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EM-Gastgeberland: Die Schweiz für Anfänger

Langsam, neutral und reich - so stellen wir uns die Schweizer vor. Aber ist das schon alles? Wer zur EM in die Eidgenossenschaft fährt, sollte über die Schweizer Eigenschaften, Institutionen und Fallstricke Bescheid wissen. stern.de gibt Anworten auf die wichtigsten Fragen.

Von Michael Körte

Die Glücklichen, die zur Fußball-Europameisterschaft in die Schweiz reisen, sollten über einige Besonderheiten des Gastgeberlandes Bescheid wissen. Was zum Beispiel meinen Schweizer Fußballfans, wenn sie von "Nazi" sprechen? Und wo findet man in Zürich die nächste U-Bahnstation? stern.de hat wichtige oder skurrile Informationen für Reiselustige zusammengestellt und beleuchtet einige Vorurteile auf beiden Seiten von Rhein und Bodensee.

Begrüßung

Schweizer gelten gemeinhin als zurückhaltend. Umso überraschender ist es für einen Deutschen, einen Schweizer zu begrüßen: Unter jungen Leuten sowie Bekannten und Freunden küsst man sich auf die Wangen - ähnlich wie in Frankreich. Doch im Gegensatz zum gemeinsamen Nachbarstaat nicht zwei-, sondern dreimal. Um Unfälle zu vermeiden gilt: links, rechts, links. Nichts falsch machen kann der Schweiz-Besucher mit dem weltweit bekannten "Grüezi", der Kurzform von "Grüße Sie". Der Teufel steckt allerdings im Detail: Ein zackig ausgesprochenes "Grüzi" verrät den Nachbarn aus dem Norden (das empfiehlt sich allenfalls in der Bank). Erst die lang gedehnte Aussprache, nach Möglichkeit mit rollendem R, zeugt von Schweiz-Kenntnis.

Direkte Demokratie

Viermal pro Jahr wird jeder Schweizer zum Politiker. Dann befassen sich die Eidgenossen mit Themen wie dem " Bundesbeschluss über die Aufhebung der Bundesbeiträge an Bahnhofparkplatzanlagen" oder der "Eidgenössischen Volksinitiative für den Beitritt der Schweiz zur Organisation der Vereinten Nationen (UNO)". Über alle möglichen wichtigen und unwichtigen politischen Fragen wird in der Schweiz an der Urne abgestimmt. Das letzte Wort hat immer das Volk. In der Regierung, dem Bundesrat, gibt es daher weder einen starken Mann noch eine starke Frau. Die sieben Minister sind gleichberechtigt und sollen mit einer Stimme sprechen. Man stelle sich einmal Roland Koch, Kurt Beck, Claudia Roth, Oskar Lafontaine und Guido Westerwelle gleichzeitig als Bundeskanzler vor!

Franken

Ein bisschen wie Spielgeld sehen sie aus, die Geldscheine des Schweizer Franken. Trotzdem gehören die Banknoten des Alpenstaats zu den fälschungssichersten der Welt. In den 1980er Jahren wurde sogar eine vollständige Reserveserie gedruckt. Die Schweizerische Nationalbank bewahrte die geheimen Banknoten in ihren Tresoren auf, die Öffentlichkeit bekam sie nie zu Gesicht. Das Reservegeld wäre zum Einsatz gekommen, wenn der Schweizer Franken massenweise gefälscht worden wäre. Dieser Fall ist nie eingetreten. Übrigens: Restaurants, Bahnen und Supermärkte akzeptieren fast immer auch den Euro. Als unbedarfter Schweiz-Besucher sollte man aber stets den Umrechnungskurs im Hinterkopf haben, denn der fällt oft zu Ungunsten des Euro aus. Die Schweizer Preise sind schon hoch genug.

Gratiszeitungen

Im Land der Banken hat alles seinen Preis. Nur Zeitungen scheinen davon ausgenommen. Wer morgens aus dem Haus geht, findet bereits die erste Tageszeitung völlig kostenlos im Treppenhaus vor. Auch an vielen Bushaltestellen oder Bahnhöfen kann man hemmungslos zugreifen. In grell-bunten Metallboxen liegen die Zeitungen zum Nulltarif aus. Die Palette ist breit: Wer nüchterne Informationen will, bedient sich des Titels "News". Wer sich für buntere Nachrichten interessiert, greift zu "20 Minuten". Wer dann noch nicht genug hat, kann auf dem Nachhauseweg ein kostenloses Abendblatt lesen. Die Qual der Wahl ist unnötig: Alle Blätter sind - auch inhaltlich - schmal und lassen sich in 20 Minuten durcharbeiten. Die meisten der Gratistitel werden übrigens von renommierten Verlagen herausgegeben, die damit ihren eigenen Kaufzeitungen das Leben schwer machen. Aber die Schweizer können ja rechnen.

