway“ an der portugiesischen Algarve, wo man offenbar hofft, dass von den fünf Sternen des Hauses etwas Glanz auf die Mannschaft abfärben kann. Denn den hat sie angesichts der mageren Punktausbeute und der Tordifferenz von 22:22 nach 17 Spielen bitter nötig.

Falschester Satz aus dem Sommer-Check

"Auch Hanno Balitsch (...) hat jetzt eine feste Rolle. Er ersetzte in den Vorbereitungsspielen den verletzten Konkurrenten Daniel Schwaab hinten rechts und machte seine Sache hervorragend.“ Tja, ganz so hervorragend ging es dann offenbar nicht weiter. Balitsch machte zwar acht der ersten neun Saisonspiele mit, doch danach war Schluss. Nach dem Hinrundenende teilte Trainer Robin Dutt ihm mit, nicht mehr mit ihm zu planen. Grund sollen angeblich atmosphärische Störungen, da Balitsch in der Kabine kritisierte, dass der Trainer bei der 0:1-Niederlage gegen Schalke keinen Stürmer eingewechselt hatte.

Größte Enttäuschung

Die Fans sind nicht nur über die Suspendierung des Spielers erbost – laut express.de kursierte auf facebook ein Wallpaper mit der Aufschrift "Ganz Lev steht hinter dir Hanno Balitsch – verpiss dich Dutt“ - sondern allgemein über die Arbeit des Trainers, der deutlich hinter den auch von ihm selbst geschürten Erwartungen geblieben ist.

"Für die Mannschaft ist das Ziel, ihre bestmögliche Leistung zu erbringen, und damit ist der erste Tabellenplatz möglich. Deswegen sollten wir den auch anstreben, ich finde es nicht unrealistisch zu sagen: Wir wollen einen Platz besser sein als letzte Saison", hatte Dutt in der Frankfurter Rundschau erklärt.

Doch von der versprochenen "Siegermentalität“ ist nicht viel zu sehen, zudem ist auch der spielerische Glanz, den die Truppe im Zusammenspiel noch in der Vorsaison versprüht hatte, mittlerweile ebenso verschwunden wie das nötige Selbstvertrauen. Zuviel hängt von einzelnen Charakteren ab. Außerdem schuf Dutt ohne Not neue Problemfelder, zerstörte die unter Heynckes vorhandene Ruhe im Kader, als er Michael Ballack zunächst auf die so "ehrenvolle“ Bank verbannte, um erst nach dem Ausfall von Renato Augusto auf ihn zurückzugreifen.

Hoffnungsträger

Natürlich ist Dutt nicht an allem schuld, was bei Bayer schief lief. Das Verletzungspech - jetzt traf es im Trainingslager Sidney Sam -, der doch nicht so leicht zu verkraftende Arturo Vidal-Abgang oder dass Neuzugang André Schürrle noch nicht wie erhofft eingeschlagen hat bzw. die Offensivkräfte mit nur 22 Toren insgesamt den Ansprüchen deutlich hinterherhecheln, ist ihm nicht in Gänze anzulasten. "Mit dem Offensivverhalten sind wir alle nicht zufrieden. Das wird auch ein Hauptansatzpunkt für die Rückrunde sein“, erklärte Dutt laut rp-online.de.

Hoffnungsträger dürften in diesem Zusammenhang die Langzeitverletzten Tranquillo Barnetta und Renato Augusto sein. Beide hatten sich im Herbst am Knie operieren lassen müssen und arbeiten mittlerweile an ihrer Rückkehr und dürften als wichtige Alternativen für die Offensive in den Plänen von Dutt eine große Rolle spielen – auch wenn sich ihr Comeback noch ein paar Wochen hinziehen wird.

Frage an den Fachmann

Natürlich trifft nicht nur Robin Dutt Schuld an der verkorksten Hinrunde. Wie u.a. Ex-Spieler Sami Hyppiä kürzlich kritisierte, sind auch die Spieler in die Pflicht, ihr verfügbares Potential abzurufen. Warum ihnen das nicht in vollem Umfang und vor allem regelmäßig gelungen ist, erklärt uns Stefan vom bayer04blog.de.

"Dutt ist zweifelsohne nicht ohne Schuld an der derzeitigen Lage, allerdings hat er jetzt, in dieser Lage, mit einem Problem zu kämpfen, dass ihm mehr oder weniger Jupp Heynckes eingebrockt hat. Heynckes hat in seiner Zeit zwar viel geleistet und uns einen Vizetitel eingebracht, aber er hat es in zwei Jahren verpasst Spieler zu formen, die jetzt den Karren aus dem Dreck ziehen würden. Ich spreche dabei nicht vom typischen Alphatier, sondern von Typen, die spielerisch das Ruder rumreißen können. Derdiyok und ganz besonders Castro würde ich so etwas zutrauen und so wie es aussieht, wird Dutt das Team über die Winterpause etwas neu ausrichten. Ob das am Ende auch Erfolg hat, bleibt abzuwarten."

Prognose

Trotzdem ist die Lage bei Bayer nicht hoffnungslos, ein Sprung in die Champions League-Plätze angesichts der Kaderstärke natürlich möglich. Denn dass die Mannschaft gewinnen kann, hat sie ja in der Hinrunde einige Male bewiesen. Doch Licht und Schatten wechselten sich zu häufig ab. Kann Dutt das Team in der Winterpause neu ausrichten, liegen die Minimalziele des Clubs noch im Bereich des Machbaren – auch wenn es schwierig wird.

Sollte es aber letztlich mit der Champions League doch nicht klappen, müsste wohl angesichts des Einnahme-Verlustes eine günstigere Fluchtmöglichkeit als ein Luxus-Hideaway her. Wir hätten da noch ein paar Papiertüten in der Schublade rumliegen... Anruf genügt.

Malte Asmus

sportal.de / sportal

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