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stern-Reportage RB Leipzig: Im Bullenstall der 2. Liga

Red Bull scharrt mit den Hufen: Der Limonaden-Konzern will mit aller Macht den Verein RB Leipzig in die erste Fußball-Bundesliga bringen. Die Region freut’s, doch Traditionalisten bekommen das Grausen.

Von Christian Ewers

Ausverkauft: Zum Heimspiel gegen den FC St. Pauli kamen 42.000 Zuschauer

Ausverkauft: Zum Heimspiel gegen den FC St. Pauli kamen 42.000 Zuschauer

Ein Fest hatte es werden sollen, 42.000 Zuschauer im Stadion, das erste ausverkaufte Ligaspiel der Vereinsgeschichte. Auf der Südtribüne ein Meer von metallisch funkelnden Streifen in Rot und Weiß. Wie Lametta an Weihnachten, so wirkte das aus der Ferne.

An diesem Sonntagmittag wollten sie feiern und mit einem Sieg gegen St. Pauli der Ersten Liga näher kommen, die elf Männer von RB Leipzig auf dem Spielfeld und die Tausenden im Stadionrund.

Am Ende aber sangen nur die Gäste. Die mit dem Totenkopf auf den T-Shirts.

Sie ließen ihren FC St. Pauli hochleben nach dem 1 : 0 Auswärtssieg bei RB Leipzig, und sie vergaßen auch nicht, den Gegner mit Verwünschungen zu überkübeln. "Ihr seid alles Bullen-Schweine", skandierten sie zum Auszug aus der Red Bull Arena, gefolgt von "Scheiß-Millionäre"; es war ein Medley, das so viele unfreundliche Songs versammelte, dass es für die gesamte Straßenbahnfahrt bis zum Leipziger Hauptbahnhof reichte.

Kein Klub wird so sehr angefeindet wie die Leipziger

Schmähgesänge begleiten RB Leipzig seit der Gründung vor sechs Jahren, als Red Bull die Lizenz des Fünftligisten SSV Markranstädt kaufte. Kein Klub im deutschen Fußball wird so sehr angefeindet wie die Leipziger. Sie gelten als Retortenklub, als Spielzeug des Konzernchefs Dietrich Mateschitz aus Österreich, aufgepumpt mit 100 Millionen Euro, ein Kunstprodukt ohne Geschichte, ohne Seele.

Gerade die Fans von Traditionsvereinen sehen in RB Leipzig die Inkarnation des Bösen: Da sind die Neureichen aus dem Osten, die die Preise hochtreiben auf dem Transfermarkt.

Aufbruch Ost: Der Verein kommt aus der fünften Spielklasse. Das Ziel: deutsche Meisterschaft.

Aufbruch Ost: Der Verein kommt aus der fünften Spielklasse. Das Ziel: deutsche Meisterschaft.

Dieses Ohnmachtsgefühl schlägt mitunter um in Hass. Beim Auswärtsspiel in Aue im Februar wurde Mateschitz auf einem Plakat in Nazi-Uniform dargestellt. "Ein Österreicher ruft, und ihr folgt blind, wo das endet, weiß jedes Kind. Ihr wärt gute Nazis gewesen", stand auf einem Spruchband zu lesen.

Lob von Leipzigs linkem Bürgermeister

Ralf Rangnick kann so etwas ausblenden. Behauptet er zumindest. "Ich weiß mit solchen Attacken umzugehen", sagt Rangnick, 57, Sportdirektor und Trainer in Leipzig. "Vieles erinnert mich an meine Zeit in Hoffenheim. Da gab es auch ständig Feuer aus allen Richtungen."

Rangnick ist 2012 nach Leipzig gerufen worden wie ein Ingenieur auf eine Bohrinsel. Er sollte das Modell Hoffenheim in der sächsischen Metropole installieren und den fußballerisch verwaisten Osten zu neuem Leben erwecken. Viele ehemalige DDR-Oberligisten sind in der Drittklassigkeit verschwunden; die Sehnsucht nach einem Verein, der den Klubs aus den Westen die Stirn bieten kann, ist groß.

Sogar die Antikapitalisten empfingen Red Bull mit offenen Armen. Bürgermeister Heiko Rosenthal (Die Linke) lobte den Klub als "das Beste, was Leipzig an Wirtschaftsförderung passieren konnte".

