HOME

Stern Logo EM 2008

Public Viewing: Invasion in den Alpen

Aufatmen bei den Fußball-Fans in Deutschland. Bundesrat und Bundesregierung haben grünes Licht für das sogenannte "Public Viewing" während der EM gegeben. Im Österreich und der Schweiz haben die Behörden mit den kunterbunten Fußballfesten in den Innenstädten dagegen noch ein paar Probleme.

Von Frank Hellmann

Mit ihrer aktuellen Entscheidung, den Lärmschutz während des EM-Turniers zu lockern, haben Bunderat und Bundestag den Grundstein zu einem weiteren "Sommermärchen" gelegt. Während der WM vor zwei Jahren hatten zigtausende Fußball-Fans vor Video-Großleinwänden in den Innenstädten friedlich-fröhliche Fußball-Feste gefeiert. Auch die Organisatoren in Österreich und der Schweiz haben das Konzept der Fan-Meilen und Fußball-Partys zunächst mit Freude übernommen. Jetzt aber bemerken sie, das die Massenaufläufe in den Innenstädten auch so ihre Tücken haben.

EM als Familientreffen

Denn aus den Teilnehmerländern schwappt eine Reisewelle in die Alpenrepubliken, die ihresgleichen sucht. "Es wird eine positive Massenbewegung, eine Völkerwanderung, ein mitteleuropäisches Familientreffen", glaubt Österreichs Bundeskanzler Alfred Gusenbauer. Der Millionenandrang werde alle acht Ausrichterstädte treffen, "es wird die Menschen auf Straßen und Plätze drängen". Denn in die acht EM-Stadien passen die Leute kaum. Lediglich das Wiener "Ernst-Happel-Stadion" (53.000 Plätze) und der Baseler "St. Jakob-Park" (42.500) besitzen größere Kapazitäten; das Wörthersee-Stadion in Klagenfurt, das Stadion "Wals-Siezenheim" in Salzburg oder das Stadion "Tivoli" in Innsbruck bieten genau wie der "Letzigrund" in Zürich, das "Stade de Suisse" in Bern oder das Genfer Stadion nur die Mindestkapazität für 30.000 Zuschauer.

Ergo gibt es viel zu wenige Karten für viel zu viele Fans - die deutschen Anhänger etwa mussten sich mit 21.765 Tickets für die ersten drei Gruppenspiele bescheiden. 14.315 Karten hat der Deutsche Fußball-Bund an seine Fans verlost - dabei lagen 1,5 Millionen Bestellungen vor. Das heißt: Nur einer von 100 Interessenten hat eine Karte bekommen. Trotzdem ist die Reiselust ungebrochen. "Wir wissen, dass Zehntausende deutscher Fans auch ohne Karte zur EM reisen werden", sagt DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach.

Wie viele Fans kommen wirklich?

Abhalten kann man die Anhängerschaft kaum. Aber muss man nicht auch sagen, dass die Kapazitäten möglicherweise zu klein sind, wenn beispielsweise zwischen 50.000 und 100.000 Fans aus Deutschland und Polen in eine Stadt mit gerade 94.000 Einwohnern einfallen? "Wir werden bis zum Schluss nicht wissen, wie viele Menschen wirklich kommen und wohin sie gehen - das wusste man in Deutschland aber auch nicht", erklärt Heinz Palme, Generalkoordinator der österreichischen Bundesregierung.

Während zur WM aber weiträumige Fanzonen und große Städte den Ansturm beinahe mühelos bewältigen konnten, geraten die Alpenrepubliken an ihre natürlichen Grenzen. Palme: "Kommen zu viele Menschen, haben diese Länder ein Platz- und Logistikproblem." Die Polizei hat konkrete Schätzungen angestellt: Waren bei der WM 2006 3,3 Millionen Zuschauer in den Stadien und allein 14 Millionen beim Public Viewing sollen es bei der EM 2008 nur 1,1 Millionen in den Arenen und beim Public Viewing 2,2 Millionen in Österreich und 2,04 Millionen in der Schweiz sein. Das sind fast fünfmal so viele wie bei der EM 2004 in Portugal.

