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Dortmund versus Bayern: Rütteln an der Vormachtstellung

Borussia Dortmund hat den Titel verteidigt. Außer dem FC Bayern ist das seit fast 30 Jahren keinem anderen Bundesligisten geglückt. Kann der BVB auch auf Dauer auf Augenhöhe mit den Bayern bleiben?

Von Daniel Raecke

Borussia Dortmund ist Meister. Zum zweiten Mal in Folge. Das stößt nicht nur auf Schalke auf Verstimmung. Auch in München reagierte man gereizt, zuletzt vor einer Woche in Person von Bayern-Präsident Uli Hoeneß, der seinem Frust bei "Sky" Luft machte, indem er BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke attackierte. Die medialen Angriffe wurden, wie das üblich ist, von Watzke zurückgewiesen, aber gleichwohl kreuz und quer durch fast alle deutschen Medien diskutiert.

Dabei war ein auffälliger Konsens zu beobachten: Der FC Bayern, so die herrschende Meinung, werde "noch lange" die Nummer eins im deutschen Fußball bleiben. Aber was heißt das eigentlich genau? Und woran wird diese Stellung festgemacht? Den Titelgewinn des BVB halten wir für einen guten Anlass, um die tatsächlichen Perspektiven von Borussia Dortmund zu bewerten und mit denen der Münchner zu vergleichen.

In den letzten knapp 30 Jahren hat es nur ein Club außer den Bayern geschafft, seinen Meistertitel in der Bundesliga zu verteidigen: Borussia Dortmund. Nach dem ersten Doppelschlag 1996 gewann der BVB im Folgejahr die Champions League - und war wenige Jahre später fast pleite. Nun hat Dortmund es wieder geschafft. Und jetzt?

Nach den Dortmunder Meisterschaften der 1990er Jahre sicherte Bayern sich wenig später die Dienste von Meistertrainer Ottmar Hitzfeld, der die Münchner zu vier Meistertiteln, zwei DFB-Pokalen und einem Champions League-Sieg führte. Hitzfeld ist der erfolgreichste deutsche Clubtrainer der letzten Jahrzehnte. Droht mit Jürgen Klopp ein ähnliches Szenario? Um das besser einschätzen zu können, muss man die Situation etwas differenzierter betrachten.

1. Die finanziellen Perspektiven

Geld schießt Tore, von Ausnahmen abgesehen. In den meisten großen europäischen Ligen unterscheiden sich die Abschlusstabellen nicht sehr von den Umsatzranglisten. Nach dieser Logik müsste Bayern nicht nur jedes Jahr um den Titel mitspielen, sondern ihn eigentlich auch jedes Jahr gewinnen. Die Einnahmen der Münchner in der letzten kompletten Saison, für die offiziell veröffentlichte Zahlen vorliegen, sind nicht nur in der Gesamtsumme mehr als doppelt so hoch wie die des BVB (321,4 Millionen Euro gegenüber 138,5 Millionen Euro, wie alle folgenden ökonomischen Zahlen nach Aufstellung der Unternehmensberatung Deloitte), sondern auch in jedem Einzelsegment mindestens doppelt so hoch.

Rund die zweieinhalbfache Menge an Fernsehgeldern nahmen die Bayern 2010/11 ein, wobei die Summe von etwas mehr als 70 Millionen Euro sich in dieser Saison wieder erhöhen dürfte, weil die Münchner in der Champions League wesentlich besser abgeschnitten haben, genau da, wo die Einnahmenvorsprünge gegenüber der Bundesligakonkurrenz traditionell herausspringen. Dortmund wird in der aktuellen Spielzeit hier ebenfalls einen (wenn auch kleineren) Sprung machen, weil es in der Champions League auch in der Gruppenphase viel mehr Geld zu verdienen gibt als in der Europa League, in der Dortmund in der Vorsaison spielte.

Bayern einsame Spitze bei den Einnahmen

Die Einnahmen am Spieltag durch Ticketverkäufe, Catering etc. sind in München, obwohl das Stadion kleiner ist als das in Dortmund, deutlich höher: Hier nahm Bayern in der vergangenen Saison knapp 72 Millionen Euro ein, der BVB nicht einmal 30 Millionen. Die Gründe für diese auf den ersten Blick erstaunliche Diskrepanz sind vielfältig. Die hohe Anzahl an Stehplätzen im Westfalenstadion sowie die generell niedrigeren Kartenpreise führen dazu, dass die durchschnittlichen Einnahmen je Zuschauer in Dortmund 2010/11 die niedrigsten aller europäischen Spitzenclubs waren.

