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Sicherheit bei der EM: Ruhe vor dem Sturm

"Expect emotions" lautet der Slogan der EM in Österreich und der Schweiz. Doch die bange Frage bleibt, ob auch wirklich so friedliche Spiele wie bei der WM in Deutschland zu erwarten sind. Dafür gibt es zu viele problembehaftete Begegnungen, und dafür sind die Stadien und Sicherheitszonen viel zu klein.

Von Frank Hellmann, Wien

Gab es das alles nicht schon mal? Etwa vor zwei Jahren in Deutschland? Der gemeine Fan erinnert sich: Im Frühjahr 2006 konnte zwischen Hamburg und München niemand ahnen, dass ein weltmeisterliches Sommermärchen bevorstehen würde. Denn die Vorfreude auf die Fußball-Weltmeisterschaft wurde überlagert durch immer neue Krisenherde.

Da war die diskutierte Ablösung von Jürgen Klinsmann, da gab es die heftigen Debatten um das Ticketing. Und mitten in eine Pressekonferenz in Frankfurt vom Organisationskomitee platzte einst die Nachricht, dass doch tatsächlich die Stiftung Warentest festgestellt hatte, die deutschen WM-Stadien, meist nagelneu und hochmodern errichtet, seien nicht sicher. OK-Chef Franz Beckenbauer fuhr einst derart aus der Haut, dass man um den Gesundheitszustand des Kaisers bangen musste.

Unsichere Stadien

Selbige Hiobsbotschaft hat nun auch die rührigen Organisatoren der Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich ereilt. Eine anonym durchgeführte Studie hat vor den am 7. Juni beginnenden Partien in drei von vier Schweizer Stadien tatsächlich Sicherheitsmängel für den Fall einer Massenpanik aufgedeckt.

Im Auftrag der Sendung "Kassensturz" des Schweizer Fernsehens testeten Experten eines Münchner Instituts die Arenen in Bern, Zürich, Basel und Genf. Das erschreckende Ergebnis: Im Berner Stade de Suisse könnten sich gewaltbereite Fans leicht bewaffnen, im Letzigrund in Zürich und im St. Jakob-Park in Basel sei es ein Manko, dass das Spielfeld nicht abgesenkt sei und ein Graben fehle. Ergo sei das so genannte Staudruckrisiko zu hoch.

Kein Vergleich zur WM

Die Stadionbetreiber nahmen zu den Vorwürfen erst einmal keine Stellung. Dafür wehrt sich Heinz Palme, EM-Generalkoordinator der österreichischen Bundesregierung, gegen die Panikmache. "Bei der WM in Deutschland gab es vorher auch ein Stimmungstief. Der deutsche Erfolg beruhte auf einer sehr guten Organisation und Glück. Das tolle Wetter, die gute Sicherheit und die eigene Mannschaft haben das Turnier in den Himmel gehoben."

Der Steirer Palme saß damals selbst im in Frankfurt ansässigen Organisationskomitee - ahnt da einer, dass für die Alpenländer die Messlatte ein bisschen niedriger gelegt werden muss? Denn trotz aller Anstrengungen bleibt vor allem die Sicherheitsfrage eine brisante. Es wachsen die Zweifel, ob es wirklich bei sicheren und friedlichen Spielen bleibt. Die latente Sorge ist größer geworden, seitdem Anfang Mai die Schweizer Gewaltszene beim Ligaspiel des FC Basel gegen den FC Zürich in Erscheinung trat. Es gab wüste Schlägereien und mehr als 40 Verletzte.

Jede Menge Polizei

Und so gilt gerade das Gruppenspiel am 11. Juni zwischen der Schweiz und der Türkei als das Problemspiel bei den Eidgenossen. "Wir haben alles im Griff", beteuert Benedikt Weibel, der zuständige Delegierte der Schweizer Regierung. Die hat allein 30 000 Personen mit Sicherheitsaufgaben betraut, darunter 16 000 Schweizer, 600 deutsche und 250 französische Polizisten. Im Hintergrund stehen 15 000 Armeeangehörige parat.