Die Alpenrepubliken geraten an ihre natürlichen Grenzen

Doch wie verlässlich sind solche Prognosen? Der Euro-Fan ist für die Organisatoren der große Unbekannte bei den Planungen des beliebten Public Viewing. In der Hauptstadt Wien erstreckt sich die Fanzone nach einigem Hickhack nun vom Rathausplatz über den Ring bis zum Heldenplatz. Auf 100.000 Quadratmeter Fläche in zentraler Lage finden zwischen 9 und 24 Uhr bei freiem Eintritt bis zu 70.000 Besucher gleichzeitig Platz. Alle 31 EM-Spiele werden auf neun LED-Wänden übertragen, vor dem Wiener Rathaus steht eine große Bühne, es gibt 86 Gastronomiestände und 66 Fluchttore. Es gibt ein Mehrwegbechersystem, Kinder können sich an Mitmachprogrammen beteiligen. An alles ist gedacht, und doch weiß Anja Richter vom Wiener Organisationskomitee noch nicht genau, was sie erwartet. "Wir haben den Mittelwert der Besucherzahlen in den Public-Viewing-Bereichen in Lissabon bei der EM 2004 und jenen bei der WM 2006 in München genommen." Wirkliche Anhaltspunkte für den wahren Ansturm bietet das kaum.

Leinwand am Bergisel

Immerhin steht das Thema Public Viewing aufgrund der Erfahrungen aus Deutschland ganz oben auf der Agenda. Innsbruck wirbt damit, dass es die mit 84 Quadratmetern größte Leinwand zum öffentlichen Glotzen am Bergisel bietet; Salzburg offeriert eine für bis zu 25.000 Anhänger ausgelegte Fanzone an Mozart-, Kapitel- und Residenzplatz. Auch die Schweizer Spielorte stehen dem in nichts nach: Wer Anfang Juni über die Mittlere Brücke in Basel spaziert, sollte sich über die massenhafte Anwesenheit von bunt gekleideten und lauten Zeitgenossen nicht wundern. Der älteste noch existierende Rheinübergang befindet sich nämlich im Zentrum der Fanmeile. Die drittgrößte Schweizer Metropole wird die Fußballhauptstadt bei den Eidgenossen sein - hier spielt der EM-Gastgeber, nur hier finden sechs Spiele statt. In Basel sollte es in diversen Fanzonen auch keine Platzprobleme geben.

Angst vor betrunkenen Fanhorden

Dann eher schon in Bern, wo die Fanzone zwischen Aarbergergasse und Waisenhausplatz eingerichtet wird. Aber ausgerechnet in der räumlich limitierten, weil in einer Schleife der Aare liegenden Altstadt tummeln sich in der Vorrunde die Fanhorden aus Frankreich, Italien und den Niederlanden. Akribisch rüstet sich die Stadt für den Massenauflauf zum Jahrhundertereignis - und lädt die Menschen ganz offiziell zum "Verweilen, Diskutieren und Feiern in der oberen Altstadt" ein. Ganz geheuer sind die Juni-Tage den Verantwortlichen aber nicht. Sonst würde kaum in der Anordnung der Präsidialdirektion Bern zu den Getränkepreisen stehen, dass 0,4 Liter Mineralwasser nur drei Franken (zwei Euro), die gleiche Menge Bier aber mindestens fünf Franken (3,50 Euro) kosten muss. Zu viele Betrunkene als zu große Gefahr?

Rechnung mit vielen Unbekannten

Auch die Public-Viewing-Planung in Klagenfurt bleibt eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Österreichs Turnierdirektor Christian Schmölzer sagt, dass 20.000 Fans je Nation "die Basis" der realistischen Berechnung bilden, "natürlich müssen wir alternative Szenarien entwerfen." Und bitteschön flexibel sein. Das immerhin ist die Stadt am Wörthersee schon: Nach und nach ist Klagenfurt bemüht, die Kapazitäten für die deutschen, kroatischen und polnischen Fans zu erweitern. "Wir sehen uns als Tourismus- und Eventstadt", sagt Carlos Fernandez de Retana, der Klagenfurt-Koordinator, "weitere Maßnahmen für das Public-Viewing kosten massiv Geld." Acht Millionen Euro steckt das Städtchen in die Projekte für die Fans: So wird nicht nur zentral in Klagenfurt am Neuen Platz ein 3000 Quadratmeter großes Areal für 6000 Besucher abgesperrt, sondern auch auf 10.000 Quadratmetern an der Messe für 22.000 Fans eine Videowand aufgestellt. 60 Quadratmeter groß. Zusätzliche Bereiche werden direkt am Wörthersee geschaffen. "Was ursprünglich als Verbindungsweg geplant war, wird auch Fanmeile", berichtet der spanischstämmige Projektmanager, der die Innenstadt auf alle Fälle "glas- und verkehrsfrei" halten will. Überdies: kein Verkauf von hochprozentigem Alkohol in den Gassen.

Palme jedenfalls beruhigt die besorgten Gemüter. "Das Public Viewing hat durch die WM eine extreme Dynamik erhalten." Die Schweiz und Österreich seien durchstrukturiert und dafür präpariert, "anders als in Deutschland." Sein Versprechen: "Die Euro wird die am stärksten verbreitete und am besten vorbereitete Public-Viewing-Inszenierung der internationalen Event-Geschichte."

Wissenscommunity