Schließlich erzielt der BVB zwar schon länger relativ große Einnahmen aus dem Bereich Sponsoring und Merchandising, aber die knapp 80 Millionen Euro, die aus diesen Quellen 2010/11 in die Kassen des Clubs flossen, können ebenfalls nicht annähernd mit den Einnahmen der Bayern mithalten, die fast 180 Millionen Euro aus solchen kommerziellen Aktivitäten generierten - deutlich mehr als alles, was Borussia Dortmund überhaupt einnahm.

Der einzige Sektor, in dem Borussia Dortmund bei anhaltendem Erfolg zuzutrauen ist, in absehbarer Zeit zu den Bayern aufzuschließen, ist der Bereich Fernseheinnahmen, aber auch das nur, wenn der BVB in der Champions League genauso erfolgreich wäre wie die Münchner. Sponsoring- und Merchandisingeinnahmen ließen sich theoretisch auch deutlich steigern, aber dafür bräuchte es schon einen regelrechten Angriff auf die Position der Bayern im deutschen und europäischen Markt.

2. Die sportlichen Perspektiven

"Dortmund hat keine Weltklassespieler", so Hoeneß' vermeintlich hartes Urteil über den Kader des Konkurrenten. Genau genommen eine richtige Aussage. Aber sehr fragwürdig für die Bayern, denn sie haben ja Weltklassespieler, und wenn ein Club, der mehr als doppelt so viel Umsatz erzielt wie ein Konkurrent und außerdem den besseren Kader hat, zwei Jahre hintereinander den Rivalen nicht besiegen kann, dann läuft da einiges falsch.

Sehen wir uns aber die Aussichten für die kommende Saison in beiden Fällen an. Bestätigte namhafte Zugänge sind Marco Reus beim BVB und Xherdan Shaqiri bei den Bayern - beides klare Verstärkungen. Dazu kommen junge Perspektivspieler wie Leonardo Bittencourt (Dortmund) und Emre Can (Bayern), die aber kaum den Unterschied im kommenden Titelrennen ausmachen werden.

Rechnet man den allseits erwarteten Dante-Transfer zu den Bayern ein, und erst recht, wenn Shinji Kagawa die Dortmunder verlassen sollte, so würde sich dieses Gleichgewicht in Richtung der Münchner neigen. Das muss aber nicht viel heißen, denn der Bayern-Kader wurde für die aktuelle Saison klar verstärkt, während Nuri Sahin Dortmund verließ, was aber am Saisonausgang nichts Entscheidendes geändert hat.

Bleibt die Champions League - nicht nur auf der Prestigeebene, sondern wie oben ausgeführt vor allem auch in Sachen Einnahmen die eigentlich entscheidende Bühne für einen europäischen Spitzenclub. Dabei geht es nicht unbedingt darum, sie zu gewinnen. Das ist nicht leicht und den Bayern schließlich in den letzten 35 Jahren auch nicht öfter gelungen als etwa dem BVB. Es geht darum, regelmäßig weit zu kommen. Noch genauer: Weiter zu kommen als die nationale Konkurrenz.

Während viele deutsche Fußballfans nahezu jedes internationale Spiel hinsichtlich seiner Auswirkungen auf die UEFA-Fünfjahreswertung betrachten, stellt sich die Performance der Bundesligisten in Europa etwa für den FC Bayern ganz anders dar. Tatsächlich wäre es den Verantwortlichen an der Säbener Straße nicht zu verdenken, wenn sie sich abgeklatscht hätten, nachdem Leverkusen gegen Barcelona gelost wurde.

Denn objektiv profitiert jeder Bundesligist davon, wenn die nationale Konkurrenz ausscheidet. Barcelona und Manchester United machen Bayern keine UEFA-Prämien streitig. Aber jede Runde, die andere deutsche Clubs weiterkommen, bedeutet handfest weniger Geld für die nationale Konkurrenz.

Kann Dortmund nur Bundesliga?

Mehr als die Hälfte der vom Verband ausgeschütteten Gelder berechnen sich nach den nationalen sogenannten Market Pools. Die angesichts des lukrativen deutschen Marktes sehr hohe Gesamtsumme für die deutschen CL-Teilnehmer wird unter diesen aufgeteilt, wobei die Tabellenposition der nationalen Vorsaison und die Anzahl der Spiele in der Champions League den Schlüssel bestimmen.

Wenn Uli Hoeneß also Dortmund "den Ritterschlag" vorenthalten will, bevor der BVB nicht in der Champions League Erfolg habe, so könnte man es ihm nicht verdenken, wenn er hoffte, dass genau das nicht eintritt. Aber wie groß sind denn die Chancen in Europa?