Mission Erstliga-Aufstieg ins Stocken geraten

Rangnick soll nun schnell den Aufstieg in die Erste Liga schaffen. Mit neuem Personal, neuen Strukturen und viel Geld. Drei Tage vor dem Heimspiel gegen St. Pauli hockt er auf der Tribüne des Trainingsplatzes. Die Schalensitze sind leuchtend rot, so wie die Bullen im Logo des Hauptsponsors. Von außen kann niemand auf den Platz schauen. Die Zäune sind mit blickdichten Planen abgehängt. Geheimtraining. So machen das auch die Bayern und die Nationalmannschaft, aber kaum ein anderer Zweitligist.

Der Start in die neue Saison verläuft holprig für RB. Nur acht Punkte nach fünf Spielen; die Mission Erstliga-Aufstieg ist schon früh ins Stocken geraten.

Der Taktiktüftler: Trainer und Sportdirektor Ralf Rangnick vor versammelter Mannschaft

Der Taktiktüftler: Trainer und Sportdirektor Ralf Rangnick vor versammelter Mannschaft

Die Mannschaft hat Rangnicks System noch nicht richtig verstanden, das hat auch die Partie gegen St. Pauli gezeigt. Frühes Pressing, blitzschnelles Umschalten, die gesamte Mannschaft soll pausenlos unterwegs sein, soll Räume öffnen oder zustellen. Schachspiel im Sprinttempo. Für die meisten im RB-Team eine Überforderung.

"Es gibt keinen Grund, am Konzept zu zweifeln", brummt Rangnick, "wir sind ein lernendes System, und wir brauchen Zeit. Eine Aufstiegsgarantie haben wir mit dem jüngsten Team der zweiten Liga nicht."

Diese Sätze sagt Rangnick vor dem St.-Pauli-Spiel. Am vergangenen Sonntag, nach dem 0 : 1, wird er sie fast wortgleich wiederholen.

Wie einst Bayer Leverkusen

Rangnick will Spektakel bieten, um jeden Preis. Mutigen, offensiven, aggressiven Fußball. "Entertainment", wie er sagt, "von der ersten bis zur letzten Minute." Das ist wohl Rangnicks stille Hoffnung: Dass wenigstens das Spiel seines Teams geliebt wird, wenn schon der Klub verachtet wird. So wie Bayer Leverkusen Anfang des vergangenen Jahrzehnts geschätzt wurde für seinen Kombinationsfußball mit Ballack, Schneider und Zé Roberto - während der Verein als Plastik- und Pillenklub galt.

Ab in den Kübel: Nach dem Training kühlen die Spieler ihre Muskeln mit Eiswasser

Ab in den Kübel: Nach dem Training kühlen die Spieler ihre Muskeln mit Eiswasser

In Rangnicks Rücken tippeln die Spieler auf Stollenschuhen in das neue Trainingszentrum. 35 Millionen Euro hat es gekostet; Profis und Nachwuchsspieler sind dort untergebracht. Das Junioren-Internat ist gerade vom DFB ausgezeichnet worden, Prädikat "exzellent".

Sie setzen auf die Jugend in Leipzig, und das blenden viele Kritiker aus, die in Red Bull nur die Großkapitalisten sehen, die sich alles kaufen, was sie begehren. Von zehn Spielern, die zuletzt geholt wurden, sind neun jünger als 23 Jahre. Leipzig hat zwar in diesem Sommer mit 15,6 Mio Euro mehr Geld für Transfers ausgegeben als alle anderen 17 Zweitligisten zusammen - aber wer Rangnicks Personalpolitik verfolgt hat in den vergangenen Jahren, ahnt, dass auch dieses Investment eine Rendite abwerfen wird. Dass es eben nicht blindwütig ausgegebene Limonade-Millionen sind.

Transfer von Davie Selke sorgte für Aufsehen

Bei 1899 Hoffenheim, das Rangnick von 2006 bis 2011 betreute, profitieren sie noch heute von seinen Verpflichtungen. Vor wenigen Wochen erst wechselte Roberto Firmino, den Rangnick einst für vier Millionen aus der zweiten brasilianischen Liga geholt hatte, zum FC Liverpool. Hoffenheim strich 41 Millionen Euro ein. Zuvor brachten schon Carlos Eduardo (für 20 Millionen zu Rubin Kasan) und Luiz Gustavo (für 17 Millionen zum FC Bayern) und Demba Ba (für 7 Millionen zu West Ham United) viel Geld in die Kasse. Diese Spieler hatten unter Rangnick ihren Marktwert mindestens verdoppelt.

