Cristiano Ronaldo 94 Millionen, der Außerirdische


Jetzt ist es offiziell: Cristiano Ronaldo ist der teuerste Fußballer der Welt. Nicht nur, weil er auf dem Rasen der Beste ist. Der Stürmer, der für 94 Millionen Euro zu Real Madrid wechseln wird, turtelt mit Paris Hilton und posiert als sexy Latino. Perfekt für einen Klub, der endlich wieder glänzen will.
Von Wigbert Löer

Er schwieg, überließ es den beiden Vereinen anzukündigen, dass Großes sich ereigne. Aber gänzlich unbemerkt wollte Cristiano Ronaldo vergangene Woche auch nicht bleiben. Es ging ja um ihn, den ab sofort teuersten Spieler der Welt, der für kaum vorstellbare 94 Millionen Euro von Manchester United zu Real Madrid wechseln wird. Die "Königlichen" überwiesen den Geldbatzen nach Angaben des Sportblatts "Marca" nun mit einem Schlag auf die Konten von "ManU". In Los Angeles urlaubend, knutschte Ronaldo in einer Bar mit Paris Hilton. Später, in einer Wohnung, ließen der beste Fußballspieler und die bekannteste Hotelerbin der Welt die Vorhänge offen. Die Paparazzi machten ihren Job.

Cristiano Ronaldo dos Santos Aveiro, 24, aufgewachsen auf Madeira und benannt nach Ronald Reagan, liebt solche Aufmerksamkeit. Er will sie auf dem Platz und jenseits des Rasens, und wahrscheinlich verlässt der Portugiese Manchester genau deshalb: Der Verein hatte ihm Geld, Triumphe und die beste Mannschaft der letzten Jahre geboten. Ronaldo aber braucht mehr.

Fußballkunst, Effektivität und Erfolg vereint er schon, gleichzeitig wächst er zur globalen Marke. Zinedine Zidane, dem bisher teuersten Spieler der Welt, gelang auf dem Rasen Ähnliches wie Ronaldo, David Beckham außerhalb der Stadien. Ronaldo ist der Erste und Einzige, der Fußball und Glamour jeweils auf Höchstniveau bedient. Der die einen mit neuer Schusstechnik begeistert, die anderen mit Ganzkörperrasur und Affären. Paris Hiltons hätte es gar nicht mehr bedurft.

Nur die Besten

Die beinahe neunstellige Ablösesumme finden in Krisenzeiten sogar Fans von Real Madrid verwerflich. Doch der Bauunternehmer Florentino Pérez, nach drei Jahren Pause erneut Präsident des Klubs, hatte versprochen, schlicht die Besten zu holen. Neben dem Brasilianer Kaká vom AC Mailand (65 Millionen Euro) stehen Valencias Wunderstürmer David Villa (etwa 50 Millionen) und Münchens Franck Ribéry (rund 60 Millionen) auf seinem Zettel. Vor ein paar Jahren kaufte Pérez schon einmal ein, sein Team mit Zidane, Figo und Beckham nannte er "Los Galácticos". Den Chef-Außerirdischen kann diesmal nur Ronaldo spielen.

Moskau, Luschniki-Stadion, Mai 2008, der Tag seines größten Triumphes. Ein betont gelassener Champions-League-Sieger tritt aus der Kabine. Ronaldo hat Manchester in Führung gebracht, beim Elfmeterschießen aber versagt. Doch nun strahlt er, die linke Hand in der Hosentasche seines silbergrauen Anzugs, ein rotes Gucci-Täschchen über der Schulter, in beiden Ohren riesige Brillantstecker. Je aufdringlicher die Journalisten ihm die Mikros entgegenstrecken, umso ruhiger spricht Ronaldo zu ihnen. Er kostet es aus, dass man sich um ihm drängelt.

Keinen Monat später verliert Portugal das Viertelfinale der Europameisterschaft 2 : 3 gegen Deutschland. Die Fans hatten ihn empfangen wie einen Erlöser, er sollte die Fußballnation der großen Namen endlich nach oben führen. Nun liegt Portugal am Boden. Es ist auch Ronaldos schlimmste Niederlage. Doch er zeigt sich nicht mal ein Stückchen zerstört. Mit leichtem Schritt wippt er von Interview zu Interview, macht Witze, spricht ernst, lacht, begrüßt eine zehn Jahre ältere Journalistin mit Küsschen.

