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EM-Fernsehkritik, Tag 13: Simon, der süße Italiener

Zum gestrigen Jubeltag des deutschen Fußballs muss auch mal die TV-Berichterstattung gelobt werden: Simon entwickelte prophetische Fähigkeiten, Netzer frotzelte mit dem Kaiser, und Pocher bestätigte seine Seelenverwandtschaft mit "Poldi". Sogar der Grund für Löws Verbannung in die "Skybox" konnte ermittelt werden.

Von Peter Luley

Es ist wohl so: Ein starkes Spiel taucht auch die Leistung seiner Kommentatoren in mildes Licht. Denn wer wollte im Augenblick des sportlichen Triumphs schon Worte auf die Goldwaage legen?

Nach dem unerwarteten 3:2-Erfolg der deutschen Nationalelf über Portugal erschienen rückblickend sogar die gereimten Vorab-Einschätzungen von Bernd Schmelzer korrekt. "Heute braucht es den ganzen Mann im Lehmann", hatte der Reporter vor der Partie gedichtet und geschwärmt: "Deutschland kann sich auf ihn verlassen, den Tunnelblick-Torwart." Auch auf ein Elfmeterschießen mit "List, Listen, Lehmann" hatte er schon eingestimmt. Aber so weit kam es ja dann nicht.

Simon voll emotional

Kommentator Steffen Simon, bisher eher als solide einzustufen, erwies sich während des Spiels gleich zweifach als prophetisch. Den Schweinsteiger-Freistoß vor Kloses 2:0 kündigte er vorausahnend an: "Ricardo ist so eine Art Lieblingstorwart von ihm." Und auch das 3:1 durch Ballack antizipierte er gekonnt: "eine ähnliche Situation wie beim 2:0".

Gewohnt hellsichtig und filigran präsentierte sich Günter Netzer in der Halbzeitpause. In der taktischen Umstellung auf den Doppel-Sechser habe "des Pudels Kern" gelegen, erklärte der ARD-Analytiker und stellte in makellosem Lateinisch fest: "Die Absenz von Frings merkt man überhaupt nicht." Vermisste der Zuschauer da womöglich die digitalen Buntstiftzeichnungen des ZDF-Experten Jürgen Klopp? I wo, die konnte man sich wunderbar selbst ausmalen.

Keine Beanstandungen auch an Simons fortwährender Lobpreisung der deutschen Akteure: Sympathiebekundungen wie "was Lahm da spielt, ist großartig" oder "die Physis von Michael Ballack überragt weiterhin" oder "Deutschlands Co-Trainer macht hier heute sein Meisterstück" - sie gingen ja alle in Ordnung. Mit neu erblühtem Selbstbewusstsein nahm man zur Kenntnis, dass Simon gegen Ende mit Gefühlsschmelz in der Stimme eine fast südländische Leidenschaft hervorbrachte: "Podolski, halt den Ball", flehte er während eines Entlastungsangriffs in den Schlussminuten; "die Bergtour geht weiter", bilanzierte er mit angemessenem Pathos das Spiel.

Alles rundum wunderbar

"Außer Rand und Band sind wir", freute sich im Anschluss fast ekstatisch Gerhard Delling - wenn auch ohne erkennbare Körperregung. Zum Höhepunkt der Aufarbeitung erschien Franz Beckenbauer persönlich in der Stadion-Loge. Der Kaiser ordnete die Begegnung erst mal gebührend ein ("es ging rauf und runter, wir haben fünf Tore gesehen"), um dann festzustellen: "Das Endspiel ist sicherlich drin und im Endspiel ist dann alles drin."

Da konnten selbst die Äußerungen Jogi Löws und Hansi Flicks im Interview mit Monica Lierhaus keine nachhaltige Verwirrung mehr stiften. "Wir sind immer so vorbereitet, dass das, was dann die 90 Minuten passiert, weniger interessant ist", versuchte Flick seine Rolle als Vertretungs-Coach kleinzureden. Und Löw, den die Verbannung in die "Skybox" sogar zum Rauchen einer Zigarette trieb, bekannte: "Es war ganz schlimm. Oben is' natürlich auch um ein vieles aufregender."

Netzer und der "Kaiser"

Herzerwärmend wirkten die Frotzeleien zwischen den alten Weggefährten Beckenbauer und Netzer: "Der Abschluss war vielleicht net ideal, aber aus der Situation heraus - du hättest den Ball goar net amoal getroffen", kommentierte Beckenbauer an Netzer gerichtet einen missglückten Hitzlsperger-Schuss. "Du bist ja noch nicht mal so weit vors Tor gekommen", konterte Netzer. - "Wir hatten ja Gerd Müller, ich musst ja gar net so weit vors Tor" - "Genau, Feigling". Es hätte ewig so weitergehen können - spätestens hier war die deutsche Fußball-Seele ganz mit sich im Reinen.

In der Folge bewies dann noch Lukas Podolski mit einem furiosen Kurzinterview ("die Wade hat gehalten"), dass sein Parodist Oliver Pocher ihm nicht das Wasser reichen kann. Der wiederum bestätigte als programmplanerisches Bindeglied zu "Waldis EM-Club" zumindest seine Seelenverwandtschaft mit Poldi: erst mit einer hübschen Performance als türkischer Nationaltrainer, der das Ergebins des heutigen Spiels Türkei - Kroatien schon mal bei der "Üfa" checkt - und später als Poldi-Double im Interview mit Waldemar Hartmann.

Und sogar dort, beim Stammtisch am Stephansdom, geschah dann noch Bemerkenswertes: Der österreichische Nationaltrainer Josef "Pepi" Hickersberger wurde zu seinem vermeintlichen Disput mit Jogi Löw befragt. "Der vierte Mann hat behauptet, wir wären nervös gewesen", fasste er die offizielle Anklage zusammen - um dann seine eigene These über die Gründe der Bestrafung zu präsentieren: Dem Schiri sei wohl einfach die Lauferei an der Coaching Zone "auf den Sack gegangen".

Was für ein rundum erbaulicher Abend.

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