Großer Kanton

Die Schweiz hat 26 Kantone. Das lernt jedes Schulkind. Ein ganz bestimmter Kanton findet sich aber in keinem Schulbuch und ist dennoch allgegenwärtig: der "große Kanton". Damit bezeichnen die Schweizer ihr nördliches Nachbarland Deutschland. Nicht, dass man die Deutschen als 27. Kanton in die Eidgenossenschaft aufnehmen wollte. Im Gegenteil: Die Schweizer fürchten die Kolonialisierung durch den viel größeren Nachbarn. Denn die Deutschen können von der Schweiz nicht genug kriegen, jedes Jahr ziehen über 20.000 von ihnen ins gelobte Land. Dazu kommt, dass man in der deutschsprachigen Schweiz "d'Schwoobe" (und damit sind nicht nur die Schwaben gemeint) seit jeher für laut, aggressiv und hektisch hält. "Ich kriege ein Bier, aber zack-zack" ist nicht gerade die feine Schweizer Art. In der Eidgenossenschaft legt man nämlich viel Wert auf höfliche Zurückhaltung und etwas umständliche Formulierung. Und das sieht formvollendet so aus: "Hätten Sie eventuell, wenn es möglich ist, ein Bier für mich - aber nur wenn es Ihnen keine Umstände macht."

Langsamkeit

Ein Vorurteil, das Deutsche hartnäckig pflegen, ist die Annahme, der Eidgenosse an sich sei langsam. Für eine breit angelegte Langsamkeitsstudie fehlen allerdings seriöse Kriterien. Bewiesen ist einzig, dass Fußgänger in der Schweizer Hauptstadt Bern zu den langsamsten der Welt gehören. Für eine Strecke von knapp 20 Metern benötigen sie einer britischen Studie zufolge 17,37 Sekunden. Berliner schaffen dies in 11,16 Sekunden. Auf hohem Niveau langsam sind auch die Schweizerischen Bundesbahnen. Hochgeschwindigkeitsstrecken sind wegen der bergigen Landschaft so häufig wie Hochseehäfen. Selbst die ICEs bummeln im Alpenstaat um die Wette. Dafür führt in jedes Tal eine Bahn und die Züge scheinen präzise Schweizer Uhren eingebaut zu haben. Die Schweizer Bahn ist so gut, dass außer den Japanern niemand so häufig und selbstverständlich Bahn fährt wie die Eidgenossen.

"Nazi"

Dass die Schweizer hin und wieder ausländerfeindliche Politiker in ihre Regierung wählen, ist hinlänglich bekannt. Die Schweiz aber ein Volk von Nazis? Dieses Gefühl wird so manchen Deutschen beschleichen, der die Schweiz in diesen Tagen besucht. Von "Nazi"-Kadern, "Nazi"-Fanatikern, ja sogar von einem "Nazi"-Arzt ist ganz unverhohlen und mit unverdächtigem Tonfall die Rede. Unheimlich, diese Schweizer! Ein Blick in die Zeitung dürfte jedoch für Aufklärung sorgen. Die ganze "Nazi"-Euphorie entpuppt sich dann als sprachliches Missverständnis. Denn "Nazi" schreibt sich in der Schweiz "Nati" und ist die Abkürzung für "Fußball-Nationalmannschaft". Der Schlachtruf der Schweizer Fans hat übrigens auch nichts mit Schwitzen zu tun: "Hopp Schwiz!"

Röstigraben

Was für Deutschland der Weißwurstäquator, ist für die Schweiz der Röstigraben. Dabei handelt es sich nicht um eine Verteidigungslinie der Schweizer Armee, sondern um die Sprachgrenze zwischen der deutschen und der französischen Schweiz. Auch politisch tut sich in der Schweiz immer wieder der Röstigraben auf. Gerade in außenpolitischen Fragen sind die französischsprachigen Wähler offener, während in gesellschaftspolitischen Fragen die Deutschschweizer liberaler abstimmen. Das italienischsprachige Tessin auf der warmen Südseite ist dagegen wohl zu klein, um im innerschweizerischen Röstigrabenkonflikt berücksichtigt zu werden. Dass jeder Schweizer die drei Landessprachen fließend beherrscht, ist allerdings ein Gerücht. Um die Konversation über den Röstigraben und andere Hindernisse hinweg zu erleichtern, wird unter Schweizern schon mal Englisch gesprochen. Auch im Fußball ist übrigens nicht von Elfmeter, Torhüter oder Eckball die Rede sondern von Penalty, Goalie und Corner.

Schweizerdeutsch

Deutsche fühlen sich den Schweizern mitunter sehr nah. Ist der kleine Alpenstaat doch direkter Nachbar und spricht man dort ja auch Deutsch. Glauben die Deutschen. Und das kommt so: Schweizer wechseln augenblicklich ins Hochdeutsche, wenn sie auf einen Deutschen treffen. Der Schweizer Dialekt färbt die Sprache sehr stark ein, so dass die Deutschen fälschlicherweise glauben, dabei handele es sich bereits um Schwyzerdütsch. Spricht ein Schweizer, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, versteht der Deutsche nur noch Bahnhof oder eben echtes Schwyzerdütsch: "Wier hei Miisch in iischum Hiischi" sagen Schweizer aus dem Wallis dann, wenn sie Mäuse im Haus haben. Da können auch die Miteidgenossen aus Basel oder Zürich nicht mehr folgen.