Ein fast perfekter Spieler

Sich unverwundbar geben, wenn man k. o. gegangen ist - Ronaldo darf das wohl. Bei Manchester und in Portugals Nationalelf haben sie ihn nie infrage gestellt. Der 1,85 Meter große Angreifer hat sich auf fast jede Disziplin spezialisiert, er kommt dem Ideal des kompletten Spielers so nah wie niemand vor ihm. Ronaldo explodiert mit dem Ball, narrt Gegner, erzielt wuchtige Kopfballtore und schießt Vollspann- Freistöße, die über die Mauer zischen wie ein Topspin beim Tennis übers Netz. Er spielt wendig und schnell, auch kantig und robust, ist Flügelflitzer und Strafraumwühler in einer Person.

Einen 18-jährigen Artisten mit Hochbegabung hatte Manchester 2003 von Sporting Lissabon gekauft. Der Trainer Alex Ferguson, ein Schotte im Pensionsalter, formte Ronaldo zu einem effektiven Spieler, der sich bald kaum noch in brotloser Kunst verlor. Bis heute gefällt er sich auf dem Rasen, inszeniert Freistöße wie ein Pistolero sein Duell auf der Mainstreet, sucht gleich nach dem Schuss die Kameras, ein Gockel, dessen Selbstverliebtheit viele auch verachten.

Alex Ferguson nahm auf Ronaldos Alter keine Rücksicht - er zwang ihn in die Verantwortung. Sein Werkzeug war die Sieben. In Manchester ist das die beste Möglichkeit, mit einem Spieler Ernst zu machen. Die Rückennummer Sieben trug George Best, eine Mischung aus Netzer und Gerd Müller, danach der große Eric Cantona, schließlich Beckham. Cristiano Ronaldo spürte die Bürde und bat um die 28. Aber Ferguson blieb hart.

Unbeirrbarer Aufsteiger

Ronaldo lernte in England auch, seine Nerven zu kontrollieren. Im WM-Viertelfinale 2006 in Gelsenkirchen forderte er den Schiedsrichter auf, Wayne Rooney, seinen Teamkameraden aus Manchester, nach einem Unterleib- Tritt vom Platz zu werfen. Weil der Engländer dann tatsächlich die rote Karte sah, druckte die "Sun" Ronaldos Gesicht als Dartscheibe. Ronaldo blieb. Er ertrug Morddrohungen und Hass. Und spielte immer stärker.

Kein Spieler war bei Manchester durchschnittlich länger in Ballbesitz als Ronaldo, niemand wurde häufiger angespielt. Funktioniert solch ein System bei Real Madrid? Lassen sich die anderen Superstars zu Gehilfen degradieren? Auch Kaká und Ribéry sind es gewohnt, dass das Spiel auf sie zugeschnitten ist. In Madrid hoffen sie, dass es irgendwie gut gehen wird.

Strahlendes Wunderkind

Ronaldo will strahlen, und dass die Welt auf Real schaut, kommt Ronaldo gerade recht. Spaniens Kapitale mit dem ruhmreichsten Klub der Welt ist ein besserer Standort als Mittelengland für einen, den viele auch als Popstar wahrnehmen, zuerst er selbst. Die Welt soll teilhaben an ihm.

Und so äußert sich Ronaldo ausführlich - wenn er die Themen bestimmen darf. In seinem Buch "Moments" erklärt er seinen Swimmingpool (in Form einer Sieben) und die "fantastische Beziehung" zu seiner Mutter ("Ich war immer ihr kleiner Junge, und noch heute behandelt sie mich wie ein Baby"). Er erzählt, wie er 2005 in Moskau durch Nationaltrainer Scolari vom Tod seines Vaters erfuhr - und tags darauf, weil er das wollte, auf dem Platz stand. Die anderen Nationalspieler hätten damals mit der Situation nicht umgehen können. "Ich sagte ihnen, sie sollten sie selbst sein. Ich ermunterte sie zu lachen. Ich spürte, dass ich sie stimulieren musste." Es ist die Hybris eines Wunderkindes: Der Trauernde wollte die anderen trösten.

Ronaldo, der Familienmensch. Und nicht nur das. Er inszeniert sich als Hobbykoch und Beachboy, als netter Junge von nebenan und sinnlicher Latino. Ein britisches Homosexuellen-Magazin hat ihn gerade zum "Sexiest Man Alive" gekürt. Dass Zitate von Paris Hilton auftauchten, die besagen, er sei tausendmal besser als ihr Ex, wird ihn nicht überrascht haben.

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