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Champions League Das neue Chelsea schon in der Krise?


Der Portugiese Andre Villas-Boas soll einen neuen FC Chelsea schaffen. Nach nur elf Spieltagen steht der ehemalige Assistent von José Mourinho allerdings schon unter Druck. Dabei ist er der erste Trainer nach Mourinho, der wirklich etwas verändern will. Wir haben uns auf die taktischen Spuren des Guardiola-Fans gemacht.

Andre Villas-Boas kam für eine Ablösesumme von 13 Millionen Euro vom FC Porto zum FC Chelsea. Dort hatte der ehemalige Assistent von José Mourinho den portugiesischen Pokal, die Meisterschaft und die Europa League gewonnen. Der erst 34-jährige Villas-Boas sollte ein neues Chelsea kreieren, doch nun droht das Projekt schon frühzeitig aufgrund von Erfolglosigkeit zu scheitern. Wir haben uns auf die taktischen Spuren des Mourinho-Zöglings gemacht.

Auf den ersten Blick hat sich beim FC Chelsea nicht viel verändert. Die Blues spielen auch in dieser Saison das bekannte 4-3-3. Mit Petr Cech im Tor, Ashley Cole auf links Außen, John Terry und Branislav Ivanovic (oder David Luiz) zentral in der Viererkette, sowie José Bosingwa (oder Ivanovic) auf rechts Außen. Im Mittelfeld agiert meist John Obi Mikkel oder Raul Meireles als Sechser, Ramirez und Frank Lampard auf den Halbpositionen davor. Die Flügelstürmer sind Florent Malouda (oder Sturridge) und Juan Mata, in der Spitze spielt Fernando Torres, Nicolas Anelka oder Didier Drogba.

Die Veränderungen seit Mourinho

Trotz der Tatsache, dass Chelsea immer noch das typische 4-3-3-System spielt, hat sich Einiges seit dem Abgang von José Mourinho verändert. Mourinho ließ sein Team gerne tief und sehr kompakt stehen. Bei Ballbesitz des Gegners war seine Mannschaft in einer Art 4-5-1 formiert, löste sich dann zu einem 4-1-4-1. Mourinho spielte das 4-3-3 also taktisch durchaus variabel und konnte so gegen die in der Mehrzahl im 4-4-2 gegenüberstehenden Gegner in der Premier League Überzahl im Mittelfeld schaffen. Vor allem aber legte er großen Wert auf eine defensive Grundausrichtung. Und das mit Erfolg. In der ersten Mourinho-Saison kassierte Chelsea nur 15 Gegentore in 38 Spielen - ein englischer Rekord.

Auch Avram Grant und Guus Hiddink änderten an diesem Stil, vor allem in großen Spielen, nur wenig. Das Spielermaterial, auf das sich die Taktik stützte, blieb das Gleiche. Cech, Terry, Lampard, Drogba – sowie Spieler wie Cole, Ballack oder Malouda bildeten die Achse des Erfolges. Hiddink-Nachfolger Carlos Ancelotti wiederum versuchte sich zumindest phasenweise an einer neuen Grundformation, ohne die defensive Ausrichtung zu verändern.

Ancelotti zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Ancelotti ließ in Mailand gerne ein verkapptes 4-4-2, also eine Art 4-3-1-2, spielen. Den Versuch, dieses System auch in London einzuführen, gab er allerdings drei Monate nach Amtsantritt wieder auf. Der Grund waren die Verletzungen einiger Schlüsselspieler und das nicht vorhandene Spielermaterial für diese Taktik – denn zunächst hatte er mit diesem System durchaus Erfolg, gewann sechs der ersten sieben Saisonspiele.