Davie Selke ist der teuerste Zugang der Leipziger in dieser Saison. Für acht Millionen Euro kam der 20 Jahre alte Stürmer aus Bremen. Ein aufsehenerregender Wechsel, denn Selke gilt als eines der größten Talente im deutschen Fußball. Torschützenkönig der U-19-Europameisterschaft, neun Tore in 31 Spielen für Werder. Und so jemand geht freiwillig in die Zweite Liga?

Toller Spieler und Sport-Politikum: Davie Selke wechselte für acht Millionen Euro von der Ersten in die Zweite Liga

Toller Spieler und Sport-Politikum: Davie Selke wechselte für acht Millionen Euro von der Ersten in die Zweite Liga

Selke sitzt im Hotel Kirchenwirt in Leogang, Tirol. Es ist Anfang Juli, RB Leipzig absolviert ein Trainingslager in den Bergen. "Herr Rangnick hat mir aufgezeigt, welchen Weg ich in Leipzig gehen kann", sagt Selke, "er wird mir dabei behilflich sein, Nationalspieler zu werden. Denn das ist mein großes Ziel."

Selke hat noch nicht viele Interviews gegeben in seiner Karriere. Ein junger Mann, der sich Mühe gibt mit seinen Antworten, als säße er in der mündlichen Prüfung.

RB Leipzig noch ohne Strahlkraft für Trainer

Bei solchen Spielern hat Rangnick es leicht, der studierte Sport- und Englischlehrer aus Backnang, Baden-Württemberg. Da verfangen seine Worte. Einen Plan machen, hart an sich arbeiten, Geduld haben - das ist Rangnicks Credo.

Selke zählt mit etwa einer Million Euro Gehalt zu den Spitzenverdienern in Leipzig. Diese Summe hätte er auch leicht in der ersten Liga verdienen können. "Ich sehe Leipzig nicht als Rückschritt", sagt Selke. "Im Gegenteil: Hier kann ich zu einem kompletten Spieler reifen."

Luft nach oben: Im Trainingslager in Tirol wurde das Team vorbereitet auf die Mission Aufstieg. Magere Zwischenbilanz: sieben Punkte aus vier Spielen.

Luft nach oben: Im Trainingslager in Tirol wurde das Team vorbereitet auf die Mission Aufstieg. Magere Zwischenbilanz: sieben Punkte aus vier Spielen.

Die Strahlkraft, die RB Leipzig auf junge Spieler ausübt, besitzt der Verein für Trainer noch nicht. Rangnick hat im Frühjahr vergeblich nach einem Übungsleiter gesucht. Der lange umworbene Thomas Tuchel entschied sich für Dortmund, Markus Gisdol blieb in Hoffenheim und Markus Weinzierl in Augsburg. Selbst ein Mann wie Sascha Lewandowski, Nachwuchstrainer in Leverkusen, war nicht nach Leipzig zu bewegen.

Wer will sich das schon antun, diese Feindseligkeit in fremden Stadien, die Beleidigungen und den Hass?

Sportdirektor Rangnick übernahm das Traineramt im Mai schließlich selbst.

Nur 17 Vereinsmitglieder stimmberechtigt

Sie sind bei RB Leipzig nicht gut darin, für sich zu werben und Sympathien zu gewinnen. Zwar ist das Geld, das sie von der Red Bull GmbH aus Salzburg kassieren, nicht anrüchiger als das, was Schalke von Gazprom nimmt oder Wolfsburg von VW oder Hoffenheim von SAP-Gründer Dietmar Hopp. Doch das große Unbehagen in der Fußballszene speist sich aus den Tricksereien, mit denen Red Bull geltendes Recht aushebelt. Das fängt schon bei der Namensgebung an: RB steht offiziell für "Rasenballsport", weil Werbung im Vereinsnamen verboten ist. Niemand in Leipzig jedoch nennt die Fußballer "Rasenballsportler", und der Verein spricht von sich selbst als die "Bullen". Da ist zudem die sogenannte "50+1-Regel", die geschickt umgangen wird. Diese Regel soll einen dominierenden Einfluss eines Kapitalanlegers bei einem Verein verhindern. RB Leipzig ist aber de facto eine Red-Bull-Filiale und von den Launen seines Geldgebers abhängig, auch wenn man eine juristische Konstruktion gefunden hat, die von der Deutschen Fußball Liga (DFL) akzeptiert wird.

