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Champions League Neapels Stürmer Edinson Cavani im Porträt


Er ist ein nahezu perfekter Stürmer, der aus allen Lagen treffen kann. In Neapel wird er zudem schon wie ein Heiliger verehrt, obwohl er so ganz anders ist als das ewige Idol Diego Maradona. Die Rede ist von Edinson Cavani, der Bayerns Abwehr erstmals vor Probleme stellen könnte. Wir stellen den Uruguayer vor.

Wenn der FC Bayern in der Champions League bei Napoli antreten muss, erwarten den Gruppenfavoriten knapp 50.000 frenetische – ja fast schon fanatische – Tifosi, eine eingespielte und selbstbewusste Mannschaft und mit Edinson Cavani, Marek Hamsik und Ezequiel Lavezzi ein atemberaubendes Offensiv-Dreieck.

Trainer Walter Mazzarri hat mit Napoli das 3-4-3 nicht nur in Italien, sondern mittlerweile sogar in Europa wieder salonfähig gemacht. Schon in der vergangenen Saison spielte die Società Sportiva Calcio um die Meisterschaft mit, am Ende fehlte aber die für den Titelkampf nötige Konstanz. Nun steht Napoli in der Serie A wieder oben und überzeugte auch in der Königsklasse – ohne Cavani wäre diese Erfolgsstory kaum möglich gewesen.

Wir erzählen die Geschichte des Uruguayers, der – obwohl sie vom Typ her kaum unterschiedlicher sein könnten – in Neapel bereits einen Heldenstatus wie Diego Maradona erlangt hat. In jedem Fall bekommt die bisher zurecht so hoch gelobte Abwehr des FC Bayern mit Cavani und seinen Kollegen einen wirklichen Härtetest präsentiert.

Napoli hat einen neuen Heiligen

Darüber kann auch die verpatzte Generalprobe in der Serie A nicht hinwegtäuschen. Napoli wurde im Heimspiel gegen den FC Parma Opfer einer Krankheit, die viele Mannschaften befällt, die erstmals im Konzert der ganz Großen mitspielen. Vor dem vermeintlichen Spiel des Jahres, und als solches wird die Partie gegen die großen Bayern gesehen, fehlte ein Stück Konzentration und so verloren die Himmelblauen mit 1:2.

Trotzdem war auf den Tribünen im San Paolo ein wenig Erleichterung zu spüren, denn Cavani hat seine in der Champions League gegen Villarreal erlittene Sprunggelenksverletzung auskuriert, konnte schon gegen Parma spielen und wird auch gegen die Bayern auflaufen. El Matador hat die Herzen der Neapolitaner nicht nur wegen seiner 26 Tore der vergangenen Saison im Sturm erobert, Cavani wird wegen seiner Art als einer der Ihren wahrgenommen.

Anders als Maradona, der Neapel 1987 und 1990 die einzigen beiden Meisterschaften in der Club-Historie bescherte und vor allem deshalb geliebt wird, brauchte Cavani nur eine Saison ohne Titel, um einen ähnlichen Beliebtheitsgrad zu erlangen. Maradona kam bereits als Weltstar, er erfüllte die Hoffnung der Menschen auf Erfolge und den Wunsch, den großen Clubs aus dem Norden Paroli bieten zu können, mit neuem Leben. Sein exzessiver Lebenswandel, der nach dem Kokain-Skandal letztlich auch zur Vertragsauflösung 1991 führte, wurde nicht nur akzeptiert, er war ein weiteres Puzzlestück im Heldenepos.

Cavani setzt ganz andere Akzente und auch das kommt in der immer noch von der Camorra beherrschten Stadt gut an. El Matador ist bescheiden, alles andere als ein Lebemann, ihm geht seine Familie – der 24-Jährige lebt mit Frau und Kind in Neapel – über alles und ähnlich wichtig ist ihm sein Glaube zu Gott. Wie Kaka oder Lucio gehört er den "Atleti di Cristo" an, einer Vereinigung evangelikaler Sportler. "Meine Werte sind dieselben geblieben: Die Familie, die Freunde und der Glaube an Gott", sagt Cavani, wenn er in Italien nach möglichen Veränderungen durch den Erfolg gefragt wird.

"Diego war einzigartig"

So verwundert es auch nicht, wenn der Topscorer der Himmelblauen Vergleichen mit Maradona ausweicht. Aber auch hier ist Cavani zu bescheiden und wohl erzogen, um die offensichtlichen Unterschiede deutlich zu machen und Maradona damit womöglich in einem schlechten Licht dastehen zu lassen. "Die Vergleiche mit Maradona beeinflussen mich nicht", erzählte Cavani in der Corriere dello Sport. "Diego war einzigartig und man kann ihn gar nicht imitieren. Er war ein Idol und wie ein Gott für diese Stadt."