Er wechselte zurück auf das 4-3-3 und zum gleichen Zeitpunkt der Saison (12. Spieltag) stand Ancelotti mit vier Punkten Vorsprung auf Man Utd auf Platz eins der Tabelle. Nach dem Kauf von Torres wechselte Carlos Ancelotti vom gewohnten 4-3-3 wieder auf ein 4-4-2 (4-3-1-2 ) mit Raute im Mittelfeld. Torres und Drogba bildeten den Sturm, Nicolas Anelka spielte dahinter. Nach der neunten Saisonniederlage und neun Punkten Rückstand auf Meister Manchester United wurde er jedoch vom Hof gejagt. Letztlich war er auch an der nicht gelösten Torres-Frage und der fehlenden Hierarchie im Sturm gescheitert. Ancelotti hatte es zwar nominell kurzzeitig mit einer offensiveren Aufstellung versucht, allerdings stand Chelsea auch unter dem Italiener bei Ballbesitz des Gegners sehr tief.

Mit betagtem Raumschiff in die Zukunft

Villas-Boas veränderte als erster Trainer nach Mourinho die defensive Spielweise der Blues. Der 34-jährige Portugiese lässt ein aggressives Pressing spielen und seine Mannschaft ist deutlich proaktiver als das Chelsea unter Mourinho. Er lässt die Abwehr relativ hoch stehen und spielt oft auf Abseits. Der "neue Mourinho“ ist also gar kein Mourinho-Anhänger. Zwar arbeite Villas-Boas sieben Jahre unter Mourinho, doch als Cheftrainer lässt er sein Team eher wie Barcelona spielen, somit scheint Pep Guardiola sein wahres Vorbild zu sein – was er auch selbst betont.

Barcelona als Vorbild

"Guardiola ist immer eine Inspiration für mich, da er es mit seinen Methoden geschafft hat, dass Barca einen fantastischen Fußball spielt. Ich habe Inter (unter Mourinho/Anm.d.Red.) verlassen, um mein eigenes Ding zu machen. Guardiolas Qualität und Philosophie dient jeden Tag als Vorbild für mich“, so Villas-Boas laut independent.co.uk. Villas-Boas sagte bei seinem Antritt, er stehe für "die Schönheit des Spiels“, doch auch der neue Stil, den der Portugiese implementieren will, muss kurzfristig Erfolg bringen.

Die Realität sieht anders aus. Chelsea hat in der Liga den Anschluss an die Spitze verpasst. Nach den Niederlagen gegen Arsenal und Liverpool und vier verlorenen Topspielen der Saison ist der Abstand auf Tabellenführer Manchester City auf zwölf Punkte angewachsen. Dazu kassierte Chelsea in zwölf Ligaspielen bereits 31 Gelbe und drei Rote Karten (im Schnitt 2,83 Karten pro Match). Geht es so weiter, bedeutet das Premier League-Rekord für die Blues (der bei bisher 2,37 Karten im Schnitt in der Saison 98-99 steht).

Das Problem der letzten Spiele

Chelsea begann gegen Liverpool mit dem klassischen 4-3-3. Die Außenspieler hatten Schwierigkeiten ins Spiel zu kommen. Dirk Kuyt stoppte die Vorstöße von Ashley Cole, Florent Malouda wurde der Raum genommen. Die Folge waren lange Bälle auf Drogba und herzlich wenig "Barca-Stil“. In der zweiten Hälfte wurde mit Daniel Sturridge ein weiterer Offensivspieler eingewechselt, Juan Mata wechselte in die Mitte und gab den Spielmacher in einem 4-2-1-3-System. Es lief in der Folge besser. Malouda fand in der zweiten Hälfte mehr Raum und wurde immer wieder von Lampard und Mata eingesetzt. Chelsea verlor das über weite Strecken überlegen geführte Spiel dennoch, da die Abschlussqualitäten sehr stark zu wünschen übrig ließen: 19 Schüsse Richtung Tor, doch nur zwei auf den Kasten von Pepe Reina.