Schweizerkreuz

Es ist um die ganze Welt gegangenen und besonders die Deutschen lieben es: Das Schweizerkreuz. In den 1990er-Jahren ist die Schweiz als Marke kreiert und in Form von Tassen, Taschen, Fußmatten und T-Shirts in die Welt hinausgetragen worden. Ziel der sogenannte "Swissness" war die Verbreitung der positiven Schweizer Werte. Mit Präzision und Genauigkeit beschloss die Bundesversammlung der Schweizerischen Eidgenossenschaft bereits 1889, dass " das Wappen der Eidgenossenschaft (...) im roten Felde ein aufrechtes, frei stehendes weißes Kreuz (ist), dessen unter sich gleiche Arme je einen Sechstel länger als breit sind." Hingegen das Aussehen des roten Hintergrundes scheint den Herren Volksvertretern eher egal gewesen zu sein: Rot ist schließlich rot. Oder doch nicht ganz. In der Auswahl der vielen roten Farbtöne bürgerte sich mangels offizieller Definition ein: Je dunkler, desto staatstragender. Erst über 100 Jahre später, im Juni 2007, wurde ein Ton aus der Pantone-Farbskala als "Schweizer-Rot" definiert: Nr. 485.

Verteidigung

Werfen Sie einmal einen Blick in den Kleiderschrank eines Schweizer Mannes! Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ein Sturmgewehr mit Kaliber 5,56 Millimeter zum Vorschein kommt. Um sich im Fall einer Kriegsmobilmachung zur Kaserne durchkämpfen zu können, haben Schweizer Wehrmänner die schussbereite Waffe zu Hause stets griffbereit. Dieses Szenario schien den obersten Militärs aber nicht mehr zeitgemäß und so wurde vor kurzem beschlossen, dass die Soldaten die zugehörige Munition abgeben müssen. Der letzte Ernstfall für die Schweizer Armee liegt jedoch erst 18 Jahre zurück. Damals stand die Existenz der bewaffneten Streitkräfte auf dem Spiel. In einem weltweit wohl einmaligen demokratischen Akt wurde in einer Volksabstimmung über die Abschaffung der Armee abgestimmt. Die Selbstentwaffnung scheiterte. Dass über ein Drittel der Schweizer Wähler dem Begehren der Friedensbewegung zustimmte, war jedoch ein politisches Erdbeben.

Wer hat's erfunden...?

... die Schweizer natürlich! Das Schweizer Taschenmesser und die Ricola-Kräuterbonbons haben den Ruf der Eidgenossenschaft als ein Volk von Erfindern und Tüftlern in die Welt hinaus getragen. Aber was produziert die Schweiz außer Schokolade und Uhren? Die den Eidgenossen eigene Diskretion funktioniert so gut, dass die Schweizer Geschäfte im Ausland kaum wahrgenommen werden. Die Großbank UBS kann man als größte Vermögensverwalterin der Welt (verwaltetes Vermögen 2 Billionen Euro) noch natürlicherweise der Schweiz zuordnen. Hingegen treten der größte Lebensmittelhersteller der Welt, Nestlé, oder der Personalvermittler Adecco, einer der weltgrößten Arbeitgeber, so selbstverständlich herkunftsneutral auf, als wäre die Globalisierung auch eine Schweizer Erfindung. Mit Diskretion lässt sich ein Manko des Wirtschaftsstandorts Schweiz nicht beheben: Als Binnenland hat die Eidgenossenschaft keinen direkten Zugang zu den wichtigsten Seehandelswegen. Die Schweiz wäre nicht die Schweiz, hätte sie hier keine Lösung gefunden. 32 Containerschiffe und Tanker fahren auf hoher See unter Schweizer Flagge - obwohl sie ihren Heimathafen Basel nie anlaufen können.

Zürich

Teuer, sauber und fast-weltstädtisch. Das sind die Adjektive, mit denen sich die größte Stadt der Schweiz (im Großraum Zürich lebt eine Million Menschen) beschreiben lässt. In Zürich ist alles etwas größer und wichtiger als in den übrigen Schweizer Städten. Die Bahnhofstraße versprüht mit internationalen Boutiquen und Pelz tragenden Jetset-Mitgliedern snobistisches Flair. Der Hauptbahnhof ist einer der meist frequentierten der Welt und beherbergt ein gigantisches Einkaufszentrum aus Marmor und Granit. Selbst die Drogenszene war einmal wegen ihrer schieren Größe weltbekannt. Für eine globale Metropole ist die Stadt am Zürichsee aber fast zu beschaulich. Die historische Altstadt mit den verwinkelten Gässchen nennen die Zürcher denn auch "Dörfli". Der Blick von der Seepromenade auf die Berge sieht nicht nur auf Postkarten idyllisch aus. Wolkenkratzer und eine U-Bahn sucht man vergebens. Eine Weltstadt im Taschenformat.

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