Dass Dortmund seine nationale Dominanz international nicht zur Geltung bringen konnte, legt zwei vereinfachte Schlüsse nahe: Entweder die Spielweise des Teams eignet sich für die Bundesliga, ist in Europa aber nicht konkurrenzfähig. Oder die ungewohnte Doppelbelastung verhinderte in der ersten CL-Saison für Jürgen Klopps Team die volle Entfaltung des Potenzials seiner Mannschaft.

Natürlich kann auch von beidem etwas stimmen. Arsenal etwa hatte auch in den besten Jahren unter Arsène Wenger, als die Gunners in der Premier League jedes Jahr um den Titel mitspielten, bis auf wenige Ausnahmen immer Probleme, wenn es an die KO-Spiele in der Champions League ging. Doch die Teams, an denen Dortmund in dieser Saison gescheitert ist, waren im Fall von Olympiakos und Marseille ja nicht besser als die Topteams der Bundesliga, gegen die der BVB eine makellose Bilanz aufweist.

Das - und die Tatsache, dass das CL-Aus in einer Saisonphase erfolgte, in der Dortmund auch in der Liga Probleme hatte - spricht eher für ein Akklimatisierungsproblem, das in der kommenden Saison schon weniger ins Gewicht fallen dürfte.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, ob der BVB auch in Europa ein Topclub werden kann.

3. Die Perspektiven der sportlichen Leitung

Die übergroße Ungeduld beim FC Bayern verhindert immer wieder, dass langfristig ein so starkes Trainer-Managergespann in seine Aufgabe hineinwachsen und die Richtung des Clubs prägen kann, wie Jürgen Klopp und Michael Zorc das in Dortmund konnten. Kein Bayern-Coach bekommt drei Jahre Zeit, um eine Mannschaft nach seinen Vorstellungen aufzubauen und sein Spielsystem zu installieren - geschweige denn, den Kader personell zu gestalten. Double-Sieger Louis van Gaal durfte am Ende nicht mal selbst aussuchen, wer sein erster Torwart sein sollte.

Nun aber die interessante Frage: Ist das etwas, das Bayerns Position in Deutschland langfristig gefährdet? Wir erleben gerade ein Experiment, das genau das beantworten könnte. Kann man mit Geduld und akribischer Arbeit das gleiche erreichen, was ein Umsatz von 320 Millionen Euro im Jahr erreichen kann?

Faktisch ist Bayerns Geschäftsmodell nicht unbedingt darauf angewiesen, das zu tun. Zwar wurden die großen Erfolge, die unter anderem die Basis für die heutige Stellung des Clubs legten, in einer Zeit errungen, als Udo Lattek noch im Schnitt fünf Jahre bei einem Club blieb, aber dass Bayern-Trainer unter größerem Erfolgsdruck stehen als andere Kollegen, ist nicht ganz neu, und es hat den Münchnern national gesehen nicht geschadet.

Provokant gesagt: Wenn man irgendwann Jürgen Klopp einfach verpflichten kann, dann muss man ja nicht selbst der Club sein, der ihm die Chance gibt, sich jahrelang zu verwirklichen. Darin liegt übrigens keine Wertung unsererseits, es geht uns nur um die Analyse der Perspektiven.

Für die Bayern muss viel schief laufen

Von den neun umsatzstärksten Clubs in Europa vor zehn Jahren ist nur ein einziger heute nicht mehr in einer ähnlich guten finanziellen Position: Juventus, wegen des Calciopoli-Skandals zwischenzeitlich zwangsabgestiegen. Und selbst Juve hat alle Voraussetzungen mit dem neuen Stadion und der aktuellen Tabellenführung in Italien, um bald wieder ganz oben aufzutauchen.

Mit anderen Worten: Es muss schon sehr viel schief laufen, damit man eine so starke Basis, wie der FC Bayern sie hat, wieder verspielt. Und da Bayern kein schlecht geführter Clubs ist, spricht wenig dafür. So gut in Dortmund auch gearbeitet wird - Bayern nimmt weiterhin jedes Jahr mehr Geld ein als der BVB. Der Abstand wird also nicht kleiner. Sondern größer. So läuft's Business.

Die realistischere Frage müsste also sein: Kann Borussia Dortmund auf Dauer ein zweiter deutscher Topclub im europäischen Rahmen werden? Nach den Weichenstellungen, die jetzt in fast allen wichtigen Personalfragen vorgenommen werden, muss man fragen: Warum denn nicht?

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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