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Kommentar

Tradition vs. Retorte: Leipzigs Aufstieg - heulen hilft nicht

Der Aufstieg von RB Leipzig in die Bundesliga ist ein von langer Hand geplanter Erfolg - finanziert durch die Red-Bull-Millionen. Fans und Verantwortliche bei Traditionsclubs fürchten um die Identität der Liga. Doch das ist heuchlerisch.

Die Mannschaft von RB Leipzig jubelt nach dem Aufstieg in die Bundesliga ihren Fans zu

"Wir sind Eins": Die Mannschaft von RB Leipzig feiert mit ihren Fans den Aufstieg in die Bundesliga

Es ist soweit: Die Neureichen aus dem Osten sind da. RB Leipzig ist in die 1. Liga aufgestiegen. Der Retortenclub, gezüchtet und finanziert durch Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz. Ohne Tradition, ohne Würde. Von nun an wird die Bundesliga nicht mehr so sein wie sie war. Man kann das Wehklagen der sogenannten Traditionsclubs schon jetzt hören - lange bevor das erste Bundesligaspiel der Leipziger angepfiffen wird. Doch was soll eigentlich das Geheule von Fans und einigen Vereins-Verantwortlichen?

Erst Dietmar Hopps Hoffenheim, jetzt Dietrich Mateschitz' RB. Die Bundesliga verliert ihr Gesicht, ihre Identität. So das Klagen. Es geht nur noch ums Geld. Ach was?! Man muss die Art und Weise, wie der österreichische Milliardär den Erfolg in der Bundesliga erzwingen will, nicht mögen, doch es ist nicht mehr als das konsequente Nutzen der Mechanismen im vom großen Geld bestimmten Profifußball. Mechanismen, derer sich nicht nur RB bedient. Was wäre Leverkusen ohne Bayer? Was Wolfsburg ohne VW, ja selbst Aufsteiger Ingolstadt ohne Audi? Wo stünde der BVB ohne den einst rettenden Börsengang? Wo selbst Absteiger Hannover ohne Martin Kind? Und wie traditionsbewusst sind eigentlich all' die Bundesligisten, die ihre Lizenspieler-Abteilungen ausgegliedert und in AGs umgewandelt haben? Die Bundesliga für Fußballromantiker gibt es schon lange nicht mehr. Hier treten eher Wirtschaftsunternehmen als Vereine gegeneinander an.

Traditionsclubs müssen Wettbewerb annehmen

So gesehen ändert sich durch den Aufstieg von RB nicht so viel. Und so mancher Verein, der schon allein aus seiner langen Historie ein besonderes Recht ableitet, Bundesliga-Mitglied zu sein, täte gut daran, den Blick nach vorne zu richten und den Wettbewerb noch mehr als bisher anzunehmen. Ein Blick auf die aktuelle Bundesligatabelle offenbart, wie vergänglich Tradition ist. Während die als "sichere Absteiger" gehandelten Neulinge FC Ingolstadt und Darmstadt 98 recht souverän die Klasse gehalten haben, tummeln sich ganz unten ausschließlich große Traditionsclubs, von denen zwei absteigen werden. Drei dieser Vereine gehören allen Ernstes zum "Team Marktwert", einer Gruppe von Vereinen, die aus Historie und Fanzuspruch heraus größere Stücke vom TV-Kuchen beanspruchen.

Doch mit welchem Recht? Anders gefragt: Wie muss denn ein Verein sein, um in die Phalanx der Traditionalisten eindringen zu dürfen? Müssen sie so sein wie Freiburg oder Darmstadt, die sich vor allem freuen, dabei sein zu können und ansonsten nicht weiter weh tun? Beschweren sich nicht vor allem jene Clubs, die in den vergangenen Jahren nicht gut gearbeitet und aus ihren Möglichkeiten zu wenig gemacht haben?

RB Leipzig - mittelfristig Konkurrent für den FC Bayern

Natürlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass Mateschitz' Millionen RB unbestreitbar einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Doch mal ehrlich: Chancengleichheit herrscht in der Bundesliga schon lange nicht mehr. Und wie, wenn nicht auf diesem Weg, soll denn im heutigen Fußballgeschäft ein neuer Konkurrent für die Platzhirsche FC Bayern und Borussia Dortmund erwachsen, die allein schon durch permanente Champions-League-Einnahmen den anderen Clubs meilenweit enteilt sind, dies weiter tun und zudem noch anderen Vereinen die besten Spieler abkaufen?

Wobei der alte Spruch gilt: Geld allein schießt keine Tore. Schalke 04, der HSV und in dieser Saison vor allem der VfL Wolfsburg belegen das eindrucksvoll. Auch wenn das viele nicht hören wollen: RB Leipzig hat sich nicht allein auf die finanziellen Möglichkeiten verlassen. Hinter dem Projekt steckt die Philosophie, mit besonders talentierten Jungprofis auf dem Sprung nach oben auch als Verein nach oben zu kommen. Mit einem ganz ähnlichen Ansatz hat Max Eberl den ewig zurückschauenden Ex-Meister Borussia Mönchengladbach wiederbelebt. Gladbach hat sich übrigens dem "Team Marktwert" nicht angeschlossen. Man wird das Gefühl nicht los, dass man sich am Niederrhein auch der neuen Konkurrenz aus Leipzig gewachsen fühlt - nicht zuletzt, weil man übersteigerte Ansprüche und falsch verstandenes Traditionsbewusstsein abgelegt hat. Das war auch dort längst nicht immer der Fall.

Ohne die großen Duelle leidet die Liga

So ist der Zwist zwischen Traditions- und Retortenclubs letztlich die alte Geschichte vom Stillstand, der Rückschritt bedeutet. RB Leipzig wird aller Voraussicht nach die Statik der Liga ein weiteres mal verändern. Die Traditionsclubs, die um ihre Pfründe fürchten, werden sich bewegen, sich entwickeln und den Wettbewerb mit - sagen wir - "Projektclubs" à la RB oder Hoffenheim annehmen müssen. Denn in einem Punkt haben die Traditionalisten recht: Ohne die großen alten Duelle wie Bayern gegen Dortmund, Köln gegen Gladbach oder Werder gegen den HSV leidet die Attraktivität der Bundesliga. Nur die Traditionsclubs selbst können das verhindern. Auf geht's!

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