Fußball ist ein romantischer Sport in Deutschland. Anders als die Formel 1 etwa - da hat es kaum einen Motorsportfan gestört, dass Sebastian Vettel seine vier Weltmeistertitel in einem Red-Bull-Auto holte. Fußball aber ist geerdeter; Fußball heißt Bratwurst und Dosenbier, heißt Stehplatz bei Wind und Wetter, heißt Treue ein Leben lang und das Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein.

Für die Spieler des RB Leipzig ist das Ziel klar definiert: der Aufstieg ins Fußball-Oberhaus

Für die Spieler des RB Leipzig ist das Ziel klar definiert: der Aufstieg ins Fußball-Oberhaus

Das haben sie bei RB Leipzig noch nicht begriffen. RB ist ein seltsam unnahbarer Verein. Er hat nur 17 stimmberechtigte Mitglieder. Der Jahresbeitrag liegt bei mindestens 800 Euro plus 100 Euro Aufnahmegebühr. Nicht jeder, der das zu zahlen bereit wäre und einen Antrag stellt, wird auch aufgenommen. Die wenigen stimmberechtigten Vereinsmitglieder sind mit Red Bull beruflich verbunden; man will unter sich bleiben.

Wichtigstes Projekt ist Leipzig

Daraus macht der Vorstandsvorsitzende Oliver Mintzlaff auch kein Geheimnis: "Wir wollen in der Lage sein, schnelle Entscheidungen zu treffen. Für uns ist nicht die Anzahl der stimmberechtigten Mitglieder entscheidend, sondern dass sie Aufgaben wahrnehmen und sich inhaltlich einbringen."

Mintzlaff, 40, amtiert bei Red Bull als "Head of Global Soccer"; er ist auch für die Klubs in New York, Salzburg, und Brasilien zuständig. Mintzlaffs mit Abstand wichtigstes Projekt ist Leipzig. Darauf schaut die Zentrale, darauf schaut Dietrich Mateschitz. Wenn Red Bull es schafft, einen Menschen vom Weltall aus auf die Erde springen zu lassen, dann sollte ein deutscher Meistertitel im Fußball auch möglich sein.

So denkt der Chef.

Das spüren alle bei RB Leipzig. Vor allem Ralf Rangnick. Eigentlich hatte Rangnick sich vorgenommen, nicht mehr als Trainer zu arbeiten. Er ist schon einmal zusammengebrochen unter dieser Last. Im September 2011, wenige Wochen nach Saisonbeginn, war Rangnick als Trainer des FC Schalke zurückgetreten. "Vegetatives Erschöpfungssyndrom" lautete die Diagnose. Rangnick zog sich für fast ein Jahr aus dem Fußball zurück.

Leer wie ein kaputter Handyakku

Wenn Rangnick heute über diese Zeit spricht, will er glauben machen, dass das ein längst überwundenes Problem sei. "Ich war damals leer wie ein kaputter Handyakku, nicht mehr aufladbar. Ich habe mich aber auch schlecht ernährt. Abends um zehn geschaut, was der Kühlschrank hergibt, mir den Bauch vollgeschlagen, ein Weizenbier dazu getrunken, und dann konnte ich nicht schlafen und war am nächsten Tag platt. Das passiert mir heute nicht mehr. Ich lebe viel bewusster." Wie zum Beweis nennt er sein Körpergewicht. 68 Kilo bei 1,81 Meter Größe. "So viel habe ich mit Mitte 20 gewogen", sagt er.

Und trotzdem. Rangnick arbeitet so viel wie nie zuvor. Da ist ein nervöses Flackern in seinem Blick, die rechte Fußspitze wippt ständig während des Gesprächs, er ist nicht der Mann, der in sich ruht und der er so gern wäre.

Rangnick scheint selbst zu merken, dass es so nicht mehr lange weitergeht in Leipzig. Die Doppelbelastung als Trainer und Sportdirektor, der gewaltige Erwartungsdruck, die ständigen Beschimpfungen. "Wäre schon schön, wenn es mit dem Aufstieg klappte", sagt er schließlich. "Dann finde ich vielleicht auch einen Trainer für uns."

Christian Ewers und Fotograf Philipp Spalek beobachteten im Trainingslager, dass zwar jede Menge Red-Bull-Dosen in den Kühlschränken lagerten - aber kaum ein Spieler sich einen Koffeinschub genehmigte. Stilles Wasser war der Durstlöscher Nummer eins.

Diese Reportage ist dem aktuellen stern entnommen.

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