Doch der Aufmarsch an Security ist nur die eine Komponente. Fanexperten wie Michael Gabriel, Leiter der deutschen Koordinierungsstelle Fanprojekte (KOS), verweisen immer wieder darauf, dass deeskalierende Maßnahmen im Vorfeld viel wirkungsvoller seien. Stichwort: Aufklärung, Toleranz und Fanbetreuung könnten die meisten Brandherde löschen. Dafür sei die EM 2004 in Portugal das beste Beispiel gewesen.

Besondere Maßnahmen

Doch genügt der Appell an die Vernunft auch bei Problemspielen in Wien und Klagenfurt? Dass nämlich ausgerechnet Deutschland, Polen und Kroatien in einer Gruppe spielen - Nationen mit großem Anhang und gewissem Risikoklientel - gilt nicht gerade als günstigste Fügung für sichere Spiele. "Für alle drei Gastmannschaften ist diese EM praktisch ein Heimspiel", weiß Innenminister Günther Platter.

In Österreich herrscht im Juni Urlaubssperre für alle 27.000 Polizisten. 2.200 Beamte wurden eigens für den Einsatz gegen randalierende Anhänger ausgebildet. Aus Deutschland unterstützen 860 szenekundige Kollegen die Fanarbeit, die deutschen Beamten erhalten alle Hoheitsbefugnisse. Gleichzeitig hat Innenminister Platter auf europäischer Ebene erwirkt, das Schengener Abkommen außer Kraft zu setzen; will heißen: Grenzkontrollen sind möglich, um bekannte Hooligans gleich an der Einreise zu hindern.

Einige Problemspiele

Das wäre auch dringend nötig: Denn speziell nach Kärnten werden Deutsche, Polen und Kroaten strömen. In Klagenfurt finden die Spiele Deutschland gegen Polen (8. Juni), Deutschland gegen Kroatien (12. Juni) und Polen gegen Kroatien (16. Juni) statt. Aus jedem Land könnten bis zu 50 000 Fans in die pittoreske 94.000-Einwohner-Stadt einfallen. Ein Horrorszenario?

"Das wird eine besondere sicherheitstechnische Herausforderung", weiß Günther Marek, Sicherheitsbeauftragter vom Bundesministerium für Inneres. "Wir werden eine hohe Aufmerksamkeit auf diese Gruppen legen, aber es gibt keine Anzeichen, dass wir Angst haben müssen." Wohl aber will man gewappnet sein: Bereits jetzt werden die offiziellen Leitlinien zur Euro 2008 teilweise umgesetzt. Schwerpunkte liegen dabei auch auf der Prävention und Medienarbeit. Gleich drei Sondereinheiten stehen zum Eingreifen parat: Ordnungsdiensteinheiten, Einsatzeinheiten und 170 szenekundige Beamte.

Hooligans gefürchtet

Marek hat für seine Männer folgende Einsatzphilosophie herausgegeben: Freundlich und hilfsbereit soll die Exekutive sein, die sich der Reihe nach den Kriterien Dialog, Deeskalation und - erst in letzter Stufe - der Durchsetzung bedienen soll. Letzteres könnte unvermeidlich werden, wiederholt sich das, was am 14. Juni 2006 in der Dortmunder Innenstadt passierte: Damals eskalierte vor dem WM-Spiel Deutschland gegen Polen die Situation: Die Polizei musste 150 registrierte Hooligans einkesseln, es flogen Steine, Leuchtraketen, Tische und Stühle.

Mehr als 400 Krawallmacher, Deutsche wie Pole, wurden damals festgenommen und Dortmunds Polizeipräsident Hans Schulze ließ sich wie folgt zitieren: "Das waren Dimensionen, die alles sprengten, was wir bisher erlebt hatten." In den Jubelorgien um das Last-Minute-Tor von Oliver Neuville wollte das indes niemand so richtig mitbekommen haben. Es war ja Sommermärchen.

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