Ein Gang durch die Innenstadt Neapels gibt Cavani Recht, diverse Wandmalereien und Devotionalien zeugen immer noch von dessen Bedeutung. Doch die Cavani-Puppen und die Bilder des Stürmers mit Heiligenschein holen auf – laut Gazzetta dello Sport bekommt man in Neapel sogar schon die Pizza El Matador, die zu Cavanis Ehren kreiert wurde.

Mancini schwärmt

Die Fans in Neapel können ernsthaft darauf hoffen, Cavani noch lange in ihrem Team zu sehen. Denn Cavani ist bis 2016 an den Club gebunden und er fühlt sich in seiner neuen Heimat ausgesprochen wohl ("Die Leidenschaft und Intensität der Fans ist unbeschreiblich. Neapel ist fußballsüchtig, das ist wunderschön"). Vor allem aber hat Präsident Aurelio De Laurentiis allen Abwerbungsversuchen einen Riegel vorgeschoben: "Ich würde ihn nicht für 100 Millionen Euro verkaufen", sagte er laut sport.sf.tv.

Denn die Konkurrenz ist naturgemäß schon hellwach, wenn es um Cavani geht. So bekundete Manchester Citys Trainer Roberto Mancini vor dem Champions League-Spiel seiner Mannschaft gegen Napoli gegenüber Il Domani dello Sport fast nebenbei sein Interesse: "Cavani war der erste Stürmer, den ich Inter-Präsident Massimo Moratti empfohlen habe. Sie können Moratti fragen, ich habe ihn in seinem zweiten Spiel in Italien gesehen und wollte ihn direkt haben."

Dabei sprach zunächst gar nicht soviel für den Aufstieg zu einem der besten Stürmer der Serie A. In Salto im Nordwesten Uruguays geboren und beim Danubio Futbol Club ausgebildet, ging sein Stern 2007 bei der U20-Südamerika-Meisterschaft auf, direkt im Anschluss nahm er ein Angebot aus Palermo an. In Sizilien wurde er zunächst nur als Joker eingesetzt, erst nach dem Weggang von Amauri zu Juventus hatte Cavani einen Stammplatz sicher.

Mit 34 Toren in 109 Spielen für Palermo liest sich seine Bilanz der ersten drei Jahre in Italien nicht wirklich überragend und auch bei der WM 2010 in Südafrika stand er im Schatten von Diego Forlan und traf nur im Spiel um Platz drei gegen Deutschland. Trotzdem wollte ihn Mazzarri unbedingt für Napoli gewinnen und fädelte zunächst ein Leihgeschäft ein. Im vergangenen Sommer wurde Cavani dann für 16 Millionen Euro fest verpflichtet, es war so etwas wie die Versöhnung von De Laurentiis mit den Fans. 2010 hatte der Präsident Fabio Quagliarella gehen lassen, das wurde ihm von vielen Anhängern übel genommen.

Ein Typ wie Mario Kempes

Was genau macht Cavani aber nun zu einem der besten Stürmer auf dem Planeten? In jedem Fall kommen seine Qualitäten in Mazzarris System richtig zum Tragen. El Matador ist sehr laufstark, hilft seiner Mannschaft nicht nur durch Tore, er arbeitet auch viel nach hinten und leitet mit seiner Sprintstärke häufig die gefährlichen Konter ein – und verwertet sie dann auch selbst gerne.

Damit erinnert Cavani nicht nur den ehemaligen Inter-Spieler Diego Simeone an Argentiniens WM-Helden von 1978, Mario Kempes. "Edinson ist ein außergewöhnlicher Spieler, seine Bewegungen und seine Art erinnern mich an Mario", sagte Simeone gegenüber Tuttosport. Seit seiner Ankunft in Neapel kommt auch die Abgeklärtheit eines Torjägers hinzu, Cavani ist beidfüßig, trifft auch mit dem Kopf, er schließt als Strafraumstürmer ab, schießt aus der Distanz und glänzt zudem noch als Kombinationsspieler und Vorbereiter für Hamsik und Lavezzi.

In dieser Saison läuft es bei Cavani vor allem international. Gegen Man City und Villarreal hat er genauso getroffen wie in der WM-Qualifikation für Uruguay gegen Bolivien. In der Serie A hielt sich Cavani zurück, mit einer Ausnahme: Im Spitzenspiel gegen den AC Mailand netzte er gleich dreimal ein und brachte Neapel einen Tag vor dem Festtag des Stadtpatrons San Gennaro zum Kochen. Erzbischof Crescenzio Sepe verkündete daraufhin: "Cavani schießt in diesem Jahr 150 Tore." Spätestens dann wird er wohl wirklich heilig gesprochen.

Marcus Krämer

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