Die taktischen Änderungen von Villas-Boas funktionierten in den bisherigen Saisonspielen in soweit, als dass Chelsea gegen die Topclubs gar nicht so schlecht aussah. Gegen Manchester United spielte man sich mehr Chancen als der Gegner heraus (22 zu 14) – doch verlor 1:3. Gegen Arsenal sah das ganze ähnlich aus. Chelsea hatte 14 Chancen, Arsenal 13 - am Ende hieß es 3:5 aus Sicht der Blues. Chelsea spielt also nicht schlecht. Die Spieler setzen die neue Taktik in vielen Ansätzen auch um, doch am Ende springt dabei zu wenig heraus. Die Chancenverwertung und das immer noch nicht gelöste Sturmproblem um Drogba, Torres und Anelka sind eine Sache, die vielen Gegentore eine andere.

Die hoch aufgerückte Abwehr

Innenverteidiger David Luiz gibt zu oft den wild gewordenen Lucio. "Er bewegt sich, als ob ihn ein Zehnjähriger auf der PlayStation steuert", sagte Sky-Sports-Experte Gary Neville nach dem 1:2 gegen Liverpool. Sein Partner in der zentralen Verteidigung, John Terry, spielt keine gute Saison, ist von der Rassismus-Affäre abgelenkt. Das Kernproblem bei Terry ist allerdings, dass der Verteidiger nicht mehr der Schnellste ist. Steht die Abwehr hoch und der Ball gelangt in seinen Rücken, tut er sich sehr schwer noch einmal Zugriff auf das Spielgerät zu bekommen. Er braucht einen intelligenten Nebenmann, der ihn absichert. Das David Luiz dies leisten kann, bleibt fraglich.

Man könnte also sagen, gerade in der Abwehr fehlt Villas-Boas das Personal, um sein riskantes Pressing-System erfolgreich spielen zu lassen. Chelsea hat in zwölf Ligaspielen 17 Gegentore kassiert. Schon wird über einen neuen Innenverteidiger diskutiert. Boltons Gary Cahill soll ins Visier von Villas-Boas geraten sein. Noch muss Villas-Boas aber mit den Spielern auskommen, die vorhanden sind.

Bekommt Villas-Boas die Zeit, die er braucht?

"Wir arbeiten viel am Pressing, wollen die Abwehr hoch aufstellen, damit das Team kompakt steht. Aber solche Veränderungen des Spielsystems brauchen Zeit, es braucht Zeit, um den Spielern eine neue Philosophie nahe zu bringen“, so Co-Trainer Di Matteo laut telegraph.co.uk. Ob der Chef von Di Matteo, der als sehr ehrgeizig und akribisch arbeitender Trainer gilt, diese Zeit aber bekommen wird, liegt an den Ergebnissen der kommenden Spiele und an Clubeigner Roman Abramovich.

Der Russe hat Villas-Boas geholt, um ein neues Chelsea zu kreieren. Er wollte eigentlich Pep Guardiola, den er aber nicht bekam. Stattdessen hat er einen überzeugten Anhänger von Guardiola geholt, der attraktiveren Fußball an die Stamford Bridge bringen sollte. Villas-Boas soll die Mannschaft verjüngen, ihr einen neuen Spielstil implementieren und das Ganze gepaart mit möglichst großem Erfolg im Tagesgeschäft. Doch eine neue systematische Ausrichtung braucht seine Zeit und verlangt zum Teil auch neues Spielermaterial.

Kommt Hiddink zurück?

Die drängendsten Aufgaben für den Portugiesen sind nun die Sturmproblematik um Drogba, Torres und Anelka, sowie die Probleme in der Innenverteidigung. Ob Villas-Boas die Zeit bekommt, um diese Aufgaben anzugehen, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Eine Niederlage in Leverkusen und die Zeit für den ganz großen Wurf könnte schon früh abgelaufen sein. Der Name Guus Hidink macht bereits die Runde, allerdings dementiert der Niederländer den Kontakt zum FC Chelsea. Dann würde es nach kurzer Zeit heißen: Der FC Chelsea, zurück aus der Zukunft.

Michel Massing

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