Der Fall Dejagah Vertrackte Gemengelage


Ein Nationalspieler wagt es, ein Länderspiel in Israel abzusagen. Diverse Organe und Institutionen in Deutschland stellen daraufhin Ashkan Dejagah übertrieben schnell an den Pranger. Der einzige Ausweg für den Fußballer: vorläufiges Wegbleiben vom Wolfsburger Trainingsalltag - eine traurige Entwicklung.
Von Frank Hellmann

So weit ist es also schon gekommen. Nicht einmal am Training des VfL Wolfsburg konnte Ashkan Dejagah teilnehmen. Nicht, dass der gestrenge Felix Magath mit seinem 21-jährigen Spieler iranischer Herkunft unzufrieden wäre und ihn kurzerhand aus dem Kader komplimentiert hätte. Dejagah hat frei bekommen, weil der Rummel um seine Person zu groß geworden ist, seit der Profi mit deutschem und iranischem Pass es gewagt hat, das Länderspiel der U 21-Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Israel abzusagen. Im kleinen Kreis hat Dejagah dies mit politischen Problemen begründet. Und nun ganz gewaltige Probleme bekommen.

Politiker aller Couleur, der größte Sportverband der Welt, der Deutsche Olympische Sportbund, iranische Medien und natürlich auch der Zentralrat der Juden kommentieren und debattieren nun einen Fall, dessen Dimensionen gerade maßlos überhöht werden. Das staatliche Fernsehen im Iran feiert einen Mitbürger, der das seit 1979 geltende Verbot, nach Israel einzureisen, befolgt. Diverse Organe und Institutionen in Deutschland stellen dagegen den Nationalspieler an den Pranger. Der einzige Ausweg für den Fußballer: vorläufiges Wegbleiben vom Wolfsburger Trainingsalltag. Das allein ist eine traurige Entwicklung.

Befürchtete Repressalien im persönlichen Umfeld

Sicherlich macht es sich VfL-Aufsichtsrat und VW-Kommunikationschef Stephan Grühsem zu einfach, wenn er sagt, die Geschichte sei unpolitisch und allein vom menschlichen Aspekt zu betrachten. Das ist nämlich genauso Nonsens wie der abstruse Vorwurf, dem Spieler antisemitische Absichten zu unterstellen. Wenn Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden, verlangt, Dejagah auf Lebzeiten aus den DFB-Nationalteams zu verbannen, ist das populistisch und überzogen.

Natürlich ist auch der Deutsche Fußball-Bund nicht ganz unschuldig an dem entstandenen Hype um einen bis heute recht unbedarften Deutsch-Iraner, der wegen Unfallflucht und Fahren ohne Führerschein schon Strafen von 40000 Euro angehäuft hat, aber dessen Absage schon aus seiner Vita weniger auf politische Motive schließen lässt, sondern schlicht auf befürchtete Repressalien im persönlichen Umfeld. Der Bruder von Ashkan Dejagah, Ardeshir Dejagah spielt nämlich noch für einen Verein in der iranischen Hauptstadt Teheran. Und man mag nur vermuten, in welchem Zwiespalt sich Dejagah befindet, wenn aus dessen Umfeld massive Drohungen eingehen.

Darf ein Spieler als Synonym für verfeindete Staaten gelten?

Insofern hat Theo Zwanziger dem Fußballprofi einen Bärendienst erwiesen, als er sogleich nach Dejagahs Anruf bei Dieter Eilts wortreich ankündigte, er werde es nicht hinnehmen, dass ein Nationalspieler aus Gründen der Weltanschauung ein Länderspiel absagt. Der DFB-Präsident tat gut daran, am Tag darauf seine Aussage zu relativieren und einzuräumen, man hätte vor solchen Statements "mehr nachfragen und nachbohren müssen". Nun soll ein persönliches Gespräch Aufklärung bringen, und Zwanziger will persönlich entscheiden, ob der talentierte Offensivmann noch für schwarz-rot-goldene Auswahlmannschaften nominiert werden kann. In einem hat Zwanziger fraglos Recht: "Heute bin ich Iraner, morgen Deutscher, wie es mir passt, das wird nicht gehen", sagte der DFB-Boss. Aber der Jurist aus Altendiez weiß nur zu gut, dass bei vielen Bürgern längst zwei Herzen in einer Brust schlagen. Dort geboren, hier aufgewachsen, die Eltern von da, die Freunde von hier. In diesem Zwiespalt lebt nicht nur Ashkan Dejagah. Und wer zudem die Befindlichkeiten im Alltag der Berliner Problemviertel kennt, in denen er groß wurde, der weiß, wie mitunter Konflikte gelöst werden: ohne viele Worte, ohne große Abwägung. Manchmal mit bloßer Gewalt. Darf ein Spieler nun als Synonym für verfeindete Staaten gelten; dafür, dass der Iran den sportlichen Wettkampf mit Israel verbietet? Dies Dilemma hat nicht einmal die asiatische Fußball-Konföderation bis heute gelöst, sonst würde Israel nicht sportpolitisch zu Europa gehören und dort auch die EM-Qualifikation ausspielen.

Vielleicht hätte sich der auf dem Polit-Parkett ausgerutschte Jung-Profi nur ein bisschen besser beraten lassen müssen, wie solch ein Problem zu umgehen ist. Und wäre auf Vahid Hashemian gestoßen. Der iranische Stürmer von Hannover 96 umging in der Saison 2004/2005, damals beim FC Bayern München unter Vertrag, einfach ein ähnliches Problem, in dem er sich vor dem Gastsspiel in der Champions League bei Maccabi Tel Aviv genau rechtzeitig rätselhaft verletzt zeigte. Bei Dejagah hätte es einfach eine Muskelverhärtung getan. Und die hätte heute schon wieder ein Mitwirken am Trainingsbetrieb ermöglich. Und keiner hätte es gemerkt.


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